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Auf der Suche nach Nazi-Raubkunst

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Von: Oliver Teutsch

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Provenienzforscherin Maike Brüggen vor dem restituierten Thoma-Bild "Sommer".
Provenienzforscherin Maike Brüggen vor dem restituierten Thoma-Bild "Sommer". © Alex Kraus

Der Fall Gurlitt macht deutlich, dass die genaue Herkunft vieler vor 1945 entstandener Werke noch immer nicht geklärt ist. Maike Brüggen forscht im Historischen Museum in Frankfurt.

Maike Brüggen hat noch reichlich Arbeit vor sich. Auf dem Schreibtisch der Kunsthistorikerin stapeln sich Frankfurter Adressbücher aus den Jahren 1900 bis 1950. Darin kann sie nachschauen, wer etwa 1938 in der Oppenheimer Landstraße 50 gewohnt hat, welchen Beruf er hatte, wer Eigentümer des Hauses war, und ob derjenige umgezogen oder verwitwet ist. „Der Datenschutz war damals noch nicht so weit, das ist mein Glück“, sagt die 33-Jährige.

Maike Brüggen ist Provenienzforscherin im Historischen Museum. Sie versucht herauszufinden, welche Gemälde aufgrund von Enteignungen während des NS-Regimes unrechtmäßig in den Bestand des Museums gelangt sind. Überprüft werden müssen alle Werke, die vor 1945 entstanden sind und nach 1933 ins Museum gelangt sind. In die Provenienzforschung verschlug es Brüggen eher zufällig. Während ihres Studiums der Geschichte und Kunstgeschichte in Berlin fiel ihr ein Seminar zur Provenienzforschung auf. Das Seminar fand größtenteils in Archiven statt. „Ich fand es super, nicht so theoretisch, sondern angewandt.“

Seit Sommer 2010 arbeitet sie für das Historische Museum und überprüft den Bestand. Sie konzentriert sich dabei auf Gemälde. „Gemälde sind Unikate und einfacher zurückzuverfolgen als etwa ein Löffel, den es vielleicht ein Dutzend Mal gibt“, so Brüggen. Mit großer Akribie arbeitet sie die Werke chronologisch ab. Nur wenn es besondere Verdachtsmomente oder Hinweise gibt, zieht sie mal ein Werk vor. „Manchmal stoße ich auf die Namen von Kunsthändlern, die zum Beispiel für das Führermuseum in Linz gearbeitet haben, da ist der Verdacht, dass sie mit Raubkunst gehandelt haben, schon größer“, erklärt Brüggen. Es ist eine sehr biografische Arbeit, wenn sie Puzzleteile zur Geschichte von Objekten, Bildern und Personen versucht zusammenzufügen. Mit der oft verwendeten Berufsbezeichnung Kunstdetektiv kann sie nicht so viel anfangen: „Ich habe ja keine Sherlock-Holmes-Mütze und keine Lupe.“

Manchmal telefoniert sie den ganzen Tag, ohne so recht weiterzukommen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der eine oder andere Gesprächspartner nicht so recht an einer Zusammenarbeit interessiert ist. Maike Brüggen überlegt lange und drückt sich sehr vorsichtig aus: „Ich habe nicht immer das Gefühl, dass mir so geholfen wird, wie es möglich wäre.“ So bekommt sie auch schon mal zu hören, sie solle es gut sein und die Vergangenheit ruhen lassen. Überhaupt ist sie erstaunt, wie wenig Geschichten bislang aufgeklärt sind: „Provenienzforschung ist immer noch ein Nischenthema.“ Das Geld für ihre Stelle wird immer nur befristet und jahresweise vergeben. Jetzt hat sie einen Zweijahresvertrag – für eine halbe Stelle.

Als im Sommer 2011 das Schreiben einer New Yorker Anwaltskanzlei ins Historische Museum flatterte, blieb das zunächst bis Anfang 2012 liegen. Dann erst wurde der Vertrag von Brüggen verlängert, und sie konnte sich mit dem Schreiben befassen. Darin wurde die Herausgabe des Gemäldes „Sommer“ von Hans Thoma gefordert.

Das Werk war bis 1938 im Besitz des Sammlerehepaars Albert und Hedwig Ullmann. Dann musste Witwe Ullmann das Gemälde verkaufen, um Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe bezahlen zu können. Das Werk gelangte in den Besitz von Friedrich Heinrich Zinkgraf, einem langjährigen Mitarbeiter der ebenfalls 1938 arisierten Münchner Galerie Heinemann. Als der Nachlass Zinkgrafs 1954 versteigert wurde, erwarb die Historisch-Archäologische Gesellschaft das Bild.

Maike Brüggen recherchierte diese Zusammenhänge und gab dann dem Historischen Museum den Hinweis, dass die Forderungen der Erbengemeinschaft rechtmäßig seien. Das Bild wurde daraufhin im vergangenen Dezember restituiert und bleibt nach einer gütlichen Einigung als Dauerleihgabe der Erbengemeinschaft im Bestand des Historischen Museums. Der aktuelle Fall zeigt: Auch bei Werken, die nach 1945 ins Museum gelangt sind, kann es sich um NS-Raubkunst handeln.

Derzeit versucht Brüggen die Geschichte eines Werkes nachzuvollziehen, das 1933 in den Bestand des Historischen Museums kam. Mehr will sie dazu noch nicht sagen, nur so viel: „Es gibt hier definitiv immer noch genügend Arbeit für mich.“

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