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Wusste sein  Innerstes zu öffnen und dabei allgemeine Parabeln von der Welt zu schaffen: Bernhard Heisig.
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Wusste sein Innerstes zu öffnen und dabei allgemeine Parabeln von der Welt zu schaffen: Bernhard Heisig.

Zum Tode des Malers Bernhard Heisig

Im Strom der Geschichte

Künstlerleben unter zwei Diktaturen: Am Freitag starb Bernhard Heisig im Alter von 86 Jahren. Die Malerei war für ihn ein ständiger, nie abreißender Bewusstseinsstrom. Konzeptuelles Kalkül war Heisig fremd.

Von Sebastian Preuss

Künstlerleben unter zwei Diktaturen: Am Freitag starb Bernhard Heisig im Alter von 86 Jahren. Die Malerei war für ihn ein ständiger, nie abreißender Bewusstseinsstrom. Konzeptuelles Kalkül war Heisig fremd.

Der Krieg hat diesen Künstler ein Leben lang verfolgt. Als junger Mensch von einem verbrecherischen Regime vereinnahmt, ohne das wahre Gesicht des Nazi-Systems zu erkennen, an der Front in mörderisches Gemetzel verstrickt und dann in den letzten Kriegstagen als Verteidiger der „Festung Breslau“ mitzuerleben, wie seine bis dahin unversehrte Heimatstadt in Schutt und Asche fiel: Das alles hat Bernhard Heisig nie wieder losgelassen. Das Trauma wurde zum Lebensthema, die deutsche Tragödie zum Welttheater seiner Bilder. Wenn Günter Grass einmal schrieb, die Kunst der DDR trage schwerer an der Last der Geschichte und sei „deutscher“ als die der Bundesrepublik, dann wird er dabei besonders eindringlich die Werke Heisigs vor Augen gehabt haben.

Auch wenn diesem Maler der Innovationsdruck und der Originalitätskult der westlichen Spätmoderne fremd blieben, hat er doch der Historienmalerei neue Aspekte hinzu gefügt. Bei Heisig gibt es so viele Bedeutungsebenen wie dargestellte Elemente. Die Figuren und Requisiten schichten und türmen sich, verschmelzen wie im Säurebad, sind innerlich zerfressen. Diese Kunstwerke sind weit geöffnet für jeden nur denkbaren Zugang, auch das macht sie innovativ und modern, trotz ihres retrospektiven Stils auf den Pfaden von Corinth, Kokoschka oder Beckmann.

Inneres und äußeres Erleben durchdringen sich. Eine Klammer ist Heisigs zerfurchtes Antlitz, das meist im Getümmel der Motive irgendwo auftaucht. Das komplexe Verschränken von Erfahrung und Ausdruck offenbart sich aber vor allem in dem sprudelnden Bewusstseinsstrom, der reiches Material für psychoanalytische Deutungen hervorbringt.

Heisigs Rückblick in die Geschichte bietet weder Narration noch konzise Analysen, sondern die unterschiedlichsten Erinnerungsfetzen, Blickwinkel, Großes und Kleines, Täter und Opfer, Mordsinstrumente oder sentimentale Reliquien (etwa die notorische Trompete oder die Puppe der Ehefrau Gudrun Brüne) wie in einem Braukessel zur Gärung gebracht – aber vor der Fermentierung halbgar wieder ausgespuckt. Heisig ist das Kunststück gelungen, in erschütternder Weise sein Innerstes zu öffnen und zugleich allgemeingültige Parabeln von der Welt vorzuführen.

Vom Oppositionellen stieg der Maler zum Vorzeigekünstler der DDR auf

Wie alle Ostdeutschen seiner Generation musste dieser Maler zwei Diktaturen durchleben. Gegen die zweite hat er als junger Mann opponiert, was ihm Repressalien einbrachte, aber er hat auch viele Jahre und bis zum Ende der DDR an verantwortlicher Stelle als Kunstfunktionär mitgewirkt. Er stieg zu Honeckers privilegiertem Vorzeigekünstler auf. Schon 1948 war Heisig in die SED eingetreten, jedoch offenbar ohne glühende Begeisterung. Er wollte, nach einer ersten Ablehnung, endlich in die Leipziger Kunsthochschule aufgenommen werden, was ihm dann im Oktober 1949 auch gelang.

Damals geriet er mitten hinein in die Richtungskämpfe über Wesen und Zweck der sozialistisch adäquaten Kunst. Schon in den Fünfzigern, als die Formalismusdebatte besonders heftig tobte, kritisierte er, dass die DDR-Ausstellungen Gefahr liefen, zum „ziel- und gesichtslosen Arrangement“, zum „Ablageplatz von Mittelmäßigkeiten“ zu verkommen. Damals unterstützte er auch Ansätze, die von den Funktionären verpönte abstrakte Kunst aus Westdeutschland in der DDR zu zeigen. So schwarz und weiß war die DDR eben nicht.

