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James Ensor: Das malende Skelett, 1896. Foto: Royal Museum of Finde Arts Antwerp, www.lukasweb.be Art in Flanders, Foto: Hugo Maertens

Alte Nationalgalerie

Es, Ich und die erschreckenden anderen

  • vonIngeborg Ruthe
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Magisch, verrucht, narzisstisch: Die Alte Nationalgalerie Berlin beleuchtet mit Wucht das epochale Kapitel des Brüsseler Symbolismus um 1900.

Vergessen Sie alle Coolness unserer Tage, wenn Sie diese so extravagante wie emotionale Bilderzählung des 19. Jahrhunderts in der Alten Nationalgalerie in Berlin betreten. Lassen Sie sich in 13 Räumen hineinziehen in den Schlund der „Dekadenz und dunklen Träume“ um 1900, der aufgewühlten Gefühle und phantastischen Visionen, der ins Unheimliche getriebenen romantischen Landschaften, der bösen Monde und gespenstischen Bäume. Mit großer Wucht wird hier der belgische Symbolismus offeriert. Dieser Künstlerblick ins Abgründige, ins Exzessive, Wollüstige und Absurde verband sich mit Verfall und Todessehnsucht, der Welt entfliehende Seelenschau mit Mystik und der aufkommenden Psychoanalyse.

Symbolismus – das waren in der Malerei und Bildhauerei ab den 1880er Jahren geballte rätselhafte Magie, erotische Sinnlichkeit, dunkle (Alb)Traumwelten. Tod, Sexualität und Verfall wurden zu Leitmotiven. Das „Symbolistische Manifest“ stammt allerdings nicht von einem Maler, sondern von einem Dichter. Jean Moreas hat es 1886 verfasst, eine Reaktion auf die damalige Verfasstheit des in die Moderne aufbrechenden Europa. Kunst als Spiegel einer fundamentalen Krise der Gesellschaften zwischen Dekadenz und den Verwerfungen durch die industrielle Revolution und die Entfremdung der Arbeit durch Maschinen.

Im industriell prosperierenden Belgien, in der Fin de Siècle-Stadt Brüssel, war die Kunstform am stärksten ausgeprägt. Das Wesen symbolistischer Kunst sei es, die Idee nie begrifflich zu fixieren, gar direkt auszudrücken. Mit anderen Worten: Geheimnis, beklemmende Ahnung, mystisches Raunen, Unerklärliches, Unterbewusstes – und Wollüstig-Narzisstisches stecken in dieser exzessiv emotionalen Kunst, wenige Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg.

Angetrieben wurde der Symbolismus von der Literatur etwa Charles Baudelaires, Stéphane Mallarmés, Arthur Rimbauds, der Musik Richard Wagners. Und von Sigmund Freuds Analyse zu „Es, Ich und Über-Ich“. In Brüssel lebten namhafte Protagonisten des Stils, der zeitgleich auch in München, Paris und Wien Furore machte.

In der Alten Nationalgalerie nehmen die Bildwerke einem für Momente fast den Atem, diese ausschweifenden Fantasien des Exzentrikers James Ensor und Léon Spilliaerts Bilderfindungen für die „Seele“ und das Eigenleben alltäglicher Dinge. Das war gleichsam ein Vorgriff auf den Surrealismus um 1920. Subtil-schön kommt die Mystik Fernand Khnopffs daher, ebenso der rauschhafte Okkultismus und die vergeistigte Seelenschau Jean Delvilles. Und herrlich verrucht sind die sündhaft-pornografisch aufgeladenen Femme fatale-Satiren Félicien Rops’ und seines Jüngers Albert Bertrand.

Das wäre nur ein halbes Dutzend der Symbolisten und der 180 Werke, zumeist Leihgaben der Königlich-Belgischen Kunstmuseen. Der Chef der Alten Nationalgalerie, Ausstellungskurator Ralph Gleis, hat als exemplarisches Bezugssystem etliche alte Bekannte unter das „belgische Abgrundgefühl“ gemischt: deutschen Symbolismus von Franz Stuck und Max Klinger, österreichischen von Gustav Klimt, französischen von Gustave Moreau und Auguste Rodin.

Und Bilder des Norwegers Munch. Zu dessen existenzialistischem Frauenbild – das rätselhafte, verführerische, begehrte, zugleich unnahbare weibliche Wesen steht ohnehin im Zentrum aller symbolistischen Kunst – verhält sich Khnopffs vieldeutig- mysteriöses Horizontal-Gemälde „Die Zärtlichkeit der Sphinx“. Das Motiv des lasziv-gefährlichen Gepard-Weibes war Affront gegen die bigotten Moralkonventionen. Und seine mythos-schweren „Feenköniginnen“ (Acrasia und Britomart) sind lesbar als Symbol für den „neuen Menschen“ und eine neue Spiritualität. Aber jenseits der christlichen Religion

Fernand Khnopff: Die Zärtlichkeit der Sphinx (Des Caresses), 1896. Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel

Kern der symbolistischen Gedanken- und Bildwelt, kräftig gewürzt mit schwarzem Humor, ist der ewige Kreislauf von Geburt, Leben, Tod. Als Land der Sehnsucht erscheint das düstere Jenseits. Dafür greifen Bildhauer wie Georg Minne, und Maler wie Eugène Laermans auf mittelalterliche Motive wie „Der Tod und das Mädchen“ (Hans Baldung Grien) zurück. Auch der sonst so ironische Félicien Rops bedient sich bei alter Sakralkunst. Viele Bezüge entdeckt man zur pessimistischen metaphysischen Philosophie Schopenhauers, etwa vom Tod als Schicksal des Menschen, von der Schuldhaftigkeit des menschlichen Daseins, vom Glück, das in der Abwesenheit von Unglück bestehe.

Etwas Besonderes ist die Begegnung mit James Ensor. Folgt man dessen Bewunderer Otto Dix, der als junger Maler zu dem Symbolisten nach Ostende reiste und dort zu dem Schluss kam, dieser alte Maler sei ein „verfrühter Expressionist“, und steht man vorm „Malenden Skelett“ oder der farbschrillen Maskerade „Die Intrige“, da bietet sich tatsächlich eine geniales Szenario von Rollenspielen, Entfremdungs- und Verfremdungseffekten. Berührende Monster, Ungeheuer, Gerippe bevölkern diese bizarren gesellschaftskritischen Paraden. Welches Gesellschaftsbild: Der Mensch als sein eigener Feind.

Alte Nationalgalerie, Berlin: bis 17. Januar. Eintritt derzeit nur mit Zeitfenster-Ticket. Der Katalog ist bei Hirmer erschienen, 32 Euro. www.smb.museum/

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