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The NEST Collective: „Was ist die Wurzel der Unterdrückung?!

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Von: Lisa Berins

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Dreharbeiten für das Kunstprojekt „The Female and The Foreign“ in London. Foto: The Nest Collective
Dreharbeiten für das Kunstprojekt „The Female and The Foreign“ in London. Foto: The Nest Collective © The Nest Collective

Documenta-Teilnehmer The NEST Collective über Schwarzen Aktivismus, ihr Projekt für die Wiesbaden-Biennale und ihre Pläne für die Großausstellung in Kassel.

Frau Ngumi, Herr Kasyoka, Ihr Kunstprojekt „The Feminine and The Foreign“ für die diesjährige Wiesbaden-Biennale besteht aus Film-Interviews mit Schwarzen feministischen und queeren Aktivist:innen. Worum geht es?

Njoki Ngumi : Unsere Arbeit hat vor zehn Jahren in Kenia begonnen als künstlerisches und gleichzeitig aktivistisches Kollektiv. Wir waren daran interessiert, wie es anderen Schwarzen Aktivist:innen in der Welt geht, wie sie über ihre eigene Identität denken und die Welt wahrnehmen, in der bestimmte Gruppen unterdrückt werden; Menschen, die keine heterosexuellen Cis-Männer sind und die aufgrund ihrer Hautfarbe nicht dazugehören. Die deshalb zu den „anderen“ zählen. Wir wollten wissen, worin diese Aktivist:innen Hoffnung schöpfen und was sie verbindet.

Sie haben die Interviews zuerst in Kapstadt und London und jetzt in Nairobi und - in Zusammenarbeit mit der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland - in der Rhein-Main-Region geführt. Welche Gemeinsamkeiten haben Sie gefunden?

Ngumi : Die Mechanismen sind überall auf der Welt sehr ähnlich. Es gibt marginalisierte und nichtmarginalisierte Gruppen, so funktioniert unsere Gesellschaft nun mal: Entweder gehörst du per Geburt zu den Privilegierten – oder eben nicht, und dann laufen die Dinge anders für dich. Dann ist es schwerer, im Leben voranzukommen, du besitzt weniger Möglichkeiten, du wirst mit weniger Würde behandelt. Das bekommst du früh im Leben zu spüren. Bezogen auf das Geschlecht gibt es bestimmte Erwartungen, und wenn du dich nicht konform verhältst, musst du mit sozialen Konsequenzen rechnen. Wenn du Schwarz bist, wirst du schneller kriminalisiert, wenn du aus einer armen Gegend stammst, wirst du viel eher stigmatisiert. Diese Erfahrungen sind überall gleich. Die weltweite aktivistische Arbeit hat versucht zu verstehen: Was ist die Wurzel dieser Unterdrückung? Wo müssen wir ansetzen, um diese Unterdrückung zu stoppen und die Menschen gleich zu behandeln?

In den vergangenen Jahren sind Protest-Bewegungen wie Black-Lives-Matter oder der feministische Aktivismus in der Öffentlichkeit sichtbarer und wichtiger geworden. Es hat sich doch viel im Bewusstsein der Menschen verändert, oder nicht?

Ngumi : Ja, und ich glaube nicht, dass es heute wirklich noch Leute gibt, die nicht wissen oder daran zweifeln, dass diese Benachteiligungen existieren. Es ist ja auch ganz einfach, das herauszufinden. Frag eine Person: Möchtest du wie eine Schwarze Person behandelt werden? Möchtest du wie eine homosexuelle Person behandelt werden, speziell in Ländern, in denen Homosexualität bestraft wird? Möchtest du so behandelt werden wie eine Frau, die mit einem Hijab in bestimmten Teilen von Frankfurt über die Straße läuft? Wir alle kennen die Antworten. Ich denke, die Menschen sind sich sehr, sehr bewusst darüber, dass es diese Ungleichbehandlungen tatsächlich gibt. Aber es ist natürlich einfach, das Thema zur Seite zu schieben und zu sagen: Das geht mich nichts an. Die Arbeit der Aktivist:innen besteht darin, aus diesen Fragen eine größere gesellschaftliche zu machen und es eben nicht als individuelles Problem dastehen zu lassen.

