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„After Illusion“ von Zahran Al Ghamdi im Pavillon Saudi-Arabiens.

Biennale

Totenschiff, Sonne und Meer

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Der Kunstbiennale in Venedig fehlt ein überzeugendes Motto. Doch einzelne durchdachte Beiträge nehmen gefangen.

Mit der „Barca nostra“, jenem kleinen Seelenverkäufer, der auf dem Mittelmeer 700 Flüchtlinge in den Tod riss, hat die 58. Biennale Arte di Venezia ihr Wahrzeichen gefunden. Christoph Büchel hat dieses reale Objekt weniger in ein Kunstwerk denn in ein Mahnmal verwandelt. Das hätte schiefgehen können, denn die Idee „gescheitertes Flüchtlingsschiff“ gab es bereits auf der Documenta 14 von 2017 und das jetzige Boot liegt im Arsenale, in der alten Werft der Serenissima. Das Arsenale mit seinen imposanteren Gebäuden, als man sie in den Giardini findet, ist neben diesen Gärten das zweite Hauptgelände der Biennale.

Das Konzept der „Barca nostra“ passt dazu: Das kaputte Wassergefährt fällt in einer Werft keinem auf. Büchel und die Biennale hatten jedoch doppelt Glück. Das Totenschiff war sofort ein beliebtes Fotomotiv – und die italienische, menschenfeindliche Regierung machte durch ihren Verbotswunsch hervorragende Werbung für dieses Werk und damit für die traditionsreichste Kunstausstellung der Welt. Mag die mit ihrer Fülle den Besucher erschlagen, so sperrt sie sozusagen weltdemokratisch niemanden aus. Und auch nicht ein: Jeder kann sich heraussuchen, was und wie viel er sehen möchte.

Dabei ist der Kunstgenießer heuer im Arsenale besser aufgehoben als in den Giardini. Wer nur einen Tag Zeit hat, sollte in den Werft-Gefilden bleiben, zumal die dortigen Angebote von 24 Nationen (in der gesamten Stadt gibt es 90) meist sehenswert bis beeindruckend sind. In den Gärten gibt es hingegen brutale Ausfälle (Ägypten) und dazu allerhand gut Durchgekautes (etwa Österreich, Großbritannien, USA, Rumänien, Griechenland, Niederlande, Serbien).

„Sun & Sea (Marina)“ im litauischen Pavillon erhielt den Goldenen Löwen.

Überhaupt herrscht unter den Künstlern und Kuratoren eine deutlich spürbare Unsicherheit, deswegen nehmen relativ viele ihre Zuflucht zur konstruktivistischen Bildsprache. Wenigstens in ihr herrscht Klarheit. Zugleich wirken die etablierten Kunst-Länder lustlos. Da ist es einfach erfrischend, wenn andere ihre Energie, ihr Selbstbewusstsein zeigen und vielleicht ihre Hoffnung auf Freiheit – wenn auch nur von der Obrigkeit „gnädig“ geduldet.

Zahran Al Ghamdi hat eine hoffnungsfrohe Installation für Saudi-Arabien entwickelt. 50 000 Fruchtkapseln liegen im und fliegen durch den Raum. Sie wurden von ihr und zehn anderen Frauen aus Leder in alter Technik gefertigt und teils mit Baumwolle gefüllt. Klänge erfüllen die Halle – und die Kapseln reagieren tönend auf Berührung. Die Besinnung auf die eigenen Traditionen und Eindrücke geben diesen Künstlerinnen, etwa auch von den Philippinen oder den Vereinigten Emiraten Kraft – egal, ob sie gewohnte Medien neu nutzen oder ob sie sich per täuschend echtem Spiegel-Abgrund oder Video ausdrücken. Herausragend in diesem Umfeld ist Inci Eviner (Türkei). Sie entwickelt einen kafkaesken Vorortplatz mit sauberen Ecken und Winkeln, tückischen Sitzgelegenheiten und Gittern – und fragmentierten Menschen, die hier herumhuschen und mit Zwängen kämpfen.

Andere Länder schicken keine Einzelkämpfer ins Rennen. Südafrika und insbesondere Ghana und Indien versuchen, einen Kunst-Querschnitt ihres Landes zu bieten. Da gibt es Biederes, aber ebenso Überraschungen. GR Iranna zum Beispiel lässt seine Landsleute über die Wand „laufen“: Ein Feld aus Sandalen, die nur aus Holzsohle und einem Metallknopf für die ersten beiden Zehen bestehen, holt viele, viele Inder nach Venedig. Chile und Peru hingegen gehen auf Konfrontationskurs. Beide stürzen sich wohldurchdacht und humorvoll auf Imperialismus und Sexismus der Europäer. Dieses Selbstbewusstsein hat die Jury beim Litauen-Beitrag („Sonne & Meer“) mit einer Trophäe für eine Untergeher-Performance belohnt.

All das ist eine mächtige Konkurrenz für Hauptkurator Ralph Rugoff. Der präsentiert im Arsenale die Parallel-Version seiner Schau „May You Live in Interesting Times“ (wir berichteten). Konkurrenz hin oder her: Seit vielen Jahren ist Rugoffs Exposition die schlechteste, weil ohne Konzept. Auch sein Hinweis, je Ausstellung ein anderes Gesicht des gleichen Künstlers zu zeigen, geht nicht auf. Sie alle arbeiten ja mit innerer Konsequenz. Die Fülle von Schreckensszenarien zwischen verdecktem Horror – die kluge Film-Schichtung „48 War Movies“ von Christian Marclay – und offenem Horror (beispielsweise Ed Atkins eklige computergenerierte Menschen) macht den Besucher stumpf. Großes und Lautes wie der peitschende Höllen-Thron von Sun Yuan und Peng Yu erzwingen knallig die Aufmerksamkeit. Sie sollte eigentlich nachdenklich machenden Werken wie etwa den Molekül-Spielen Tomás Saracenos gelten.

Kunstbiennale Venedig: bis 24. November. www.labiennale.org

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