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Norbert Schwontkowski: Wir in dieser Drecksbühe, 1997.

Kunsthalle Bremen

Taten der Avantgarde

Die Kunsthalle Bremen präsentiert die Sammlung des Akademiker- und Sammlerpaares Christa und Peter Bürger.

Wer in den Achtzigerjahren an der Frankfurter Universität Germanistik oder Literaturwissenschaften studiert hat, ist an der „Theorie der Avantgarde“ nicht vorbeigekommen. Das schmale, rote Bändchen der Edition Suhrkamp beschrieb das Aufkommen der bürgerlichen „Institution Kunst“ und dessen kritischen Widersacher, die künstlerische Avantgarde (im Singular!). Benjamin und Adorno waren Ahnherren dieses großen theoretischen Entwurfs, den der damals schon an der neu gegründeten Bremer Universität lehrende Peter Bürger 1974 vorgelegt hatte. In Frankfurt sehr präsent war hingegen seine Frau, die Germanistin Christa Bürger, deren Vorlesungen und Seminare zur Geschichte der Aufklärung und später zur feministischen Literaturgeschichtsschreibung viele Zuhörer und vor allem Zuhörerinnen anzog. Die kritischen Literaturwissenschaften schienen ihr Traumpaar zu haben.

Vor einem Jahr ist Peter Bürger 79-jährig gestorben. Christa Bürger, inzwischen 82 und in Berlin lebend, hat nun den Nachlass des Akademikerpaares in die Wege geleitet. Während die wissenschaftlichen und publizistischen Bestände an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach gehen werden, haben die Bürgers ihre beträchtliche Kunstsammlung der Kunsthalle Bremen gestiftet. 

In einer kleinen Ausstellung im dortigen Kupferstichkabinett, schön gehängt in einem Saal mit einer Empore voller Folianten und kunsthistorischer Bände, ist jetzt ein erster Einblick in die rund 400 Werke der Sammlung zu sehen, die sich künftig in den Bremer Bestand eingliedern werden. Dabei ist zu sehen und zu spüren, wie die Bürgers ihre theoretischen Überlegungen durch die Kunst praktisch, ja lebenspraktisch umsetzten. Hier ist keine Kunstsammlung zu betrachten, die auf Wertzuwachs und Rendite setzt. Der in den letzten zwei Jahrzehnten immer merkantilere Kunstmarkt hat keinerlei Spuren in dieser Kollektion hinterlassen. Stattdessen suchte man nach „denkenden Künstlern“, wie Christa Bürger in einem Interview sagte: „In allem, was wir zusammengetragen haben, ist ein gemeinsames Motiv zu erkennen: der Einspruch.“ Hier wurde ganz offensichtlich aktiv mit der Kunst gelebt und der intellektuelle Austausch mit ihr gepflegt. 

Mit einer dunklen, verrätselten Grafik des aus Kassel stammenden phantastischen Realisten Pit Morell fing alles an. Die Bürgers hatten 1972 in der Kunsthalle Bremen eine Ausstellung seiner Werke gesehen. Peter Bürger, der im Jahr zuvor mit Studien zum französischen Surrealismus Vorarbeiten zu seiner „Theorie der Avantgarde“ veröffentlicht hatte, war elektrisiert. Ging das denn noch, ein halbes Jahrhundert nach den klassischen Avantgarden – widerständige Kunst? Keine Kunst des Agitprops oder eines irgendwie gearteten Engagements, sondern Kunst, die das Adorno’sche „Material“ durcharbeitete, bis sie zu einer Grenze des jeweils Darstellbaren gelangte? 

Um diese zeitgemäße Kunst zu sehen, mit ihr zu leben und zu arbeiten, begannen die Bürgers, Grafiken, Aquarelle und Gemälde zu kaufen. Kunst, die den Menschen in seiner modernen, später postmodernen Existenz zeigt – beschädigt, fragil, gezeichnet von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Natürlich landeten sie bei Beuys, dessen Mappe „Tränen“ in der Sammlung vorhanden ist. Oder bei den Cobra-Künstlern Pierre Alechinsky und Lucebert. 

Vor allem aber beim Bremer Künstler Norbert Schwontkowski, der heute, fünf Jahre nach seinem Tod, viel bekannter ist als zu Lebzeiten. Sein großes Ölbild „Wir in dieser Drecksbrühe“ von 1997 zeigt alles, wofür diese Sammlung steht: Vor einem verwaschenen, schmuddeligen, ockerfarbenen Hintergrund steht eine Gruppe Schwäne und reckt keck die Hälse. Keine Verortung, keine Narration – und doch viele Spuren eines Sinnzusammenhangs, die die Kunst mal spielerisch, mal in einem harten Kampf im Grenzbereich zwischen Figuration und Abstraktion vor Augen bringen.

Mit Schwontkowski ist diese Sammlung offensichtlich an einen Endpunkt gekommen. Wenn Künstler der jüngeren Generationen Widerspruch erheben, geschieht das kaum noch gegen die „Institution Kunst“, sondern in deren Kontexten. Ein „falsches Einverstanden-Sein“ war aber nicht die Sache der Bürgers. Konsequenterweise scheint die Sammlung in sich abgeschlossen. Aber ob es einen Weg in eine neue Avantgarde jenseits der Warenwelt des Kunstmarkts gibt, bleibt offen. 

Kunsthalle Bremen: bis 10. Februar.  www.kunsthalle-bremen.de

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