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Nedko Solakov beim Vorbereiten seiner "Totalinstallation" in den Räumen der Mathildenhöhe Darmstadt.
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Nedko Solakov beim Vorbereiten seiner "Totalinstallation" in den Räumen der Mathildenhöhe Darmstadt.

Nedko Solakov in Darmstadt

Das suizidale Zehn-Cent-Stück

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Nedko Solakov hatte seine Ausstelung schon in Bonn und St. Gallen aufgebaut. In Darmstadt übernahm er lieber die Reste der Vorgängerausstellung und präsentierte das Ganze als Totalinstallation.

Alles war längst geplant. Die Werkliste stand, ein detailliertes Modell der Ausstellung war bereits gebaut. Darin kann man Modellmenschlein sehen, wie sie Nedko Solakovs in Farben und Schrift übersetzte Lieblingsfilme angucken oder den gigantischen gelben Wandfleck bestaunen, über den der Künstler schreibt, er wisse auch nicht mehr, wieso er den bei den Ausstellungsassistenten bestellt habe. Dies und Vieles mehr war geplant für die Ausstellung "Emotions" auf der Mathildenhöhe in Darmstadt.

Dann begann der Künstler sich zu langweilen. Die Ausstellung nämlich, Nedko Solakovs erste umfangreiche Retrospektive, war ja fast genauso bereits in den Kunstmuseen Bonn und St. Gallen zu sehen gewesen, Darmstadt war die dritte Station, das Werk sollte ergänzt, jedoch weitgehend übernommen werden. Wie öde für einen, den es ständig in den Fingern juckt und dem es mindestens so wichtig ist, sich selbst zu unterhalten wie das Publikum.

Es war Anfang März als Solakov die Mathildenhöhe besuchte, die Innenarchitektur für die Ausstellung "Masken" war gerade aufgestellt worden, als dem Künstler eine teuflische Idee kam. Was, wenn er gar nichts von alldem zeigte, was man von ihm erwartete? Wenn er einfach die Stellwände, Wandfarben, Plexiglaskästen, Wandtexte und Spotlights von der Vorgängerausstellung übernähme, hier und da etwas ergänzte und das Ganze als "Totalinstallation" präsentierte? Ralf Beil, Direktor des Instituts Mathildenhöhe, war erst skeptisch, dann begeistert. Denn alles, was nun gezeigt würde, wäre ja einzigartig und neu. Gleichzeitig wäre es eine konsequente Weiterführung von Solakovs Rauminstallation "A (not so) White Cube", bei der es vermeintlich gar nichts zu sehen gibt.

Auf den zweiten Blick gibt es dann freilich doch immer ganz viel zu bestaunen. Denn der Künstler, der 1957 in Bulgarien geboren wurde und noch heute in Sofia lebt, hat überall an den Wänden winzige Zeichnungen und Schriften angebracht, beziehungsweise bringt sie immer wieder neu an, gerne an Stellen, die man nicht so ohne weiteres findet, etwa direkt über der Fußleiste oder neben dem Lichtschalter.

Es kam also wie es kommen musste: Wer nun die Ausstellungsräume der Mathildenhöhe betritt, sieht auf den ersten Blick eine Schau, bei der die Werke, nicht jedoch die Lampen, Säulen, Wandtexte entfernt wurden. Die herumstehenden Kisten enthalten bereits die nächsten, Solakovs Arbeiten, wurden jedoch nicht ausgepackt.

Wer genauer hinsieht, entdeckt jedoch in den scheinbar sich selbst überlassenen Räumen eine Fülle charmanter Geschichten. Von Wandhubbeln, Spiegelungen, Schatten oder Schrauben hat sich der Künstler, der spätestens seit 2007, als er sowohl auf der Documenta als auch bei der Biennale in Venedig vertreten war, zu den bedeutenden Protagonisten der Kunstszene zählt, zu Szenarien inspirieren lassen: Mal sind sie tragisch, mal niedlich, und meist muten sie ziemlich komisch an. Mit wenigen Filzstiftstrichen und kleinen Texten, die von hässlichen Prinzessinnen handeln oder von ganz konkreten Problemen des Künstlers während des Zeichnens: eine verschlossene Klotür zum Beispiel, Hunger oder Langeweile.

Nicht selten kommentiert Nedko Solakov seine eigene Arbeit und macht sich darüber lustig: "Der einzige Grund, dies zu schreiben, ist, dass ein Kameramann mich an einem relativ gut beleuchteten Ort filmen will. Das Gleiche habe ich schon mal in London und in Bonn geschrieben. Die Londoner haben mehr gelacht", heißt es in der Ecke eines beleuchteten Glaskastens. An anderen Stellen möchte ein Zehn-Cent-Stück Selbstmord verüben, appelliert ein Zwanzig-Euro-Schein, der hinter einer Steckdose klemmt, an die Aufrichtigkeit des Betrachters, freut sich ein Werkschildchen darüber, endlich auch mal im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, muss ein mit Schrauben versehenes Holzstück, das einmal als Stütze gedacht war, nun als "Model für ein Monument zum Gedenken an die jüngste globale Krise" herhalten.

Den konkreten Botschaften kommt in der Regel eine geringere Bedeutung zu, als dem was sie auslösen: das Nachdenken über die Bedingungen des Ausstellens beziehungsweise Kunstproduzierens etwa. Überlegungen über das sinnlose Streben nach Perfektion und Eindeutigkeit. Oder das sorgsame Inspizieren der Umgebung. Während man den Raum nach versteckten Botschaften absucht, vollzieht man gleichsam den Blick des Künstlers nach, der einem in diffusen Reflexionen, die angestrahlte Plexiglashauben auf der Wand hinterlassen, ein zartes Wellenmuster zeigt, indem er einen Minisurfer oder einen Hai hinzu malt. Oder aus den Schatten dicker Schrauben die "Hoden eines gnädigen Gottes" macht. Oft genug findet man auch einfach gar nichts und wird so womöglich selbst zur komischen Figur für andere Besucher.

Am Ende der Schau steht wie zufällig eine Tür auf, die in unaufgeräumte Depoträume führt. Dass sich hier tatsächlich noch einige Schlüsselwerke Solakovs finden, liegt angeblich daran, dass deren Besitzer einen riesigen Aufstand veranstaltet haben, als sie erfuhren, dass ihre Arbeiten nicht gezeigt werden sollen.

Mathildenhöhe Darmstadt: bis 1. November. Große Eröffnungsparty am heutigen Samstag, 18.30 Uhr. Der Katalog ist bei Hatje Cantz erschienen und kostet in der Ausstellung 30 Euro. www.mathildenhoehe.eu

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