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„Geschifttartschen-Rennen“ (Rennen mit „fliegenden“ und zerspringenden Schilden).

Turnierbuch

Ein Sturz, nein, ein Hinsinken, wie in Zeitlupe

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„Freydal“, das prachtvolle Turnierbuch des Kaisers Maximilian I., ist nach 500 Jahren auch für alle Gemeinen, ob Mann oder Frau, erschwinglich.

Es war eine ganz besondere Zeit, es ist eine Umbruchzeit. Das ließ sich so natürlich erst im Nachhinein sagen. Ein historisches Beurteilen, aus der Distanz von einigen hundert Jahren, wobei der Herrscher, Maximilian, alles unternommen hatte, um auf sein Bild und das seiner Nachwelt Einfluss zu nehmen. Bis heute ist ein von ihm in die Welt gesetztes Image in Umlauf. Immerzu wurden Turniere ausgefochten, Feste gefeiert, Maskenbälle gegeben. Maximilian musste nicht im Bild erscheinen, um präsent zu sein. Von Österreich aus nahm er Einfluss auf Europa. Er war dabei nicht allein, er hatte Konkurrenten. Umso mehr war die Selbstinszenierung ein Mittel, um ihnen entgegenzutreten.

Maximilian I. starb vor 500 Jahren, im Januar 1519. „wer ime leben kain gedächtnus macht, der hat nach seinem tod kain gedächtnus“, und so werde mancher Mensch „mit dem glockendon vergessen“. Ein Gedanke, den der Kaiser in zwei seiner drei literarischen Denkmäler hinterließ, den Abenteuererzählungen „Theuerdank“ und „Weißkunig“. Das 19. Jahrhundert verschaffte Maximilian ein solches Andenken, indem es ihn den „letzten Ritter“ nannte, ein bleibender Titel.

So sieht’s aus, sein Image, heute noch. Aber war er auch dieser Ritter? Das Buch, das seine Taten preist, zeigt seine Zeit als eine, die so ritterlich ist, dass sie sich mit Lanze und Schwert bewaffnet. Allerdings war die Feuerwaffe längst erfunden, die Distanzwaffen hatten bereits gesiegt.

Eine Mummerei (Maskerade) in den Kostümen des Orients.

Der „Freydal“ war ein Anachronismus, denn das Buch war eines der Nahkampfgefechte. Das Turnierbuch, an dem von 1510 an zwei Dutzend Künstler beteiligt waren, umfasst 255 Einzelminiaturen. Die Szenen stehen unter drei stets wiederkehrenden Kapiteln: Kämpfe zu Pferd, Kämpfe zu Fuß, Kostümfeste. All die „viel seltzamen ritterspihl“ geschahen nicht aus einer Laune heraus, das nun wirklich nicht, sondern aus der Idee, dass Ritterspiele eine Bühne boten für die Darstellung der höfischen Welt.

Im „Freydal“ sah sich der Adel wieder. Eine Abbildung zeigt nicht von ungefähr die „Helmschau“, denn wehe, wenn sich unter der Kopfbedeckung ein Betrüger fand – also ein Gemeiner sich Zutritt erschleichen wollte. Allerdings war die Helmschau bereits eher ein Zeremoniell ebenso wie die Bestrafung, denn längst mischte der Bürger mit, da sich die Teilnahme erkaufen ließ. Der Turnierplatz wurde für den Adel auch zu einem sozial schwankenden Grund.

Aus dem Sattel geworfene Reiter, eine häufig wiederkehrende Momentaufnahme. Ein Sturz, ja. Nein, ein Hinsinken – beinahe wie in Zeitlupe! Welch eine Allegorie für eine Zeit, eine Übergangszeit. Überspielt wurden die für die Ritterei prekär gewordenen Verhältnisse durch ein sehr farbiges Hauen und Stechen, von farbigen Flaggen und bunten Bändern umflattert.

