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Auf der Suche nach der Geräuschquelle

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Von: Sandra Danicke

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Unsichtbar: Töne.
Unsichtbar: Töne. © Axel Schneider

Hören statt gucken: Der Künstler Florian Hecker präsentiert seine Soundstücke im MMK 3 in Frankfurt. Heckers Vorgehensweise ist kompliziert.

Es ist ja nicht so, dass es nichts zu sehen gäbe in der Ausstellung von Florian Hecker. Immerhin sind da die 17 kleinen Lautsprecher, die im MMK 3 (Museum für Moderne Kunst), in Frankfurts ehemaligem Hauptzollamt in Schulterhöhe von der Decke hängen. Und in einem kleineren Seitenraum sind sogar große, leuchtend blaue Leinwände aufgehängt. Nun gut, es sind keine Bilder, es handelt sich um einen absorbierenden Lodenstoff, der aus akustischen Gründen angebracht wurde. Und dann gibt es noch die Dinge, die explizit nicht da sind, zum Beispiel Stellwände oder Sockel. Optisch ist man schnell fertig mit dieser Schau, doch darum geht es ja nur am Rande.

Das, was aber im Zentrum der Ausstellung steht, ist, sobald man es wahrnimmt, auch fast schon wieder weg. Es sind Töne. Unvergleichliche Töne, was bedeuten soll, dass sie nicht klingen, wie etwas, was man schon kennt. Es sind Tonabfolgen ohne Harmonie, ohne identifizierbare Referenz, erkennbar elektronisch erzeugt. 16 mehrkanalige Hör-Werke sind es im zentralen Ausstellungsraum, sie laufen hintereinander ab, verteilen sich im Raum, den man durchwandert, immer auf der Suche nach der Quelle des Geräuschs. Was wiederum idiotisch ist. Ist man tatsächlich einmal zur rechten Zeit am richtigen Lautsprecher, dann sieht man ihn an, als erhielte man auf diese Weise irgendeine Information, was nicht der Fall ist.

Eigentlich entzieht sich das, was man da hört, jeder Beschreibung: Kurz denkt man vielleicht an ein Schnarren, an ein wütend schnaubendes Fabelwesen, an ein Entenquaken, Sirenen, ein Kruschpeln, exotische Vögel, doch letztlich sind das nur Annäherungen. Nichts trifft wirklich zu. Es dauert eine Weile, bis man es schafft, den Zuordnungs-Impuls zu unterdrücken. Bis man vielleicht einfach mal an Ort und Stelle stehen bleibt und sich anhört, wie das wirkt, wenn ein Ton, den man nicht einordnen kann, seinen Ursprung weit weg hat. Wie Geräusche manchmal durch den Raum huschen. Wie es klingt, wenn von drei Orten gleichzeitig Verschiedenes auf einen einwirkt. Man registriert dann so einiges, zum Beispiel, wenn etwas unangenehm klingt, was man sonst häufig nur unbewusst wahrnimmt.

Die Arbeit im Seitenraum wiederum hat eine andere Wirkung: Es gibt nur einen Lautsprecher, der Klang bewegt sich nicht, wird vom Lodenstoff regelrecht ausgebremst. Die Aufmerksamkeit ist fokussierter. Man hört, wie die Töne zerschrammeln, ausfransen, irgendwann schneller werden.

Irritation gehört dazu

„Formulations“ heißt die Ausstellung von Florian Hecker (Jahrgang 1975), der abwechselnd in Kissing und Edinburgh lebt. Seine Soundstücke erzeugt er durch Prozesse digitaler und elektroakustischer Signalverarbeitung. Die Herstellung der Tonabfolgen ist komplex: Ausgewählte Klänge (zuweilen sind darunter auch Stimmen) werden zunächst aufgrund ihrer Eigenschaften elektronisch analysiert, in einen Algorithmus verwandelt und anschließend reproduziert. So entstehen synthetische Reproduktionen, aus denen der Künstler seine Stücke komponiert. In einem Fall verarbeitete er ein eigenes fertiges Werk („Modulator“ von 2012 – das Stück, das zwischen den blauen Stoffwänden läuft), ließ es 14 mal den Prozess der Resynthese durchlaufen. Das Ergebnis nannte er „Modulator (Scattering Transform)“.

Wie gesagt: Heckers Vorgehensweise ist kompliziert. Den meisten Menschen hilft es ja nichts, wenn er beispielsweise erklärt, er „habe viel mit Iannis Xenakis’ Konzepten zur stochastischen Synthese gearbeitet“. Vereinfacht könnte man sagen, ihm geht es um akustische Gesetzmäßigkeiten und darum, wie Geräusche, auch nebensächliche, wahrgenommen werden, was sie im Körper und in der Psyche auslösen. Irritation gehört in diesem Fall sicherlich dazu. Auch weil es nicht möglich ist, das soeben Gehörte einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Während man noch überlegt, was das war, da eben gerade, wird man bereits mit neuen akustischen Eindrücken konfrontiert.

So kommen die Elemente Zeit und Vergänglichkeit ins Spiel. Natürlich kann man das, was im MMK 3 nun drei Monate lang zwischen 10.05 und 17.49 Uhr (mittwochs bis 19.51 Uhr) zur Aufführung kommt, immer wieder aufs Neue anhören und erleben. Bloß wird man es vermutlich jeden Tag ein klein wenig anders wahrnehmen – sei es durch die Gewöhnung oder einfach deshalb, weil man jeden Tag anders drauf ist.

MMK 3, Frankfurt: Bis 5. Februar. www.mmk-frankfurt.de.

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