Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Magdeburger Reiter, eine Skulptur aus der Zeit der Staufer und Wahrzeichen der Elbestadt Magdeburg.
+
Der Magdeburger Reiter, eine Skulptur aus der Zeit der Staufer und Wahrzeichen der Elbestadt Magdeburg.

"Aufbruch in die Gotik"

Staunen im Jammertal

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
    schließen

Finsteres Mittelalter? Was für ein moderner Aberglaube! Nein, Unruhe und Unbeständigkeit sind kein Vorrecht der Moderne. Wie Magdeburg per Ausstellung zum grandiosen "Aufbruch in die Gotik" aufruft.

Vieles kam auf die Stadt zu, bedrängt wurde sie von neuen Ideen und Ideenträgern, unter denen auch Walther bis nach Magdeburg kam, wozu ihm die Verse die Mittel verliehen und die Glaubensstärke Flügel, und schon huldigte er dem staufischen Thronkandidaten: "Es zog an einem Weihnachtstag, an dem unser Herr (....) geboren wurde", lesen wir bei dem berühmtesten deutschen Lyriker des Mittelalters, "der König Philipp prachtvoll durch Magdeburg."

Walther von der Vogelweide verstand sich auf den hochmittelalterlichen Agitprop, also besang der Minnesänger 1199 das Weihnachtsfest in der Stadt, um im Kampf um die Kaiserkrone Partei gegen den welfischen Gegenkandidaten, den späteren Otto IV., und für Philipp von Schwaben zu nehmen: "Er trug das Zepter und die Reichskrone", beschied der Sänger kategorisch, denn Reichspolitik war dem Dichtenden eine Herzensangelegenheit.

Doch weder Philipp noch Otto sollten das Heilige Reich deutscher Nation entscheidend prägen, wie eine Ausstellung jetzt erneut erzählt, die, indem sie vom alten Magdeburg ein Panorama zeigt, eben dies mit einer Welt im Umbruch tut.

Nein, Unruhe und Unbeständigkeit sind kein Vorrecht der Moderne. Anfang des 13. Jahrhunderts "geriet der Geist in Aufruhr", wie Johannes Fried vor gar nicht langer Zeit in seiner großen Darstellung "Das Mittelalter" schrieb (Verlag C.H. Beck), und in Magdeburg, so zu sehen, so zu bewundern und so zu fürchten, können wir (Nachfahren?) jetzt, zwischen kostbarstem Kirchengerät und maßgeblichen Rechtshandschriften, zwischen leuchtender Retabel oder bildgeschmückter Weltchronik, eine Faszination am Aufbruch erkennen, der ein Beieinander von Glaubensgewissheit und Ungewissem war, ein Zugleich aus Doktrinen und Neugierde.

Zur Entdeckung von Magdeburg gehört, dass es wohl der Palmsonntag 1207 war, an dem eine neue Zeit anbrach - wie auch immer die Menschen dieses Ereignis tatsächlich als ein Datum im Heilsplan Gottes empfanden. Denn in der Tat bescherte der Feiertag der Stadt einen neuen, von Rom eintreffenden Erzbischof, doch bereits fünf Tage später sah der zum Kardinal geweihte Albrecht II. den ottonischen Dom in Flammen stehen. Was ruinös verblieb, ließ Albrecht buchstäblich radikal beseitigen. Zum geistigen Aufruhr gehörte damals bereits die produktive Zerstörung.

Um das Haus Gottes neu erfinden zu können, ging für die Bewohner kein Weg daran vorbei, in eine gewaltige Baugrube zu blicken, erst Jahrzehnte später zeichnete sich auf den Fundamenten, die vom Vorgängerbau um sieben Grad abwichen, ein Kirchentypus der neuen Art ab, nach Vorbildern von weither. Frankreich, so sagte man Jahrzehnte lang, und in der Tat verblüfft den Ausstellungsbesucher der Aufriss der Westfassade des Straßburger Münsters (um 1260/70), es ist die früheste Planskizze eines mittelalterlichen Monumentalvorhabens, das dem Besucher zeigt, woran sich seit der Grundsteinlegung im Jahre 1209 die Bauhütte orientierte und woran sich die Handwerker und Meister während erwiesenermaßen elf Bauphasen hielten.

