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Fasziniert von verachtenswerten Menschen – Stéphane Mandelbaums Bilder in Frankfurt

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Von: Sandra Danicke

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„Bacon et frise“, 1982. Sammlung von Paula Hauser, Brüssel / Foto: Axel Schneideri
„Bacon et frise“, 1982. Sammlung von Paula Hauser, Brüssel / © Axel Schneideri

Was hätte aus ihm noch werden können: Im MMK Tower sind nun die verstörenden Porträts des jung verstorbenen Künstlers zu sehen.

Frankfurt – Ein Bild, das einen nicht loslässt. Es zeigt Francis Bacon, und wer weiß, wie der Maler aussah, kann ihn darauf erkennen. Das Bild auf dieser Seite ist ein Porträt, das nicht gerade klassisch anmutet – obwohl die Bleistiftzeichnung durchaus eine akademische Ausbildung erkennen lässt. Die Augen sind weit aufgerissen, der Kopf leicht geneigt, auf den Wangen zeigen sich Bartstoppeln. Durch den Schattenwurf wirkt seine ohnehin große Nase schief und deformiert. Der Mann auf dieser Zeichnung sieht ängstlich, ja: unglücklich aus.

Francis Bacons Bilder handeln vom Menschen als geschundene Kreatur, vom Leben als Krankheit zum Tode; die Körper sind stets deformiert, entstellt und verwundet, bisweilen erscheinen sie gar als verzerrter Klumpen Fleisch. Es sind tragische, verstörende Bilder, sie machten aus Bacon einen der bedeutendsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts.

Stéphane Mandelbaum war ein schwieriger Charakter

Bacon muss ein schwieriger Charakter gewesen sein, sein Leben war ein heftiges. Und man hat das Gefühl, man könne all dies in dem Porträt, das Stéphane Mandelbaum von dem Künstler gezeichnet hat, erahnen, in den dunklen Augen, dem leicht vorgewölbten Mund.

Auch Stéphane Mandelbaum selbst war ein schwieriger Charakter; auch er hatte ein heftiges Leben, das 1986 vorzeitig endete. Mandelbaum wurde nur 25 Jahre alt. Sein Œuvre war dennoch erstaunlich groß. Binnen zehn Jahren schuf er Hunderte Porträts, eine umfangreiche Auswahl zeigt jetzt das Museum für Moderne Kunst im Tower in einer bewegenden Ausstellung. Es sind Bilder, die fesseln, bisweilen auch heftig abstoßen. Gezeichnet mit Kugelschreiber, Bleistift und Buntstiften auf oftmals großformatigen Papieren. Ganz selten sind Ölgemälde auf Leinwand darunter.

Geboren wird Mandelbaum 1961 in Brüssel als jüdisches Kind eines Malers und einer Illustratorin. Sein Großvater floh in den frühen zwanziger Jahren aus Polen. Der Enkel studiert Kunst, lernt Jiddisch, heiratet eine kongolesische Frau. 1986 reist Mandelbaum in den Kongo, in das Heimatdorf seiner Frau. Er plant in den Handel mit Masken einzusteigen, das misslingt wie so vieles in diesem kurzen Leben.

Zurück in Belgien begeht Mandelbaum mehrere Einbrüche, stiehlt Kunst aus Privatwohnungen, zuletzt einen Modigliani, der sich als Fälschung entpuppt. Es gibt Zeichnungen, die all dies aufnehmen, zumindest erkennt man Versatzstücke. Als handele es sich bei diesen Bildern um eine Art Traum-Tagebuch, in dem sich fiktive und reale Elemente vermischen.

Mandelbaum ist fasziniert von verachtenswerten Menschen

Als Künstler ist Mandelbaum fasziniert von schrägen, schwierigen Charakteren, von verachtenswerten Menschen, von großen Künstlern. Er zeichnet sie alle, scheint keinen großen Unterschied zu machen zwischen Nazis wie Joseph Goebbels oder Ernst Röhm, Filmemachern wie Pier Paolo Pasolini, Dichtern wie Arthur Rimbaud, Huren, Ganoven, Strichern. Menschen mit aufregenden Biografien sind ihm, so scheint es, nah. Dazu zählt unbedingt auch George Dyer, einst Modell und Geliebter von Francis Bacon. Ein Mann, der alkoholkrank war und gewalttätig. Der nach seinem Selbstmord auf der Toilette gefunden wurde.

Die Physiognomien dieser Menschen hält Mandelbaum auf eine ganz eigenwillige Weise fest. Oft sind die Gesichter leicht verzerrt, die Lippen fleischig, die Augen riesig, die Nasen knollig. Alles an ihnen wirkt auf geheimnisvolle Weise intensiviert, wenngleich es sich nicht um Karikaturen im üblichen Sinne handelt.

