+
Keith Haring: Ohne Titel, 1982.

Ausstellung Keith Haring

Tänzer und Totenführer

  • schließen

Die Zeichen der Zeit: Eine große Ausstellung in der Wiener Albertina ermöglicht neue Blicke auf das Werk von Keith Haring, der in diesem Jahr 60 geworden wäre.

Werbeflächen der New Yorker U-Bahn wurden, wenn sie nicht belegt waren, mit schwarzem Karton abgedeckt. Keith Haring (1958-1990) nutzte diese Flächen in den Jahren von 1980 bis 1985. Fünf- bis zehntausend Kreidezeichnungen entstanden so. In Windeseile, denn stets drohte eine Festnahme. Auf Youtube gibt es einen kurzen Film, der zeigt, wie ein Cop ihm Handschellen anlegt. Man sieht darin auch, wie er zeichnete.

Haring zeichnet, denkt der ahnungslose Betrachter, einen Stürzenden, der auf seinen Kopf fällt. Aber es ist ein Breakdancer, einer also, der eine Sturzfigur zu einem Ausdruck der Lebensfreude macht. So einer wollte auch Keith Haring sein. So empfindlich er auf die überall stattfindende Vernichtung reagierte, so genau er auch die eigene – durch eine HIV-Infizierung – registrierte, er wollte nicht dass der Tod das letzte Wort behielt. So erklärte er: „Ein Künstler, der so viele Bilder in die Welt setzt wie ich, sollte sich dessen bewusst sein, was das bedeutet und wie diese Bilder auf die Welt wirken. Kunst sollte etwas sein, das die Seele befreit, die Fantasie anregt und die Menschen ermuntert, weiterzugehen. Sie feiert die Menschheit, statt sie zu manipulieren.“

Manchmal waren ein Dutzend Werbeflächen in einem U-Bahn-Gang frei. Dann erzählte er ganze Geschichten. Riesige Comicstrips. Ganz ohne Sprechblasen. Mit der Zeit lernten die U-Bahn-Benutzer seine Zeichen zu lesen. Sie erkannten das Baby wieder und nahmen es als ein Zeichen der Hoffnung.
 

Haring aber ist besessen von der Idee der Ambivalenz. So kommt auf einem Bild von 1986 der Aids-Virus als ein aus einem Ei sprießendes Monster auf die Welt. Nicht alles Junge steht für eine Zukunft. Manchmal ist es auch ein Todesbote. Immer wieder taucht in den Bildern von Keith Haring ein Mensch auf, der einen anderen hebt. Das kann eine Tanzfigur sein, eine Ehrung oder ebenso eine Opferung darstellen. Auf einem Bild von 1981 sieht man unter den Breakdancern Anubis, den hundeförmigen Totenführer des alten Ägypten. Auch der Breakdance ist von Anfang nicht nur die Befreiung des Körpers, sondern auch seine Überwindung, ein Totentanz also.

1985 hört Keith Haring auf mit seinen U-Bahn-Zeichnungen. Es war immer häufiger vorgekommen, dass während der Arbeit nicht die Polizisten neben ihm standen, sondern Sammler oder Geschäftemacher. Sie rissen die frisch bemalten Pappen ab und verkauften sie in den Galerien. Einige davon sind in der großen Ausstellung in der Wiener Albertina zu sehen.
Ich bin skeptisch in die Ausstellung gegangen. Bei Keith Haring geht es nicht um die Feinheit des Pinselstrichs, nicht um das zarte Spiel von Licht und Schatten. Bei vielen seiner Bilder sieht man mit einem Blick, was los ist. So etwas, dachte ich, kann man bequemer und nahezu verlustfrei in einem guten Katalog und in seinem Sessel oder ausgestreckt auf der Couch lesen. Wozu eine Ausstellung?

Erst hier in der Ausstellung habe ich den Breakdancer als einen Stürzenden gesehen. Dass Haring die Bruegel dem Älteren zugeschriebene „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“ zitiert, ist vielleicht eine Übertreibung, aber so ganz von der Hand zu weisen ist die Assoziation nicht. Sie kommt einem beim Herumlaufen in der Ausstellung. In einem Buch hat man immer denselben Abstand zum Bild, man nähert sich ihm immer frontal. In einer Ausstellung sieht man manches plötzlich aus der Ferne, sieht es erst nur aus dem Augenwinkel. Eine andere Wahrnehmung als die beim Blättern in einem Buch.

Nachrichten auch für die Kreuzzügler seiner Zeit

Die Formate! „Die Matrix“ aus dem Jahre 1983 ist mehr als fünfzehn Meter lang und mehr als ein Meter achtzig hoch. Ein gewaltiger Wimmelfries aus japanischer Tusche auf Papier. Eine Endzeitvision, in der ein vieläugiger Riese mit dem Kreuz in der Hand mordend durch die Welt geht. Nicht weit von der Albertina sehe ich am ehemaligen Stubentor eine Gedenktafel, die an den Täufer Balthasar Hubmeier erinnert, der hier 1528 verbrannt wurde unter anderem, weil er schrieb: „Christus ist nicht gekommen, dass er metzge, morde und brenne“. Daran wollte wohl auch Haring die Kreuzzügler seiner Zeit erinnern.


Keith Harings Zeit war kurz. 1980 zeigt er erstmals Bilder in einer Ausstellung. Am 16. Februar 1990 starb er, 31 Jahre alt, an den Folgen von Aids. Dazwischen war er auf der documenta in Kassel, bei der Biennale in Venedig und bemalte er überall auf der Welt Straßen und Wände. Er macht Musik-Videos mit Grace Jones und nutzt im Oktober 1986 einhundert Meter der Berliner Mauer, um auf ihr eine Menschenkette in Rot und Schwarz auf gelbem Grund darzustellen. Er demonstrierte gegen Atomkraftwerke, gegen Apartheidspolitik.

Wer durch die Ausstellung geht, sieht all das. Vor allem aber wirft er einen Blick auf die Epoche des Piktogramms, auf eine Zeit, die das Reich der Zeichen, das Semiotiker gerade erst erschlossen hatten, nun erobern wollte. Man steht vor den Arbeiten des jungen Mannes aus Reading, Pennsylvania und denkt an die so eng verwandten Bilder des zwanzig Jahre älteren A.R. Penck aus Dresden. Beide schufen aus Piktogrammen eine Welt.

Albertina, Wien: bis 24. Juni. Der Katalog kostet 29,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion