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Thomas Struth Fotografie: Auge in Auge mit dem Teilchenbeschleuniger

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Von: Ingeborg Ruthe

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Thomas Struth, „Decay Station, ISOLDE, CERN“.
Thomas Struth, „Decay Station, ISOLDE, CERN“. © Thomas Struth

Thomas Struth fotografiert im CERN bei Genf Technik der Kernforschung.

Faszination und Beklemmung. Das sind die gemischten Gefühle beim Anblick der magischen Großfotos, die derzeit in der Berliner Galerie Hetzler zu sehen sind. Thomas Struth fotografierte Auge in Auge mit dem Teilchenbeschleuniger im CERN, der 1953 gegründeten Europäischen Organisation für Kernforschung. Die weltgrößte wissenschaftliche Einrichtung in der Nähe von Genf, halb auf französischem, halb auf Schweizer Boden, erforscht mithilfe von Teilchenbeschleunigern den Aufbau und die Materie von Elementarteilchen. Es geht um nichts weniger als um die Frage, woraus das Universum besteht und wie es funktioniert. Struth sagt, sein Interesse am CERN gelte den philosophischen Fragen, den politischen Dimensionen und bildnerischen Möglichkeiten, die der Spitzentechnologie innewohnen. Seine Aufnahmen fragen auch: Tragen diese hochkomplexen Konglomerate aus Kabeln und Ventilen wirklich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in sich?

Der CERN-Zyklus ist Teil von Struths Werkkomplex „Nature and Politics“, in dem der Documenta-Künstler untersucht, wie aus Ambitionen und menschlicher Vorstellungskraft skulpturale Realitäten werden. Hoch-Technologie ist sichtbar, Apparaturen, Kabel, Schaltkanzeln und Monitore werden zu enigmatischen Skulpturen. Als Laie guckt man, wie der alte deftige Spruch es besagt, „wie die Sau ins Uhrwerk“. Struths farbleuchtende Fotografien bieten uns Einblicke in Konstruktionen, die für die Öffentlichkeit unzugänglich sind. Ebenso spannend findet der Fotograf auch die Ideen hinter den Kabeln, Leitungen und Verkleidungen. Denn er möchte, dass seine Bilder von der Vorstellungskraft und dem technischen Vermögen des Menschen erzählen. Zugleich aber deutet er auf die Gefahr durch die Überforderung durch den technischen Fortschritt hin: Am Nutzen für die Menschheit hängt riesige Verantwortung, und nur wenige Experten können die Maschinen bedienen.

Er geht auf Distanz

Thomas Struth, geboren 1954, stammt aus Geldern bei Duisburg. Er studierte an der Kunstakademie Düsseldorf bei dem Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher und gehört zu dessen heute berühmten Meisterschülerinnen und -schülern neben Candida Höfer, Axel Hütte und seinen Vornamensvettern Gursky und Ruff. Auch Struth fand seine eigenwillige Bildsprache in der Fotokunst der Neuen Sachlichkeit seit den Zwanzigerjahren und folgt seinen Lehrmeistern der Konzeptfotografie. Angezogen von den technischen Konstrukten und deren Versprechen, dass dem Menschen alles möglich sei, geht er zugleich mit der Kamera auf Distanz. Seine präzisen Aufnahmen sind gleichsam sezierende Ausschnitte einer technoiden Wirklichkeit, die ihre humanen Werte verdrängt. Und so verwandelt er das Geschaute in eine packende Studie über unsere moderne Gesellschaft.

Ein regelrechter Gegenentwurf zur Fortschrittsgläubigkeit ist Struths monumentales Winterbild „Schlichter Weg, Feldberger Seenlandschaft 2021“: Einsamkeit, Sterblichkeit und Überlebenshoffnung schwingen in der Zweideutigkeit der Landschaft mit. Das Gewirr von Ästen unter dem frisch gefallenen Schnee stellt beinahe eine gleiche visuelle Konfrontation dar wie der Anblick der Geräte im Kernforschungszentrum. Und trotz seiner Zweifel, der Kritik an der ressourcenfressenden Konsumgesellschaft, an der unbelehrbaren Fortschrittsgläubigkeit und trotz der verstörenden Nachrichten von Putins Aggressionskrieg gegen die Ukraine mit atomarer Drohung ist Struth kein Pessimist. Er habe, sagt er, trotz alledem das Gefühl, die Menschen seien bereit dazu, die Dinge zu verändern.

Galerie Max Hetzler, Berlin : bis 21. Mai. www.maxhetzler.com

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