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Shirana Shahbazi, „Mädchen laufend“, 2017.

DZ-Bank

In die Tiefe des Raums

In der DZ-Bank nähert man sich fotografisch der Dreidimensionalität.

Wie ist das mit dieser rätselhaften Wahrnehmung? Im Laufe der Philosophiegeschichte hat es die verschiedensten Ansätze gegeben, dieses Phänomen genauer zu erklären. Ein Modell musste hierbei besonders häufig herhalten: die Camera Obscura, die unter anderem von Leonardo da Vinci oder René Descartes gerne zum Veranschaulichen verwendet wurde. Seitdem gilt es als geläufiges Modell zur Funktionsweise des Auges. Im Art Foyer der DZ-Bank widmet sich die Ausstellung „Nullpunkt der Orientierung. Fotografie als Verortung im Raum“ dem Thema der Räumlichkeit in der Fotografie. Das Bild der Camera Obscura vereint zwei Zugänge zur Räumlichkeit im Foto, die in dieser Ausstellung wesentlich sind: vom Standpunkt der Wahrnehmung oder vom Standpunkt der Fotografie aus.

Einige der ausgestellten Werke laden dazu ein, dass man sie körperlich wahrnimmt. Der Künstler Raphael Hefti zum Beispiel stellt eine raumhohe, doppelbeschichtete Scheibe Luxar-Museumsglas aus, die im Vorbeigehen ihre Farben variiert. Jose Dávila hingegen hängt Schwarz-Weiß-Fotos in Rahmen, deren zentrale Motive er ausgeschnitten hat. Dadurch blickt man unmittelbar auf die Museumswand hinter dem Bild. Die Ränder des Bildes werfen einen Schatten auf die Wand und geben dem Bild somit Räumlichkeit zurück. Es ist interessant, dieses Schattenspiel zu beobachten, wenn man seinen Kopf vor den Bildern hin und her bewegt. Einen anderen Zugang zum Thema hingegen fand Susa Templin. Sie druckte ihre Fotoserie „Totale Wohnung“ (2011-2013) auf raumhohe Pappen, wodurch ihre Fotografien begehbar werden.

In der Fotoserie Templins ist aber auch zugleich der Standpunkt des Fotografischen entscheidend: Man sieht ein Fenster in einem schmucklosen Raum. Dieses hat eine Doppelbedeutung: Einerseits steht es für eine Öffnung zur Welt, auf der anderen Seite für das Loch der Camera Obscura. Der Raum wird zur Kamera. Dieses Motiv findet sich auch auf Barbara Probsts „Through the Looking Glass“ (1992). Alexandra Baumgartner und Miriam Böhm hingegen sprengen die räumliche Perspektive von Fotografie, indem sie ihren Fotografien Objekte beistellen.

Man muss diese Werke geradezu als eine dreifache Gegenbewegung zur zunehmenden Digitalisierung betrachten: Erstens als Flucht vor der zweidimensionalen Fläche der Displays, hinein in die fotografierte Räumlichkeit. Die zweite Gegenbewegung volllzieht sich im Unmotivischen vieler Bilder. Wenn im Internet jedes Motiv tausendfach verfügbar sei, dann brauche ein Fotograf sich um Motive nicht mehr zu scheren, scheinen viele Künstler zu denken. Drittens sind einige Fotografien aufgrund ihrer besonderen Herstellungsweise Unikate, die gegen das copy & paste des virtuellen Raumes opponieren. So zum Beispiel Jan Paul Evers’ „Die Sockel ungleichformulierter Offenkundigkeiten“ (2016): Hier wurde in einer Dunkelkammer Fotopapier immer wieder neu belichtet, um graue Blöcke zu erzeugen.

Der Umfang der Ausstellung wird dem klar umgrenzten Thema gerecht: Die Ausstellung ist groß genug, dass man sich kontemplativ in alle Werke vertiefen kann, aber nicht zu groß, dass man ermüdet an der Hälfte der Werke vorbeigeht.

Bei all diesen verschiedenen fotografischen Verfahrensweisen stellt sich die Frage, ob Fotografie überhaupt noch der adäquate Begriff für die in dieser Ausstellung versammelten Erscheinungsweisen ist. Christina Leber, Leiterin der DZ-Bank Kunstsammlung, spricht stattdessen lieber vom „Fotografischen“. Im Zug dieser Äußerung verrät sie auch, welches ihr Lieblingsstück ist: Eine winzige Fotografie von Louise Lawler. Darauf sieht man wiederum ein Bild von einem hinter einer Ecke auf dem Boden abgestellten Werk Gerhard Richters. Hat die Malerei vielleicht ausgedient?

DZ-Bank, Frankfurt: Bis zum 25. Mai. www.dzbank-kunstsammlung.de


Autor: Joshua Schößler

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