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Anna Daucíková, „Výchova dotykom (Upbringing by touch)“, 1996.  

Ausstellung

Transgender-Künstlerin Daucíková in Berlin: Die tanzenden Hände

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Bin ich Frau, Mann, beides? Anna Daucíková mit einer Schau in den Berliner Kunst Werken.

Freilich gab es im realen Sozialismus der sechziger, siebziger Jahre keine Information, kaum Aufklärung darüber, was heute in der Wissenschaft wie im gesellschaftlichen Leben auch von den Betroffenen selbst emanzipiert mit „queer“, „Transgender“ oder „Drittes Geschlecht“ bezeichnet wird. Das also, was in Deutschland, in der Weimarer Republik bereits akzeptiert worden war. Damals und noch lange Zeit danach herrschte Schweigen in den Familien, Schweigen in den Schulen und in den staatlichen Polikliniken auch.

Anna Daucíková, 1950 in Bratislava geboren, spürte längst schon an der Akademie der Künste, wo sie studierte, dass sie anders war als andere Mädchen, Mitstudentinnen, junge Frauen – jene mit dem traditionellen Rollenbild von Liebe, Sexualität, Ehe, Mutterschaft. Bin ich Frau? Mann? Bin ich beides? Sie wollte das erkunden, zog für zehn Jahre nach Moskau. Ausgerechnet!

Die poststalinistische Stadtgesellschaft gab sich schließlich keineswegs anders im Umgang mit Leuten, die „anders“ sind, fühlen, denken, eine andere Sexualität haben als die heterogene. Aber Moskau war eben viel größer, multikultureller, auch anonymer. Und Moskau hatte, neben Leningrad (St. Petersburg), die Geschichte der frühen sowjetischen Avantgarde, mit diesem emanzipierten, kühnen utopischen Geist der Entgrenzung hin zu freiem Leben, freier Liebe. Ermutigt von der Kunst des Experimentellen, des Geistigen und Körperlichen.

Längst wieder in Bratislava, begann Daucíková nach dem Fall der Berliner Mauer, dem Ende des Kalten Krieges, der Trennung der Slowakei von Tschechien den „mentalen Körper“, ihren eigenen Körper, zu erforschen, ihr „Dazwischen-Sein“. Und sie fing an, konzeptionelle Kunst zu machen. Ein nachhaltiges Ergebnis dieser Suche und produktiven Zeit ist der zuvor auf der Documenta 14 ausgestellte 18-teilige, rhythmische Fotozyklus „Upbringing Exercise“ von 1996 in Schwarz-Weiß.

„Along the Axis of Affinity“, 2015, Videostill.  

Der Körper und sein Abbild

Zum Beispiel: Daucíková selbst, eine androgyne, schmale, asketische Erscheinung mit raspelkurzen Haaren, steht in einem anonymen Waschraum, die weißen Fliesen strukturieren eine Art Gittermuster, horizontal, vertikal, streng richtungsweisend, wenn man es so deuten wollte, eigentlich ohne Alternative. Mit fester Körperspannung presst die Fotografin in ihrem denkwürdigen Selbstversuch die Brust gegen eine Glasplatte. Die Sprache ihrer feinnervigen Hände ist dabei energisch, hart, ja, beinahe gewalttätig. Der Busen, Attribut des Weiblichen unterm Pulli, wird derb verflacht, mit dem Druck der Hände verformt zu einer zweidimensionalen Oberfläche: Der Körper und sein Abbild. Dazwischen die Scheibe, Werkzeug nur, um Ambivalenz zu erzeugen. Und ein neues Körper-Bild.

Der Körper, will das besagen, unterliegt einem Zustand des Werdens. Er erwartet sein künftiges Dasein in der Welt. In der Ausstellung der Berliner KW Auguststraße werden alle Bilder der Reihe in verglasten Rauminstallationen präsentiert. Geometrien und zugleich poetische und philosophische Erzählstränge sind typisch für diese Künstlerin und Transgender-Aktivistin, die in Berlin mit dem Kunstpreis der Schering-Stiftung geehrt wurde.

Und immer wieder, in den Fotos und Filmen, die auf Monitoren laufen, ist es die besondere Sprache des Körpers, vor allem der Hände, die einen packt, die beredt ist und unser Kopfkino in Gang setzt. Die Slowakin artikuliert auf ihre ganz eigene, zunächst auch rätselhafte und irritierende Weise ein Selbstverständnis, das weit weggeht von tradierten Vorstellungen von Identität.

Daucíková nämlich inszeniert nicht eine symbolische, metaphorische, erzählerische Theatralik. Der Einsatz von Glasscheiben, auch für ein Video mit Gläsern, in denen ein kreisender Finger für eine stark sexuelle Aufladung der Szenen sorgt, deutet Geschlechterspezifisches an – und schaltet es zugleich auch wieder aus.

Umso mehr „tanzen“ die Hände, unaufhörlich, spielerisch trotzig, manisch, obsessiv. Und subversiv. Denn der Hintergrund dieser Kunst ist und bleibt hoch politisch. Sie greift seit alters her gesetzte Normen an, überholte Konventionen – und unerträgliche Vorurteile.

Termine

Berliner Kunst Werke, Auguststr. 69: bis 18. August. www.kw-berlin.de

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