Ich kann mir dennoch vorstellen, dass die Erfahrungen der Aktivist:innen in Nairobi ganz andere sind als in London oder Wiesbaden.

Noel Kasyoka : Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft bestimmte Gruppen marginalisiert, ist, wie Njoki schon sagte, überall sehr ähnlich. Aber es ist natürlich etwas anderes, ob du wie in Nairobi eine Schwarze Mehrheitsgesellschaft hast oder in London und in Wiesbaden eine weiße. Ich habe viele Interviews in Wiesbaden geführt, und da war ich wirklich überrascht, als es um das Thema „Safe Spaces“ ging, also um öffentliche Orte, an denen du dich mit deiner Identität frei und geschützt fühlen kannst. In Deutschland gibt es sie für Schwarze Menschen nicht! Solche Räume existieren dort scheinbar nur im Privaten.

Zur Sache

Nach dreijähriger Pause präsentiert das Hessische Staatstheater Wiesbaden vom 1. – 11. September wieder die Wiesbaden-Biennale mit mehr als 50 Tanz-, Performance-, Film-, Video- und Kunst-Produktionen. Der Künstlerische Leiter des Festivals, Kilian Engels, verortet die Biennale im Umfeld „neuer Realitäten und postnationaler, postkolonialer, postdigitaler und postpandemischer Diskurse“.

Auf dem Programm stehen unter anderem die Uraufführung des interaktiven Film-Screenings des kenianischen Kollektivs The Nest sowie die im Jahr 2019 mit dem Goldenen Löwen der Biennale di Venezia ausgezeichnete Opern-Performance „Sun&Sea (Marina)“ von Rugile Barzdžiukaite, Vaiva Grainyte & Lina Lapelyte. In der Performance „Whitewashing“ thematisiert Rébecca Chaillon das Verhältnis der Schwarzen Frau zur weißen Gesellschaft. Zu den Höhepunkten zählt zudem ein Auftritt der feministischen, chilenischen Aktivistinnengruppe LASTESIS.

wiesbaden-biennale.eu

Njoki Ngumi ist Künstlerin, Autorin und Mitgründerin von The NEST Collective. The NEST Collective ist ein multidisziplinäres Kollektiv, das 2012 in Nairobi gegründet wurde und Werke in den Bereichen Film, Musik, Mode, bildende Kunst und Literatur geschaffen hat, wie den queeren Anthologiefilm „Stories of Our Lives“ (2014). Vergangenes Jahr war The NEST Collective als Teil des Programms „Invisible Inventories“ u.a. im Weltkulturenmuseum Frankfurt zu sehen. Dieses Jahr nimmt das Kollektiv an der Documenta teil. Mit HEVA - Afrikanischer Fonds für kreative Unternehmen will The NEST Firmen in Ostafrika stärken.

Noel Kasyoka ist Filmproduzent bei The NEST Collective und Co-Director der Produktion in Wiesbaden. Strictly Silk-Parties wurden 2018 als Intervention kuratiert, die Freude, Sicherheit und Gemeinschaft für Frauen und nicht-binäre Menschen aller Herkunft, jeden Glaubens und Alters in den Mittelpunkt stellen. Nach diesem Prinzip ist für die Wiesbaden-Biennale die FLINTA*-Party „High Voltage“ geplant.

In Wiesbaden zeigen Sie die Filme als begehbare Installation. Sie selbst und die Aktivist:innen werden vor Ort sein, um mit dem Publikum zu interagieren und mit ihm über das Gesehene und aktuelle politische Fragen zu diskutieren. Was erhoffen Sie sich von diesen interaktiven Film-Screenings?

