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Jean-Léon Gérôme (1824-1904): Junge Griechen beim Hahnenkampf.
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Jean-Léon Gérôme (1824-1904): Junge Griechen beim Hahnenkampf.

Kunst

Die Totgesagten reden wieder

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Nach den Irrtümern und nach der Dramatik: Anmerkungen zu Ausstellungen über die französische Salonmalerei des 19. Jahrhunderts in München und Zürich.

Salonmalerei“ ist schon lange kein Schimpfwort mehr. Spätestens seit Werner Hofmann 1960 in seinem Buch „Das irdische Paradies“ das entzweite 19. Jahrhundert in seinen unterschiedlichen Motiven und Ideen ausbreitete, wurden die Augen wieder geöffnet für die Schönheiten der in den Pariser Salons ausgestellten Kunstwerke. Die Konzentration der Kunstgeschichte auf die Künstler, die von den Jurys abgelehnt worden waren, ließ nach. Als dann die zeitgenössische Kunst sich selbst für postmodern erklärte, rieb man sich verwundert die Augen und staunte darüber, wie so viel – angeblich überwundene – Vergangenheit wieder möglich war.

Zwei Ausstellungen tun jetzt so, als müssten sie den Kampf aufnehmen gegen ein Publikum, das nach wie vor im Kampf gegen den Kitsch die Hauptaufgabe der Moderne sieht. Fast dreißig Jahre nach Jeff Koons’ Zusammenarbeit mit Cicciolina! Das Kunsthaus Zürich zeigt etwas mehr als 100 Werke von 57 Künstlerinnen und Künstlern unter dem Titel „Gefeiert und verspottet – Französische Malerei 1820-1880“. Die Kunsthalle München zeigt ebenso viele Werke von 67 Künstlern. Titel der Ausstellung ist: „Gut Wahr Schön – Meisterwerke des Pariser Salons aus dem Musée d’Orsay“.

In Zürich sind außerdem Arbeiten von Cézanne und Courbet, von Manet und Monet zu sehen. Das erleichtert, Brüche und Verwandtschaft zu sehen. Die Münchner Ausstellung bietet eine opulente Schau ausschließlich der Salonmalerei, die sie in ihrer ganzen Vielgestaltigkeit vorführt.

Da ist ein Familienporträt aus dem Jahre 1878, ein Gemälde, das den Kampf mit der Fotografie eingeht. Und ihn gewinnt. Eine solche Detailgenauigkeit war damals fotografisch allenfalls in Porträts zu erreichen und nur, wenn man auf das Atmosphärische verzichtete. Hier ist beides zusammen, und noch etwas: Bewegung. Die Schwiegereltern des Malers sitzen nebeneinander in zwei ein wenig schräg zueinander stehenden Sesseln, hinter ihnen steht die Gattin des Malers, selbst Malerin, rechts von ihnen die Schwägerin. Die zieht einen Handschuh an oder aus. Das ist mehr als die fotografische Konkurrenz damals zeigen konnte.

Henri Fantin-Latour (1836-1904) war befreundet mit Manet und anderen von den Jurys abgelehnten Malern. Er sah sich als einer von ihnen. In der Münchner Ausstellung erfährt man das nicht. Auch nicht im Katalog. Der Zürcher Katalog, der zwanzig Seiten mit Kurzbiografien bietet, erwähnt nicht nur seine enge Freundschaft mit Manet, sondern auch, dass Fantin-Latour 1863 an einer Ausstellung der vom Salon abgelehnten Künstler teilnahm. Man sieht: Real waren die Avantgardisten und die Salonmaler keine Antipoden. Sie wurden es erst in der Konstruktion der Geschichtsschreibung. Das hat seinen Grund nicht so sehr, wie man annehmen könnte, im Wunsch nach Vereinfachung, sondern eher im Drang zur Dramatik, ja zur Sentimentalität. Beides Haltungen, die sie mit der von ihr bekämpften Salonmalerei teilt.

Schon ein Gang durch die Ausstellungen, ein Blättern in den Katalogen macht deutlich, dass es „die“ Salonmalerei niemals gab. Hält man sich dann noch vor Augen, dass den kaum mehr als zweihundert hier gezeigten Gemälden 5184 gegenüberstehen, die allein dem Besucher des Salons von 1880 gezeigt wurden, begreift man, dass die Salons mehr eine Leistungsschau der Gemäldeindustrie waren als eine Ausstellung hervorragender Einzelwerke. Die Botschaft war der gewaltige Output selbst.

Dem Besucher zum Beispiel der Münchner Ausstellung werden schnell ganz andere Dinge auffallen als der Gegensatz zur Avantgarde. Zum Beispiel Jean-François Raffaëlli (1850-1924). Der Sohn italienischer Einwanderer wuchs in Paris auf. Er war Maler, Autor, Bildhauer und Schauspieler. In München ist sein Gemälde „Die Familie von Jean, dem Hinkenden“ (1876) zu sehen. Ein Bild wie von Wilhelm Leibl (1844–1900). Dessen Arbeit „Drei Frauen in der Kirche“ entstand 1881. Leibl hatte Kontakt mit Courbet und entdeckte 1870 bei einem kurzen Aufenthalt in Paris auch die Arbeiten Manets.

Vielleicht gibt es bereits Darstellungen dieser spezifischen Art des europäischen Realismus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man würde sehen, wie von Russland bis Spanien, von Schweden bis Italien die Entdeckung der ländlichen Bevölkerung, das Interesse an ihren Gesichtern, ihren Geschichten zwei Generationen von Künstlern beschäftigte. Eine ganz ähnliche Zuwendung zu den heimatlichen Traditionen findet man auch in Musik und Literatur. Man sieht das oft als Nebenprodukt der Entdeckung der Nation. Steht man vor Raffaëllis Gemälde, wird einem klar, dass es sich eher um die Vergegenwärtigung von etwas handelt, das der Nation entgegensteht. Es wird etwas gezeigt, das von der durch die Nation betriebenen Modernisierung bedroht oder gar vernichtet wird. Überall in Europa.

„Der Friedhof von Saint-Privat“ von Alphonse de Neuville (1835–1885) entstand 1881. Das Gemälde schildert die endgültige Niederlage jener französischen Truppen, die im August 1870 versucht hatten, sich auf dem Friedhof des Dorfes Saint-Privat zu verbarrikadieren. Die deutschen Truppen stürmen den Friedhof. Neuville erklärte zu seinen Schlachtenbildern: „Ich möchte unsere Niederlagen so darstellen, dass das Ehrenhafte, das sich für uns daraus ergab, deutlich wird; ich glaube, dass ich damit unseren Soldaten und unseren Militärchefs Ehre erweise und ihnen Mut für die Zukunft gebe.“

Wer links die an einer Wand stehenden schwerverletzten Franzosen sieht, wird zwar erkennen können, dass ihr Aufrechtstehen ihren Heroismus darstellen soll. Aber der überwältigende Eindruck ist doch der von dessen Sinnlosigkeit. Jedenfalls für den heutigen Betrachter. Der steht vor dem Gemälde und weiß mit einem Mal: Von Leichen, wie sie Alphonse de Neuville gemalt hat, kommt das Großdia „Dead Troops Talk“ von Jeff Wall. Die Aufnahme wurde am 8. Mai (!) 2012 für mehr als dreieinhalb Millionen Dollar verkauft. Die Salonmalerei ist angekommen in unserer Gegenwart. Die Totgesagten reden wieder.

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