Nach dem Ungarnaufstand 1956 brach eine neue Eiszeit in Ulbrichts Kulturpolitik an. Als der Staatsratsvorsitzende 1961 eines der Bilder über den aussichtslosen Lage der eingeschlossenen Pariser Commune 1871 sah – ein lebenslanger Bildstoff Heisigs –, verwarf er es mit der Bemerkung: „Die Kommunarden haben gestürmt und nicht geschlafen!“ Mit dem Vorwurf des „Geschichtspessimismus“, „Subjektivismus“ und der „Preisgabe realistischer Positionen“ musste sich Heisig noch die gesamten sechziger Jahre hindurch auseinandersetzen.

1964 trat er entnervt von seinem Rektorenposten an der Leipziger Kunsthochschule zurück. Im gleichen Jahr hielt er beim Künstlerverbandskongress eine scharfe Rede über die Gefahr der DDR-Kunst, in „ödes Provinzlertum“ und ein „Dienstleistungskombinat“ abzudriften. Das zog ein Parteiverfahren nach sich, Heisig musste öffentlich Selbstkritik üben, vernichtete sogar eines seiner besten Commune-Bilder.

Fertige Bilder gab es für Bernhard Heisig eigentlich nicht

Die Malerei war für ihn ein ständiger, nie abreißender Bewusstseinsstrom. Konzeptuelles Kalkül war ihm fremd. Alle Experimente spielen sich direkt auf der Leinwand ab. Die Triebkräfte, aber auch die Zweifel waren so stark, dass Heisig immer wieder verwarf, neu konzipierte und übermalte. Fertige Bilder gab es für ihn eigentlich nicht, jedes Gemälde überdeckt mehrere andere Versionen. Als vor einigen Jahren das fünfteilige Panorama „Gestern und in unserer Zeit“ wieder auftauchte, das er 1974 für die Bezirksleitung der Leipziger SED ausgeführt hatte, übermalte Heisig große Teile, als wollte er seiner eigenen künstlerischen Vergangenheit die Dämonen austreiben. Besser ist das Bild dadurch nicht geworden, dafür dokumentiert jetzt das Nebeneinander des etwas kühleren, gefestigteren Stils von einst mit dem atomisierten, grelleren Duktus von heute das Feuer, das in Heisig bis in die letzten Jahre loderte, obgleich er körperlich schon so fragil war.

Mit Beginn der Ära Honecker und deren anfänglicher „Weite und Vielfalt“ ebbten die Anfeindungen gegen Heisigs Geschichtsmalerei ab. Der Staat zeichnete ihn mit Preisen und Ehrenzeichen aus, die zunehmende Anerkennung im Westen festigte auch seine Stellung im Osten.

Gemeinsam mit dem allmächtigen Verbandspräsidenten Willi Sitte sowie den Leipziger Kollegen Tübke und Mattheuer stieg Heisig zum umworbenen Renommierkünstler auf. Seit 1976 leitete er wieder die Hochschule, 1978 wurde er zudem Sittes Stellvertreter im Künstlerverband. Großen Einfluss übte er etwa in der Jury zur nationalen Kunstausstellung in Dresden aus. Es gibt viele Zeugen, die ihm in dieser Zeit bis zum Ende der DDR Offenheit gegenüber jungen Abweichlern bescheinigen. Gleichwohl war er, ob er es wollte oder nicht, ein exponierter Repräsentant eines Zwangssystems.

Wohl vor allem deshalb wurde Heisig nach der Wiedervereinigung zur Hassfigur der ehemaligen Dissidenten. Wütend bekämpften sie etwa seine Beauftragung für ein Bild im Reichstag, warfen ihm die jugendliche Kriegsteilnahme in der SS-Division „Hitlerjugend“ vor, obgleich er doch selbst seine schuldhafte Verstrickung, seine Gewissensqual immer in seinen Bildern offengelegt hatte. Beinahe wäre der Maler von der ehrenvollen Aufgabe zurückgetreten. Das Reichstagsbild wurde Heisigs Hauptwerk der Nachwendezeit. Es ist ein breiter Historienfries, dabei flach wie ein Filmstreifen, auf dem eine zentrale rote Uhr die Schrecknisse der deutschen Geschichte durcheinander wirbelt und im Fluss der Zeit rotieren lässt.

Stellvertretend für viele Gemälde kann man dieses Werk als eine Allegorie für Heisigs Kunst begreifen. Er repetierte seine Motive, ohne sich zu wiederholen; wie ein Regisseur holte er sein unentbehrliches Personal und die bewährten Requisiten in ständig neuen Kombinationen auf die Leinwand. „Ein Volk ist ohne seine Geschichte kunstunfähig“, hat Heisig einmal gesagt.

Die Commune-Kämpfer, Hitlers Fratze, der versteinerte Bismarck, Friedrich der Große als tragische Figur, der gehetzte alte Mann mit dem gelben Stern, die jüdischen Maler Liebermann und Nussbaum, der „Pflichttäter“ in den Nazigräueln oder der abstürzende Ikarus – sie alle zeugen von den nie abreißenden Träumen und Alpträumen, die diesen Künstler antrieben. Bernhard Heisig hat dem Tod trotz schwerer Krankheiten lange getrotzt.

Am Freitag ist er in Strodehne im Havelland gestorben. Er wurde 86 Jahre alt.

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