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Timm Rautert: Tokaido Express, Tokio, 1970. Foto: Timm Rautert
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Timm Rautert: Tokaido Express, Tokio, 1970.

Fotografie

Timm Rautert im Museum Folkwang: Bloß kein Irgendwas

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Das Museum Folkwang in Essen ehrt den Fotokünstler Timm Rautert mit einer enzyklopädischen Retrospektive.

Als Fred Astaire einmal nach der Bedeutung des Komponisten Irving Berlin für die amerikanische Musik gefragt wurde, sagte er knapp: Irving Berlin ist die amerikanische Musik. Es mag ein wenig verwegen klingen, aber über den Fotografen Timm Rautert könnte man zu einer ähnlichen Formulierung kommen. Natürlich ist Timm Rautert nicht in persona die deutsche Fotografie, aber sein seit den 60er Jahren entstandenes Werk wirkt wie ein Spiegel der Geschichte und Emanzipation dieses Mediums in dieser Zeit.

Das Essener Folkwang Museum breitet es derzeit mit mehr als 400 Arbeiten in allen Facetten aus und erinnert den Flaneur dabei an alle Chancen und Möglichkeiten, die sich dieser Kunstform in der zweiten Jahrhunderthälfte erschlossen haben. Es ist die Emanzipationsgeschichte eines Künstlers und zugleich eines Mediums, das sich – hierzulande besonders deutlich – plötzlich an einen Scheideweg befand: Hier die traditionelle, kunsthandwerklich aufgestellte Fotografie, die stets auch eine Dienstleistung ist – sei es für einen Auftraggeber oder wenn man so will, den sichtbaren Teil der Wirklichkeit. Und da die museale Fotokunst, die sich ihre eigenen Anforderungen stellt – im Dialog mit Malerei, Skulptur oder dem Bewegtbild.

Rautert, Jahrgang 1941, hat diese Janusköpfigkeit seines Mediums früher als andere begriffen: Seine ab 1970 entstandenen Arbeiten der Werkgruppe „Bildanalytische Fotografie“ dekonstruieren das mediale Sehen so gründlich wie in derselben Zeit der „strukturelle Film“ das Kino neu erfand. Im ersten Ausstellungsraum erlebt man an Hand früher Studentenarbeiten wie rasant sich diese Erweiterung seines Blicks vollzogen haben muss.

Seit Rautert 1966 an der Essener Folkwang-Schule sein Studium bei Otto Steinert aufnahm, scheint sich für ihn in erstaunlicher Kontinuität erfüllt zu haben, was sich Fotografen zu allen Zeiten wünschten: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Dieses Glück beschränkte sich freilich nicht auf die Schauplätze seiner dokumentarischen Arbeiten, die in den 70er Jahren zu klassischen Bildstrecken im „Zeit“-Magazin oder „Geo“ führten: Über die Heimkehr des türkischen Gastarbeiters Ahmet, eine Kinder-Psychiatrie oder die täuferische Gemeinschaft der Hutterer in den USA. Bereits 1971 gelang ihm beim Besuch von Andy Warhols Factory ein ikonisches Porträt des Künstlers, der für Rauterts Kamera bedächtig die Augen schloss.

Es muss vor allem seine Nähe zur Bildenden Kunst gewesen sein, die Rautert dazu inspirierte, mit seiner Kamera nicht nur die Konzeptkunst eines Walter de Maria zu dokumentieren, sondern ebenso konzeptuell mit der Kamera zu betreiben. 1970 belichtet er einen 36er-Kleinbildfilm so aus, dass nur mehr gerahmtes Weiß auf den Bildern zu sehen ist. Später überträgt er das serielle, konzeptuelle Arbeiten auf die soziale Porträt-Fotografie, etwa in den Serien „Deutsche in Uniform“ (1974) oder der 1993 mit dem Autor Ulf Erdmann Ziegler realisierten Reihe „eigenes Leben“.

Vielleicht brauchte es einen strengen Lehrer wie Otto Steinert, um die Fotografie gleichermaßen zu bedienen wie sie sich selbst dienstbar zu machen. Auch Steinert war in seiner Zeit so etwas wie eine Personifikation der „deutschen Fotografie“. In der dogmatischen Strenge und einer geradezu besessenen Suche nach dem Strukturellen und Semi-Abstrakten in der Realität stand er für den Modernismus der Nachkriegszeit. Auch das bereitete der künstlerischen Anerkennung des Mediums den Weg – und setzte den Studierenden doch enge formale Grenzen, verknüpft mit höchsten handwerklichen Ansprüchen. Erst die Düsseldorfer Akademieklasse von Bernd und Hilla Becher und Rauterts eigene Leipziger Lehrtätigkeit hatten einen ähnlich prägenden Einfluss auf die Entwicklung und Emanzipation der Fotokunst in Deutschland.

Was Rauterts eigenes Werk freilich so einzigartig macht, ist, wie es selbst über den Dogmen steht. Er konnte zugleich radikale konzeptuelle Werke schaffen und Aufträge für Industrie-Jahrbücher annehmen, wie sie schon Otto Steinert hätte bebildern können. Für gewöhnlich verzeiht es der Museumskontext nicht lange, wenn Künstler auch angewandte Werke schaffen. Timm Rautert passiert diese Grenzen dagegen mit schlafwandlerischer Sicherheit. Wie gelang es ihm, dabei stets die richtigen Projekte auszuwählen? Im Gespräch reichen ihm drei Worte für seine Maxime, und es klingt so einfach, wie einen Auslöser zu drücken: „Bloß kein Irgendwas“.

Folkwang Museum Essen: bis 16. Mai. www.museum-folkwang.de – parallel zeigt die Kölner Galerie Sandro Parrotta Rauterts Collagen unter dem Titel „Der zweite Blick“ (bis 10. Mai).

Selbst mit U.E., 1969.

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