Mit seinem „Freydal“ wollte Maximilian imponieren, sich, seiner Umwelt. Das Turnierbuch hatte einen sagenhaften Ruf – und ist kein Gerücht mehr, weil der Taschen Verlag von ihm einen monumentalen Reprint hat verfertigen lassen, nach einem Exemplar, wie es das Kunsthistorische Museum in Wien verwahrt und zur Verfügung gestellt hat, Blatt für Blatt, zum Nachdruck. Schon einmal, 2003, bescherte der Taschen Verlag mit einem Reprint des „Theuerdank“ ein illustriertes Werk Maximilians, mithin ein Meisterwerk der frühneuzeitlichen Buchkunst. Sie war allerdings nicht gemacht aus lauter Edelmut, denn zur Medienrevolution gehörte die Bildpropaganda, zum Medium gehörte nicht nur das gute Buch, sondern das grobe Flugblatt. Maximilian ließ sie in Venedig unter die Leute bringen, um das Volk gegen die Signorie aufzustacheln.

Freydal im Fußkampf mit Streithämmern und Schilden.

Maximilian galt als draufgängerisch. Was für ein Kerl der Kaiser war, führte er vor, als Regent, als Ritter, als Kriegsherr, als Heiratspolitiker, als Mann unzähliger „Schlafweiber“. 1459 in Wien geboren, war der Habsburger seit 1486 König des Heiligen Römischen Reichs, seit 1508 „Erwählter Römischer Kaiser“. Von Innsbruck aus sah er auf Europa, auch herab.

Mit Frankreich lag er im Krieg, mit den Niederlanden, vor allem wegen der modernsten Monarchie in Europa, Burgund. Seine Heirat mit der Burgundertochter Maria wird als Liebesheirat geschildert, ihr früher Tod ließ ihn sehr betroffen zurück. Die Ehe mit einer Sforza, Bianca Maria aus Mailand, demonstrierte Europa, dass der Außenpolitiker nicht nur erhebliches Aggressionspotenzial mitbrachte, sondern die Heiratspolitik des Hauses Habsburg sehr ernst nahm. Nicht anders nahm er den Tod des Papstes – indem er sich selbst ernsthaft als Nachfolger ins Gespräch brachte. Pläne zu einem weiteren Kreuzzug trieben den Kaiser ständig um.

Ganz Renaissancefürst investierte er in Eroberungen, dafür tat er sich mit den Fuggern aus Augsburg zusammen, denn seine Politik verschlang Unsummen, erst recht seine Söldnerheere. Ein Bündnis schloss er auch mit den Ungarn, das Reich wurde ihm zu einem Vorwerk gegen die osmanische Aggression. Er war ein Herrscher, immerzu unterwegs, ein reisender Regent, zu Hause hoch zu Ross. Die Besten der Besten, Albrecht Dürer, Albrecht Altdorfer, Hans Burgkmair, ließen sich von ihm für monumentale Bildwerke in Dienst stellen, der „Triumphzug“, der unvollendet blieb, war auf über hundert Meter bemessen. So wurde Maximilian lauter Glanz. So strahlt sein Mythos bis heute. Es geschieht dadurch, dass Maximilian noch einmal die Vergangenheit aufleben ließ. Um eine Zukunft zu haben, setzte er am Übergang zur Neuzeit das Mittelalter noch einmal prunkend in Szene.

So handfest die Geschichten, ist das größte erhaltene Turnierbuch am Übergang zur Frühen Neuzeit viel zu fragil, um ständig ausgestellt zu werden. „Freydal. Medieval Games“, betitelt der Verlag den Reprint – um es ein wenig auf „Game of Thrones“ zu trimmen? Nun, anstelle des Dämmers im Safe des Kunsthistorischen Museums Wien eine Lektüre für jedermann auf einer stabilen Unterlage, denn das Buch ist 5,5 Kilogramm schwer, die 448 Seiten aufgeschlagen haben ein Format von 36 x 72 Zentimetern. Der Reprint ist eine Wucht.