Der Dom bedeutete für die Stadt ein überragendes Wirtschaftsförderungsprogramm, in der der Bürger und das Handwerk sich ihrer selbst bewusst wurden - jedenfalls wird der Magdeburger Reiter, der mit zwei Begleitfiguren um 1250 auf dem Marktplatz aufgestellt wurde, als Ausdruck der Auflehnung der Gemeinde gegen ihren Oberhirten interpretiert. Auf ihrer Dombaustelle erlebte die Kommune einen alles bewegenden Import, er betraf Ideen und technisches Knowhow, und so stehen wir auch heute noch vor einem Hybrid. Partiell haben sich vermeintlich französische Vorbilder als pure Behauptung erwiesen, ganz abgesehen von offensichtlich spätromanischen Elementen. Auf ihnen beruht etwa die Wucht des Ostchors, auch wenn der Chorumgang und Kapellenkranz als Gründungsakte der Gotik in Deutschland gelten. Nebeneinander und Ineinander, dazu zählt, dass gar antik-römische Säulen verbaut wurden.

Andererseits, und so traurig es ist: Am Magdeburger Dom sind es gerade die romanischen Zierteile, die uns vor Augen führen, was es heißt ein Auslaufmodell zu sein. Meister "Bonesac" dagegen, der sich im südlichen Vierungspfeiler um 1230 verewigt hat, vermachte der Nachwelt anstelle der monumentalen Untersetztheit der Romanik, und da mochte der Baumeister noch so tief in ihr wurzeln, das hochfahrende Ungestüm der Gotik.

Der neue Dom steht im Zentrum der Ausstellung "Aufbruch in die Gotik", die im Kulturhistorischen Museum Magdeburgs aus Anlass des 800. Geburtstags der Kathedrale von Matthias Puhle, Claus-Peter Haase, Tobias von Elsner und den Kuratoren Gabriele Köster und Heike Pöppelmann eingerichtet wurde. In acht Abteilungen wird der Blick auf den Zeitraum von 1198 bis etwa 1250 gerichtet, historisch gesehen auf die Epoche Friedrich II., der von 1220 bis 1250 regierte, vor allem von Italien aus, als Nachfolger Ottos IV., der 1209 aus dem Hauen und Stechen zwischen Welfen und Staufern als Kaiser hervorgegangen war.

Zum Fernblick auf diese Zeit gehört das Versenken in Feindseligkeiten und Fehden, denen Philipp von Schwaben durch die eigenen Leute zum Opfer fiel, so dass Albrecht II., Magdeburgs Kardinal, als Parteigänger der Staufer in die Defensive geriet. Albrecht und mit ihm Magdeburg mussten hinter den Mauern der Stadt zusehen, wie der Welfe das Umland verheerte.

Alle mit dieser Schau zum Leben erweckten Reichtümer können nicht darüber hinwegtäuschen, wie unwohl es sich leben ließ - wie unsicher. So hielt ein Propst über seine Zeit zu Beginn des 13. Jahrhunderts fest: "Man hat Räubereien, Plünderungen und Entvölkerungen, Verwüstungen der Länder, Mordbrennereien, Aufruhr, Krieg und Raub auf Straßen oder in Raubzügen für Recht erklärt." Dieses Zitat wie manche Erkenntnis mehr verdanken wir dem fabelhaften Katalog, der zur Ausstellung im Verlag Philipp von Zabern erschienen ist. Zur damit verbundenen Erkenntnis muss man unbedingt zählen, dass das Verhältnis zwischen Zentralmacht und Territorialherren, das zwischen Kaiser und Landesherrn ausgehandelte Machtverhältnis, nicht etwa als Tragödie erscheint - und damit in der Tradition des 19. Jahrhunderts steht.

Angefangen vom berühmten "Sachsenspiegel" (um 1300) verweisen die gezeigten Vertragswerke auf ein austariertes Rechtsverhältnis, den Triumph eines aufziehenden Vertragsbewusstseins. Die Überlegung war rational-pragmatisch, und sie war von irdischer Nützlichkeit - was nicht heißt, dass irdischer Ehrgeiz und religiöser Wahn daran gingen, immer wieder dem Vertragsbruch zu frönen, mit distinguierter Verschlagenheit und ausgesuchter Grausamkeit.

