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So expressiv wie surreal: "Sie" entstand 1920.

Expressionismus

Tollkühn fließt die Farbe

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Dresdens Albertinum setzt die Renaissance des Expressionisten Carl Lohse fort ? und zeigt: Er gehört in der ersten Reihe der damaligen Wilden.

Irrtum, zu glauben, der in der hiesigen Kunstszene dauerpräsente deutsche Expressionismus sei längst bis in die hintersten Winkel beleuchtet und ausinterpretiert, jener Verlauf der Farben, Formen, Konturen der Avantgarde zwischen Vision und Wirklichkeit seit 1905. Carl Einstein schrieb über den markanten, gegen die bestehende Ordnung revoltierenden Stil, es hab nun eine Epoche begonnen, wo wirklich Unmittelbares als Imagination gelte, Wahres durch Nähe zum Menschen, Vision und Traum „über langweilige Allegorien siegten ...“

In Standard-Katalogen über den Expressionismus aber, egal, ob in west- oder ostdeutschen Verlagen erschienen, blättert man vergebens, um etwas über den Maler Carl Lohse, 1895 geboren in Hamburg, gestorben 1965 in Bischofswerda nahe Bautzen zu lesen. Immerhin gibt es einen Wikipedia-Eintrag. Lohses frappierender erster Schaffensrausch war ausgerechnet in der Oberlausitz passiert, dort, wo auch der heutige Noch-immer-Expressionist Georg Baselitz herkommt. Und Bischofswerda sollte auch nochmals der Ort von Lohses intensivsten Arbeitsphasen werden. Dennoch war dieser furiose Bildermacher – und gelegentliche Plastiker im Stile des Berliner Kubisten William Wauer – bis vor Kurzem nur Eingeweihten ein Begriff.

Carl Lohse wird wiederentdeckt

Unlängst hat das Ernst-Barlach-Haus Hamburg mit der längst fälligen Wiederentdeckung begonnen. Nun setzt das Dresdner Albertinum nach, in dessen Sammlung sich schon lange etliche Hauptwerke Lohses befinden, die aber zu DDR-Zeiten und auch bei der Expressionismus-Aufbereitung mit einer großen Schau der Nationalgalerie (Ost) 1986 so gut wie keine Rolle spielten. Sozusagen wiedervereinend verbindet nun die Elbe diese Hanseatisch-Sächsische Künstlerbiografie. Und die ist voller Brüche, was die Standbilder, die Landschaften und Porträtköpfe Lohses spiegeln, diese eigensinnigen, tollkühnen Farbkombinationen, die radikale Vereinfachung bei einem energetischen Rhythmus der Formen. 

Niemand bei der Hamburger Hochbahn hat anno 1924 gewusst, was dieser Straßenbahnschaffner Lohse, der bis 1929 täglich korrekt und ohne Aufsehens seinen Dienst versah, Jahre zuvor und zwar in atemberaubender Farbmanier betrieben hatte: „Mit seiner Führung und seinen Leistungen waren wir zufrieden“, heißt es im Zeugnis der Hanseatischen Verkehrsbetriebe.

Allerdings war Lohses Talent dem Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, schon um 1909 aufgefallen, denn er schickte den Knaben prompt in die Malschule von Arthur Siebelis und empfahl ihn 1913 der Akademie Weimar. Albin Egger-Lienz und Fritz Mackensen waren da seine Lehrer. Der Erste Weltkrieg aber machte dem ein Ende. Lohse musste an die Front und geriet in englische Gefangenschaft. Entlassen, kam er 1919 nach Bischofswerda in Sachsen. Dort fand ein Kunstfreund Gefallen an seiner Malerei und kaufte Bilder. Bis zum Frühjahr 1921 entstand Motiv auf Motiv, darunter „Kleine Stadt“, 1920, das Gemälde gehört heute den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und ist Teil eines bislang weithin unbekannten, umso bemerkenswerteren Frühwerks. Abstraktion, Reduktion, Farbwahl sind nachgerade genial auf die Spitze getrieben, die Farbkombinationen sind gewagt. 