Unter all den Turnierbüchern seiner Zeit illustriert der „Freydal“ die Leidenschaft des Kaisers für Ausrüstung und Ablauf der Kämpfe. Zur Ausrüstung gehören nicht nur martialische Waffen, sondern bizarre Dekorationen. Ein Kopfputz aus allegorischen Figuren, die auf dem Helm balanciert werden, ein Geweih, gar ein Vogelkäfig.

Freydal, das war das Alter Ego Maximilians. Er geht in prachtvollen Kostümen und mit prächtigen Waffen, und der Herausgeber ordnet all die Kostüme und Waffen Zeitgenossen Maximilians zu, die Figuren einer historischen Figur, manche Szene einer historischen Szenerie. Es sind 64 Turniere, die dieser Freydal bestreitet, sie gehen nach einem festen Ritual über die Bühne. Bühne? Die Turniere werden tatsächlich theatralisch durchgefochten und gelegentlich schlüpfen die historischen Figuren gar in die Rolle literarischer Gestalten. Mythische Helden geistern über die Schauplätze, die Artussage zieht weitere Kreise. Es geht um letzte Dinge. Echt kühnes Entertainment ist immer auch Endgame Entertainment.

Freydal: Medieval Games. Das Turnierbuch Kaiser Maximilians I. Hg. von Stefan Krause. Taschen Verlag, 448 S., 150 Euro.

Aus den Miniaturen geht hervor, dass den Pferden Binden oder Eisenreifen vor die Augen gewickelt wurden, auf dass sie nicht scheuten, denn es war gegen ihre sanfte Natur, wenn sie im Galopp aufeinander zurasten. Mit allen Fasern hing der Regent an diesem Rittersport. Und der Lebensfaden? Hing nicht bloß ab vom Glück, Überleben hatte offenbar mit der Kunst der Verteidigungstechniken zu tun. Beim „Geschifttartschen“-Rennen galt es, mit der Lanze den Schild so genau zu treffen, dass ein Federmechanismus ausgelöst wurde, der den Schild bersten ließ, wie „ein Feuerwerk aus Eisen“ (Krause) auseinanderstieben ließ. Die Dinge, die fantastisch aussehen, sind nicht weniger wahr.

Es wurde Zweikämpfe gewonnen, und wenn eines von zwei Leben nicht verloren wurde, dann lag das an der Kunst hochgradig ausgetüftelter Harnische, die den Zusammenstoß von zwei mit 50, 60, 70 Kilometer aufeinanderprallenden Panzerreitern auf ihren Pferden abfederten. Ein Ritter-Historiker wie Joachim Ehlers war nicht so grundsätzlich optimistisch wie Krause, wusste er doch, dass der eine oder andere unter mächtig herausgeputztem Helm einen Hitzschlag erlitt.

Man stach mit dem Schwert in den Augenschlitz des Helms oder bearbeitete ihn mit dem Dreschflegel. Der Moriskentanz, der dem tumben Geprügel folgte, war eine umso ausgelassenere Choreographie, schön wild. Auf dem Turnierplatz herrschte die harte Hand, beim Tanz wurde betörend Rouge aufgelegt. Nicht alle Musiker sind wirklich bei der Sache, wie blöd bläst einer ins Horn, Männer machen einen recht weggetretenen Eindruck, einige Damen schauen ein wenig dusselig.

Kontrahenten, so zeigt es der „Freydal“, sinken in den Staub, ohne dass der Staub wirklich zu erkennen ist. Und nirgendwo auch nur ein Blutstropfen. Die Verlierer liegen da verrenkt und nicht nur schwer verhauen, sondern wie zerschlagen. Nie ging es bei einer solchen Tjost um halbe Sachen. Wie auch immer die Ritter am Boden zerstört gezeigt werden, und manchmal weiß der heutige Betrachter nicht, ob sie noch halb lebendig sind oder schon halb tot, so tun sie es als Überlebende. Weil sie nicht gestorben sind - das war der tiefe, der mythische Sinn des „Freydal“.

