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Tabea Blumenschein: Die grellste Blüte der West-Berliner Subkultur

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Von: Ingeborg Ruthe

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Tabea Blumenschein, „Ohne Titel (Liegende Schönheit)“, 1991. Foto: Berlinische Galerie
Tabea Blumenschein, „Ohne Titel (Liegende Schönheit)“, 1991. © Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Tabea Blumenschein, It-Girl ihrer Ära, war eine tolle Zeichnerin. In der Berlinischen Galerie ist es zu sehen.

Mensch, war die schön, diese kleine, wilde, sinnliche Szene-Queen – die Zeichnerin Tabea Blumenschein (1952-2020)! Anfang der 70er Jahre kam sie, gerade fertig mit der Kunstschule in Konstanz, mit ihrer Gefährtin, der Filmemacherin Ulrike Ottinger, aus der prüden baden-württembergischen Provinz in den Berliner Westen. Mitten hinein in die Subkultur der Frontstadt, wo, heute unvorstellbar, freilich an den Schwulen- und Lesbentreffs noch geklingelt werden musste.

1977 und 1979 drehte Ottinger mit Blumenschein die avantgardistischen queer-feministischen Filme „Madam X – Eine absolute Herrscherin“, über die Abenteuer einer lesbischen Piratinnen-Gang, und „Bildnis einer Trinkerin“: Die blonde Tabea, genial, dreist, grandios obszön und schillernd in schmerzvoll-sarkastischer Schönheit abgestürzt ins Milieu. Fotos davon dominieren die linke Wand im Ausstellungssaal der Berlinischen Galerie, wo die Ausstellung „ZusammenSpiel. Tabea Blumenschein – Ulrike Ottinger“ zu sehen ist.

Noch nie verband eine Ausstellung samt Katalog Blumenscheins Bilder mit Ottingers Fotokunst aus der gemeinsamen Zeit. Groß wie Poster sind die Zeichnungen, vom Stil her eigentlich Comics, krachbunt, laut, so witzig wie boshaft, so sinnlich märchenhaft wie in (Sex)Details unverschämt ordinär. Kuratorin Annelie Lütgens hatte die Qual der Wahl, aus den 200 Blättern, meist aus dem Ottinger-Fundus, 50 auszuwählen. Mehr Platz gibt der Museumssaal nicht her.

Neun Jahre lang lebten die beiden kreativen Frauen zusammen, unbekümmert gegenüber allen Konventionen. Blumenschein war Ottingers Starmodell, ein Wunder der Verwandlung bei vielen Theater- und Filmprojekten: Mal Madonna, mal Medea, mal Iphigenie. Mal Vamp, mal boshafte Königin, die einen vergifteten Rührkuchen serviert. Sie brauchte die Provokation wie die Luft zum Atmen in ihren Rollenbildern, wechselnden Identitäten und mit dieser avantgardistischen performativen Ästhetik.

Hatte Punk seine Vorbilder in Iggy Pop, Lou Reed oder Patti Smith, dann war Tabea Blumenschein Vorläuferin für die feministische Punkrevolution „Riot Grrrl“: sexpositiv und queer, obwohl es diese Begriffe damals noch gar nicht gab. Sie fand für ihre schrillen Auftritte Publikum bei Partys im Dschungel, im Risiko, im SO 36, im wilden Westberlin eben. Sie gehörte zum „Festival Genialer Dilletanten“ von Wolfgang Müller, dann zur Musik-Performancegruppe „Die Tödliche Doris“. Sie drehte mit Andy Warhol und Claudia Skoda, plauderte im Erotikheft „High Society“ nackt über ihr lesbisches Leben.

In den späten 80ern, längst getrennt von Ottinger, betrieb Blumenschein das Zeichnen von Porträts noch obsessiver. Jahre zuvor noch hat sie Ulrike Ottinger gezeichnet, mit silbergrauer Engelshaar-Perücke, Blumen und einem Engelchen auf der Stirn. Mit knalligem Gelb und Affenschädeldekor-Kleid zeigt sie sich nun als Punk. Die „Red Queen“ von 1989 zeigt eine exotische Frau, die auch ein verkleideter Mann sein könnte, den Kopfschmuck mit Totenkopf. Die von der Decke baumelnden Ohrgehänge als provokante Totems der Liebe, obenauf das Kreuz der katholischen Kirche, und das ganz grellrote Kostüm ist überzogen mit giftigen Kreuzspinnen.

Irgendwie muss ich da an die Zeichnungen der expressionistischen Dichterin, Rebellin, Phantastin Else Lasker-Schüler so um 1912 denken, ihr Außenseiter-Selbstbild als Prinz von Theben. Wie bei ihr scheinen auch auf den Blättern Blumenscheins das eigene Phantasie-Universum und zeitbedingt nüchterne Realität weniger deutlich abgegrenzt. Alles ist auf den plakativ-packenden Blättern, detailliert mit Buntstiften und Deckfarben dargestellt, verwoben: Mode und Märchen, Folklore und Pop, Kitsch und Trash. In den frühen Zeichnungen finden sich surreale Stilmittel vermischt mit Pop-Art, da sind Engelsköpfchen, reichlich Blumen, Vögel und Sterne, Locken, Wellen, provokant in Ornamente gesteckte Dildos. Ausgeführt hat sie das mit Filzstift, Farbtusche und Goldpapier-Collagen. Auffällig ist der Wechsel der Geschlechterrollen, eine Art Gender-Transformation, die vor allem in Ottingers Filmen mit ihr zum Tragen kommt.