Ngumi: Ein Teil unserer Arbeit ist es, offenzulegen, wie andere Menschen denken. Im normalen Leben ist es oft so, dass die Leute einfach nicht die Möglichkeit haben, Hintergrundgespräche zu wichtigen Themen zu führen. Zu sagen: Das verstehe ich nicht, darüber mache ich mir Gedanken, was würde passieren, wenn wir das erlauben würden? The NEST will diese Räume schaffen, in denen Leute ihre Kenntnisse stärken können, in denen sie ihre Glaubenssätze ausprobieren, vergleichen und überprüfen können. Das alles soll in einer Atmosphäre der Freundlichkeit und des Verständnisses geschehen. Es geht nicht darum, jemanden zu etwas zu überreden oder von etwas zu überzeugen. Unsere Interaktion wird vielleicht keinen Abtreibungsgegner vom Gegenteil überzeugen, solche Meinungen wachsen über Jahrzehnte. Aber die Menschen müssen doch irgendwo anfangen, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Und unsere Kunst soll dazu einen Anstoß geben.

Njoki Ngumi. Foto: The Nest Collective
Njoki Ngumi. Foto: The Nest Collective © The Nest Collective

Nach den Diskussionen bieten Sie eine „Nachsorge“ an – in Wiesbaden in Form einer Party. Was ist die Idee dahinter?

Ngumi : Nach solchen Debatten fühlen sich einige vielleicht herausgefordert. Eine tiefgehende Diskussion kann auch eine isolierende Erfahrung sein, weil du dich in den Unterhaltungen mit anderen auch mit deinen eigenen Überzeugungen konfrontiert hast. Wir möchten die Menschen in einer ungezwungenen, leichten Atmosphäre wieder zusammenführen.

Kasyoka: Wir experimentierten mit verschiedenen Arten der Nachsorge. Vor ein paar Jahren hatten wir die Idee zu einer Party, wie sie auch in ähnlicher Weise in Wiesbaden stattfinden wird und bei der Cis-Männer ausgeschlossen sind, weil sie diejenigen sind, die den Diskurs maßgeblich dominieren. Es ist eine reine Party für Frauen und diejenigen, die sich als Frauen identifizieren, auch das gesamte Personal wird aus Frauen bestehen.

The NEST Collective hat sich vor zehn Jahren gegründet. In diesem Jahr sind Sie mit der Installation „Return to Sender“ auf der Documenta in Kassel vertreten. Wie läuft die Arbeit?

Noel Kasyoka. Foto: The Nest Collective
Noel Kasyoka. Foto: The Nest Collective © The Nest Collective

Ngumi: Erst mal ist es eine Ehre, dass wir neben anderen internationalen Kollektiven, die sehr große Fragen stellen, dabei sein dürfen. Es ist eine neue Erfahrung, mit dem Documenta-Team zu arbeiten, und im Moment müssen wir darauf vertrauen, dass die Produktion so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, während wir selbst sehr weit weg auf einem anderen Kontinent sind. Wir stehen aber in konstantem Austausch mit dem Team vor Ort. Derzeit produzieren wir in Kenia einen Film, der in der Installation zu sehen sein wird. Und dann wird es in Zusammenarbeit mit anderen Kollektiven ein Event innerhalb der 100 Tage der documenta geben.

Thema der Installation, die in der Karlsaue zu sehen sein wird, ist der Elektro- und Textilmüll, den Länder des globalen Nordens in Afrika abladen.

Kasyoka : Es geht darum, wie der Müll in den globalen Süden, nach Afrika kommt. Wir wollen fragen, warum das so ist und haben recherchiert, was mit dieser Kleidung passiert, was sie für die afrikanischen Länder bedeutet. Altkleider, die als Spenden nach Afrika kommen, werden zum Beispiel oft direkt von Händlern weiterverkauft. Unsere Fragen lauten dann: Warum passiert das und ist das okay? Was bedeutet das für die Wirtschaft in den Ländern? Unsere Recherchen ergaben aber auch, dass die meiste Kleidung in keinem guten Zustand ist. Sie landet dann als Müll in der Landschaft. Das wirft eine Menge Fragen auf, die sich auch um Nachhaltigkeit drehen oder darum, warum der globale Norden nicht selbst mit seinem Textilmüll klarkommt. Für die Installation auf der documenta schicken wir die Klamotten zurück in den Norden – in den rechteckigen, verschweißten Paketen, so, wie sie auch in Afrika ankommen. Und dann hoffen wir, wie bei allen unseren Arbeiten, auf viel Diskussionsstoff.

Interview: Lisa Berins

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