Das Ritterturnier war zweifellos ein fester Bestandteil eines adeligen „Zivilisationsmodells“, meinte Ehlers einmal. Zarte Frauenhände vertrauen sich einer feingliedrigen Ritterhand an, die Männer führen die Frauen gespreizten Schrittes zum Tanz. Die Schönen zeigen sich anmutig, die Eingebildeten indigniert, die Angebeteten reizend. Bei allem waren diese Turniere, so zeigte es 2014 die Maximilian-Schau in Mannheims Reiss-Engelhorn-Museum, auch Jobbörse und Heiratsmarkt. Sie wurden festlich geflaggt, für heutige Verhältnisse wahrhaftig fürstlich wurde das Buch gestaltet.

Bei den dargestellten Mummereien und Maskeraden zeigen sich die Werbenden und die Beworbenen, Herren und Damen sehr vielfältig. Galant und graziös, eine offenbar Sitzengelassene wartet mit Händen in ihrem Schoß. Zwei Männer scheinen einen Deal auszuhecken. Einen Hochzeitsdeal? Fräuleinkörper tun wie „Rühr-mich-nicht an“, Männerbeine schreiten forsch fürbass. Hochzeit wird gefeiert, indem sich die Gesellschaft offenbar im Kreis dreht und bei den Händen fasst, ein Ringelreihen, artig wie die Kinder. Es ist eine Eheschließung auf europäischem Parkett, die Wiener Doppelhochzeit, das Bündnis Habsburgs mit Ungarn-Böhmen. Zum Kostümfest gehörte auch eine Osmanenschar - zur Gaudi?

In seiner „Geschichte der deutschen Literatur im Mittelalter“ hat der Altgermanist Max Wehrli die drei abenteuerlichen autobiografischen Werke Maximilians, „Theuerdank“, „Weißkunig“ und „Freydal“, als „ideologische“ Selbstinterpretationen bezeichnet. Von dieser Distanz hätte auch die Einführung Stefan Krauses in den „Freydal“ etwas vertragen können. Maximilian war ein Wegbereiter der modernen Kriegsführung. Repräsentant einer modernen Wehrverfassung, der er war, setzte er gleichwohl auf die alles andere als ritterlichen Tugenden seiner Söldnerheere. Maximilian rekrutierte für seine Eroberungen einen neuen Soldatentyp, die geradeheraus gewissenlosen Landsknechte.

In seinem Ungestüm war Maximilian ein hin- und hergerissener Monarch. Schlug er als Freydal deswegen so kühn um sich? Abgesehen davon, dass er selbst hinter seine Kanonen trat, sie zündete, um Augenzeuge ihrer mauersprengenden Kraft zu sein, abgesehen davon, dass er an der Südostgrenze die schwere Panzerreiterei gegen die leichte Kavallerie austauschte, abgesehen auch davon, dass er seinen Adel gelegentlich vom hohen Ross absetzen und ihn als Infanterie kämpfen ließ – auf dem Turnierplatz hielt dieser Monarch den „normsetzenden Rittergedanken lebendig“, obwohl er auf dem Schlachtfeld alles unternahm „für den militärischen Ruin des Rittertums“ (Ehlers).

Maximilian ist, nun ja, als sprunghaft und widersprüchlich beschrieben worden, nicht nur als rastlos, sondern als fahrig. Zudem sei die Ritterlichkeit selbst eine „flüchtige Eigenschaft“ gewesen, betont Krause. Ja, der Boden schwankte, es war eine Umbruchzeit. Doch Maximilian unternahm alles, um sich fest im Sattel sitzend zu zeigen.

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