Ulrike Ottinger, „Selbstauslöser mit Tabea Blumenschein“, 1976. Foto:Berlinische Galerie
Ulrike Ottinger, „Selbstauslöser mit Tabea Blumenschein“, 1976. © Berlinische Galerie

Die Liebe zum Detail wuchs auch in der Berliner Zeit der „feministischen Selbstermächtigung“. Die Modezeichnungen sind noch exzessiver: Blumenscheins Models haben Beinprothesen, sind fett oder mager. Und meistens trans. Auch die Kostüme für „Die Tödliche Doris“ weisen eine Vereinfachung der Figuren auf. Dafür sind sie von vielsagenden Ornamenten überzogen. Matrosen mit Mandelaugen und Kussmündern. Protagonisten der schwulen Ikonografie und Hypersexualität gehören zum Bildpersonal, genauso wie Bartfrauen in abenteuerlichen Kostümen und mit schrillen Hüten. So, als wäre die Queer-Aktivistin Conchita Wurst von Tabea Blumenschein vorweggenommen worden. Ihre Maxime: „Alles Hässliche kann schön, alles Fremde kann vertraut und alles Gute kann auch böse sein“ fand zur vollen Blüte.

Sie stellte sich selber dar als Piratenkönigin mit tätowierten Oberarmen, Zigarette im Mundwinkel. Ab 1990 fand Blumenschein ironischen Gefallen am „neuen Deutsch-Sein“ nach der Wiedervereinigung: Schwarzrotgold kam in die Farbpalette ihrer zwischen weiblich und männlich changierenden Gestalten. Aber die Beziehungen, die vertrauten Szeneorte veränderten sich. Vieles verschwand in den Turbulenzen der Zeit. Sie wurde obdachlos, landete in einer Sammelunterkunft im Osten, in Adlershof.

Als sie eine Einzimmerwohnung in der Platte von Marzahn beziehen konnte, lebte sie fortan von Stütze. Als Abstieg empfand sie das nicht. Nie hat sie sich um Konventionen geschert, erst recht nicht um Statussymbolik, Image, gar Selbstvermarktung. Ob nun eine ganze Etage im Schöneberger Altbau oder ein winziges Obdach in der Marzahner Platte? Das war ihr egal. Mit ihren bunten Phantasiebildern hatte das nichts zu tun. Sie sortierte unsentimental in der Amerika-Gedenkbibliothek Bücher, bekam dann eine AB-Maßnahme in der Textilwerkstatt „Nadel und Faden“. Und sie zeichnete kontinuierlich weiter, noch immer mit dieser obsessiv detaillierten Ausgestaltung der Papierfläche. Noch 2019 steuerte sie 31 Dildo-Zeichnungen für das neue Album „Reenactment (I)“ der Tödlichen Doris bei, es gab viel Presse.

Und es gibt den einen unerwähnten dunklen Punkt im Leben der Kultgestalt Tabea Blumenschein. Allein ihre einstige Gefährtin Ulrike Ottinger, die sich bis zuletzt um die immer einsamer Gewordene gekümmert hat, ließ es 2020 in der Grabrede anklingen: Blumenschein war in den wilden 80ern die Galionsfigur der feministischen Bewegung und des Westberliner Untergrunds. Aber sie war auch zwischendurch auf selbstzerstörerische Irrwege geraten. Sie verkehrte kurze Zeit mit Skinheads und als Regisseurin des Films „Zagarbata“ drehte sie mit der Rockband Böhse Onkelz, die 1981 mit „SS-Staat“ und „Türken raus“ für veritable öffentliche Verstörung und Empörung sorgte und dann viel Mühe hatte, das ruinierte Image durch Anti-Rechts-Auftritte einigermaßen reinzuwaschen. Das blieb damals auch an Blumenschein hängen. Erwähnt wird das in keinem der vielen hymnischen Nachrufe.

Als man so gar nichts mehr von ihr sah und hörte, ließen einstige Freunde Anfang März 2020 die Wohnung aufschließen. Sie fanden Tabea Blumenschein tot. Die Unbekümmerte, Schrille, war ganz still aus ihrer kunterbunten Welt gegangen, mit erst 67 Jahren. Es gibt ein letztes Fotos von ihr, das hübsche Gesicht vom wilden Leben nur ein wenig ruiniert: Bis zuletzt eine unheilige Madonna.

Berlinische Galerie: bis 31. Oktober. Doppelkatalog mit Tabea Blumenscheins Zeichnungen und Ulrike Ottingers Fotografien „ZusammenSpiel“, Verlag Hatje Cantz, 576 Seiten, 68 Euro.

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