Oft kippt die Perspektive. Die ganze Landschaft scheint wie von einem Erdbeben geschüttelt zu werden, so, als ob alle Gewissheiten verrutschten. Damals beteiligte Lohse sich an einer Ausstellung der Dresdner Sezession, rasch folgte 1921 eine Personalschau in der Galerie Richter. Aber trotz des beginnenden Erfolges kehrt er im gleichen Jahr abrupt nach Hamburg zurück. Das muss familiäre Gründe gehabt haben, denn er bestritt nunmehr mit Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt und heiratete. Der Straßenbahnschaffner Lohse malte in dieser Zeit nicht, eine Schaffenskrise indes ist auch nicht ausgewiesen, biografisch überliefert ist nur, dass er sich den Zeugen Jehovas anschloss, was für eine Sinnsuche spricht. Erst 1929 begann er wieder zu malen, nachdem er Hamburg endgültig verlassen hatte und abermals nach Bischofswerda zog, diesmal für immer. Er fühlte sich erneut angezogen von der Landschaft, der er viele Bilder widmete, ebenso den Porträts nahestehender Menschen, Künstlerkollegen, Nachbarn und deren Kinder. Doch die an die Macht gekommenen Nazis diffamierten seine Kunst als „entartet“. Er malte heimlich weiter. 

Und in der frühen DDR-Zeit war der von schockierenden Farbklängen durchzogene Stil des Wahl-„Ostlers“ für die damalige stalinistische Kunstdoktrin wiederum zu „formalistisch“, gar „bürgerlich dekadent“. Er wehrte sich mit Arbeit. Oberlausitzer Landschaften und Stillleben, auch wagemutige reine Abstraktionen prägen das Spätwerk. Es erzählt in dieser Ausstellung, verbunden mit den frühen Bildern, in denen Expressionismus, Kubismus, Futurismus eine unbändige, packende Liaison eingehen, von einem Künstler, dessen Werk sich in keine Schublade packen lässt. 

Ein wilder, zugleich zärtlicher Farbmagier

Nein, es gibt keinen geschlossenen Stil, keine Methode. Lohse konnte Wald, Flur, Berg und Tal, Blumenbilder, beängstigende Gewitterfronten und Sternenhimmel malen, in die man förmlich hineinläuft, ja, eingesogen wird. Fast so, wie es einem bei Van Goghs Bildern ergeht, die uns lehren, dass Im-und Expressionismus ja doch nur nur zwei Seiten ein und derselben Kunstabsicht sind. Manchmal scheinen Lohses Häuserfronten vor unseren Augen zu tanzen; die prismatischen Fassaden sich zu biegen. Merkmale des Surrealen, Bedrohlichen fließen in solche Motive ein, als seien es Kriegserinnerungen. Dann wieder fließt die Farbe frei, wie gelöst von allen Zwängen abstrakt über die Fläche. 

Zweifellos gehört Lohse in die vordere Reihe der Maler des 20. Jahrhunderts. Ein Experimentierer, ein wilder, zugleich zärtlicher Farbmagier, ein Expressionist, frei von jeglicher Manieriertheit. Sein schwarzhäutiger „Jazzsänger“ im blutroten Jackett von 1919/21 etwa ist, wie viele Porträts aus jener Zeit, eine Explosion der Sinne. Als hätten ihm die Brücke-Maler ihre Farbpalette gegeben und er hätte nur noch mehr Leuchtkraft draufgesetzt. 

Viele der Konterfeis, gerade auch das eigene, sehen aus, als habe er es aus verkohlten Holzresten zusammengesetzt. Oder sie werden konturiert wie vom harten Strich des Karikaturisten, allerdings ohne sezierenden Impetus. Es geht allein um emotionalen Ausdruck. Einer Frau mit stahlblauen Augen und kupferrotem Kurzschopf, gemalt mit Öl auf Pappe um 1920, verpasst er einen schilfgrünen Teint. Alles besteht aus Farbfeldern und bizarren Details, die sich indes zu höchster Intensität und Lebensnähe fügen. 

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