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Einem offenen Brief gegen das Künstlerhaus Bethanien folgte ein Shitstorm.

Weiße Männer

Streit über Ausstellung in Berlin: Die Kunst der Empörung

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Eine Schau im Berliner Künstlerhaus Bethanien zeigt die Arbeiten weißer Männer. Ist das schon ein Skandal?

Achtung, dies ist keine Kunstkritik. Denn noch ehe es zu einer Auseinandersetzung mit der am vergangenen Donnerstag eröffneten Ausstellung mit dem schönen, sich auf Stanislaw Lem beziehenden Titel „Milchstraßenverkehrsordnung“ im Berliner Künstlerhaus Bethanien kommen konnte, war diese überlagert vom Vorwurf multipler Unausgewogenheit. Die Kunst alter weißer Männer, jetzt auch im Kreuzberger Künstlerhaus?

Die empirischen Daten sind eindeutig. Von den 22 Kunstschaffenden, die sich in der Ausstellung mit dem Weltraum als sozialer Utopie befassen, sind 18 weiße Männer, drei weiße Frauen und ein Mann mit asiatischen Wurzeln. Und das, obwohl sich die Ausstellung im Katalog ausdrücklich auch auf Sun Ra, den afro-amerikanischen Musiker und Miterfinder des Free-Jazz sowie dessen Motto „Space is the place“ bezieht.

Ausstellungsmacher Christoph Tannert hat eingeräumt, dass die Zusammensetzung der thematischen Sammelausstellung kritikwürdig sei. Er stört sich allerdings daran, dass das kritisierende Kollektiv „Soap du Jour“ ausschließlich anonym agiere. „Soap du Jour“ hatte die Ausstellung mit einem offenen Brief konfrontiert, auf den umgehend ein Shitstorm folgte. Das Künstlerhaus Bethanien, so Tannert, sei bereit, den Protestbrief im Rahmen der Ausstellung zu veröffentlichen. Ob es, wie nun geplant, zu einer Diskussion mit offenem Visier kommen wird, ist allerdings ungewiss.

Der Schutz der Anonymität ist eine ärgerliche Begleiterscheinung sich subversiv wähnender Strategien, die sich via Internet insbesondere gegen vermeintlich etablierte Institutionen richten. Im Fall der Schau im Bethanien ist die geschlechtliche und ethnische Zusammensetzung der Teilnehmer gewiss entwaffnend. Die konspirative Aktion zielt indes auf die Diskreditierung der künstlerischen Intention. Das Künstlerhaus hat also den Fehler begangen, Vorüberlegungen außer Acht zu lassen, die jeder Veranstalter oder eine Fernsehredaktion bei der Besetzung einer Gesprächsrunde inzwischen anstellen muss. Die Abbildung repräsentativer Verhältnisse in Bezug auf Geschlecht, ethnische und soziale Herkunft ist zu einer verpflichtenden Voraussetzung geworden.

Die Vertretung und Durchsetzung von Partikularinteressen kann sich zweifellos auf eine lange aufklärerische Tradition berufen, gesellschaftlicher Fortschritt verlief nicht selten über die Befreiung von Minderheiten und deren soziale, kreative und innovative Energie. Es ist für das Zusammenspiel der gesellschaftlichen Kräfte unerlässlich, dass Fragen der Repräsentanz und der Differenz immer neu aufgeworfen werden.

Das kleine Beispiel Bethanien zeigt aber auch, dass der ehrenwerte Einsatz für die Interessen von Minderheiten nicht frei ist von anti-aufklärerischen Tendenzen. Den Aktivisten von „Soap du Jour“ geht es um den symbolischen Triumph, das Urteil ist mit dem Anlegen des Maßbands bereits gefällt. Der apodiktische Ton, in dem sie ihr Anliegen öffentlich machen, tritt auf im Gewand einer repressiven Toleranz.

Das prominenteste Beispiel einer Symbolpolitik der Empfindlichkeiten war die Entfernung eines Gedichtes von Eugen Gomringer von der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Marzahn-Hellersdorf. Das Bauchgefühl, es hier mit einer dichterischen Hervorbringung des Machismo zu tun zu haben, obsiegte nicht nur über die Schönheit der Kunst, sondern auch über das Deutungsvermögen der Hermeneutik und die Urteilskraft des Betrachters. Und der Verlauf der erbittert geführten Debatte vermochte zu keinem Zeitpunkt den Verdacht zu entkräften, dass es hier um eine Machtdemonstration ging – in diesem Fall die Macht der Studierenden – die sich im Kampf gegen die vermeintlich Etablierten sahen.

In einem Kommentar für Deutschlandfunk Kultur hat der Berliner Soziologe Harald Welzer unlängst auf die anti-demokratischen Effekte einer immer häufiger mobilisierten Empörung hingewiesen. „Die Skandalisierung symbolischer Ungleichheit tritt in der antiaufklärerischen Mode der Identitätspolitik an die Stelle der Bekämpfung sozialer Ungleichheit – eine politisch kostenlose Empörung, mit der man anstrengungslos ohne eigene Urteilskraft immer schon auf der richtigen Seite steht.“ Merkwürdigerweise, so Welzer, gelte diese Verschiebung vom sozialen auf das symbolische Unrecht sogar als „links“ oder „progressiv“, „obwohl sprach- und einstellungspolizeiliche Ermittlungen doch genauso dem totalitären Formenkreis angehören wie die Figur des eifrigen Sammlers von Verfehlungen anderer, also des Denunzianten. Welcher gesellschaftliche Fortschritt, fragt Welzer, „sollte aus solcher selbst gemachter Repression in einer freien Gesellschaft entstehen?“

Im Fall der Ausstellung hätte vermutlich eine gut begründete Kunstkritik ausgereicht, um das Unbehagen zu artikulieren. Im Umgang mit dem Phänomen sozialer Empörung wird es auf das kritische Vermögen ankommen, zwischen Argument, gesellschaftlicher Relevanz und Furor zu unterscheiden. Eine Ausstellung ist ein Interpretationsangebot, das zu anderen Sichtweisen einlädt.

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