Viele von diesen Menschen kannte Mandelbaum gar nicht persönlich. Er zeichnete sie nach Fotos – trotzdem hat man das Gefühl, dass sie ihm nah waren, ihm etwas bedeuteten, dass er sich in sie hineingedacht, nein, -gesteigert hat. So verlieh er dem surrealistischen Filmemacher Luis Buñuel einen Lippenstift-Mund und blutunterlaufene Augen, auf einem anderen Bild trägt er Rouge.

Thematisch verbindet Mandelbaum Drastisches: Pornos und Propaganda, Waffen und Unterwelt. Seine jüdische Herkunft und Belgiens Kolonialgeschichte. Selten ist auf den Bildern nur ein Porträt drauf. Oftmals kritzelte er die Ränder mit Schrift und Zeichen voll. Hebräisch, Kyrillisch, Französisch, Englisch. Mandelbaum war Legastheniker, schrieb, wie er sprach. Man ist bei ihm nie ganz sicher, ob der Inhalt entscheidend ist, oder ob die Buchstaben nicht eher als Bilder dienen. Schließlich können nur die wenigsten Betrachterinnen und Betrachter all seine Notizen entziffern.

Selbstporträt, 1982. Foto: Alberto Ricc
Selbstporträt, 1982. © Alberto Ricc

Immer wieder kommen winzige Strichmännchen-Armeen vor, wie man sie in Schulheften erwarten würde, oder Erotisches wie den Sex, den eine Frau mit sechs Brüsten mit einem Oktopus hat. Dazu Sätze wie „Claudia est un Crème au Caramel, Claudia est un Crème au Chocolat“. Darunter ein abgestürztes Flugzeug.

Es scheint, als zeichnete sich Mandelbaum das Elend der Welt aus der Seele

Bisweilen ist gar nicht klar, ob man es mit ausgefeilten Kompositionen oder mit zufällig entstandenen Schmierzetteln zu tun hat. Dann wieder klebte er Zeitungsfotos auf, die beim Näherkommen erschrecken, weil man plötzlich auf eine entblößte Klitoris blickt. Oder man entdeckt zwei gezeichnete kopulierende Schweine mit Davidsternen und Schläfenlocken und erstarrt. Auch Hakenkreuze findet man immer wieder in diesem Werk.

Es scheint, als zeichnete sich der Außenseiter Mandelbaum – Jude, Homosexueller, Verbrecher – das Elend der Welt aus der Seele. Als exorzierte er gleichsam das Schicksal seiner Familie (der Großvater war Überlebender der Shoah), das Schicksal der Halbweltgestalten, der leidenden Exzentriker. Nicht wenige derer, die Mandelbaum abbildete, sind gewaltsam gestorben, etwa der linksradikale Aktivist Pierre Goldman, dem man erst einen Mord in die Schuhe schob, bevor man ihn auf offener Straße umbrachte.

Oder der ebenfalls ermordete Pier Paolo Pasolini, dessen radikaler, schwer erträglicher Film „Die 120 Tage von Sodom“ (nach de Sade) Mandelbaum nachhaltig inspiriert haben dürfte. Dass der Künstler mit der Halbwelt kokettierte, dass er mit Verbrechen prahlte, die er gar nicht begangen hat, mag seiner Jugend und seiner Faszination für gebrochene Biografien geschuldet sein.

Erschreckend sind auch die immer wieder vorkommenden zerstörten Gesichter, die an Werke von Otto Dix denken lassen, obwohl man bei Mandelbaum noch stärker das Gefühl hat, es gehe ihm nicht um eine körperliche, sondern um eine seelische Deformation. Unwillkürlich fragt man sich, was aus diesem unerschrockenen Talent noch hätte werden können.

Stéphane Mandelbaum

MMK Tower, Frankfurt: bis 30. Oktober. www.mmk.art

Am 1. Dezember 1986 verschwindet Mandelbaum von der Bildfläche. Sein Vater erhält ein Telex aus Lanarka in Zypern, in dem es heißt, sein Sohn sei in Beirut inhaftiert. Womöglich war dieser in Wahrheit bereits tot, ermordet von der Person, die den Modigliani-Raub in Auftrag gegeben hatte. Bewiesen ist das jedoch nicht.

Im Januar 1987 wird Stéphane Mandelbaums Leiche von Kindern in einer Felsenhöhle in der Nähe von Namur entdeckt. Die Autopsie ergibt, dass er durch einen heftigen Schlag auf den Schädel hingerichtet, dann erschossen und sein Gesicht mit Säure verätzt wurde. (Sandra Danicke)

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