Zur Magdeburger Entdeckungsreise ins hohe Mittelalter, das in Vitrinen mit grau lasierten Holzrahmen ansässig ist, gehört der bei jüngsten Domgrabungen wieder aufgetauchte Bleisarkophag mit den Gebeinen Edithas - womit die Entdeckung ausgreift bis zur Frühblüte Magdeburgs unter Otto dem Großen im 10. Jahrhundert. Gleich am Anfang die "Weingartner Liederhandschrift" Walthers - womit dessen Politsong als Gründungsurkunde staufischen Selbstbewusstseins studiert werden kann. Oder wir laufen geradewegs zu auf die getreue Kopie der "Ebstorfer Weltkarte", aufgezogen auf Pergament, die um 1300 die Welt nach dem Leib Christi formte, mit Jerusalem im Mittelpunkt, um den sich der Erdkreis, ja, er war nun mal eine Scheibe, anordnete.

Magdeburg, am Nordostrand des Reichs, Vorposten der Slawenmission und Ostkolonisation, wie solche Dinge früher gerne genannt wurden, war ein Knoten im Netz europäischer Kulturvermittlung, und die Transfers reichten bis nach Bologna oder Paris. Zu den Netzwerkern zählten, neben Kirchenleuten, Kaufleute, Kreuzfahrer und die Kathedralenspezialisten. Natürlich war an erster Stelle der Dom selbst ein steinernes Buch, das dem Heilsversprechen Gewissheit und Obdach verschaffte, ohne jedoch das Gefühl des Ungeborgenseins auf Erden zu verdrängen. Denn bei aller Aufbruchstimmung: Wie sehr alle irdische Existenz mühselig war, von der Versuchung verfolgt schien, beladen war mit Sünde, wie sehr das Leben ein furchtsames Fristen in einem Jammertal war, auch das wird in Magdeburg gezeigt, wenn man die flehenden Blicke und gereckten Hände nicht herzlos ignoriert.

So steht es in goldenen Büchern, so ist es in Stein gemeißelt worden. Denn eine jegliche Jammertalexistenz unter der Sonne schaute auf zum Jenseits, dafür wurden die Artefakte angefertigt, Vortragekreuz und Statue, denn bei allem Aufbruchswillen blieb der Glaubensstress so gewaltig wie das Unbehagen an allem Irdischen. Zur Hinterlassenschaft des Magdeburger Mittelalters gehört eine Kathedrale, deren Geheimnisse nicht einmal bis ans Weltende zu entziffern sind, obwohl mancher bearbeitete Stein an nichts anderes seit immerhin 800 Jahren gemahnt.

Furcht einflößen, Schrecken verbreiten, das war Programm wie andererseits auch das Liebliche, das Lächeln, die Anmut, in Skulpturen, die nicht mehr einem nur abstrakten Ideal verpflichtet waren, darunter der Hl. Mauritius, zu dem mancher Magdeburger Herrscher aufschaute wie zu einem Patron. Dabei war der Schutzherr und gute Geist die erste vollplastische Ausbildung eines schwarzen Ritters. Um 1240 wurde dem Schwarzafrikaner eine individuelle Physiognomie verliehen, eigentlich unglaublich - jedenfalls undenkbar ohne einen realistischen Blick auf das Fremde und ohne tolerante Bildhauerhände.

Zu Nachbarn in Magdeburg sind erneut der Totenkult und die Lebensfeier geworden, hier das Armreliquiar der Hl. Felicitas, silberummantelt, darin ein purer Armknochen, und mit der Leihgabe aus Münster in Westfalen ließ sich jedes Kleinkind immer schon erschrecken. Dort die "Etymologie des Isidor", und damit, wie ein Landvermesser mit Zirkel und Messlatte den Baugrund eines geplanten Gebäudes vermisst, werden große Kinder heute wieder ein wenig selig.

Die Ausstellung ist fokussiert auf eine strahlende Kunst- und Ideengeschichte und versagt sich auch nicht Einblicke in die Kulturgeschichte, darunter Aspekte des städtischen Lebens. Vielleicht weil selbst diese Alltagsgegenstände, wie schon zuvor die Inkunabeln und Preziosen, so ungemein streng präsentiert werden, leuchtet der Anlass selbst, der Aufbruch, in umso kräftigeren Farben.

Finsteres Mittelalter? Was für ein moderner Aberglaube! Ihn zu bannen, haben sie in Magdeburg unumwunden aufklärerische Absichten an den Tag gelegt. Denn Magdeburg war ein Ort der "Kultur der laufenden Neuanpassung", wie man mit Umberto Eco sagen könnte. Nicht zu zählende Neuanpassungen drängen auf den Besucher ein, ein Schatz an Farben und Formen, undenkbar ohne "permanente Wechselbeziehungen und gegenseitige Anleihen" (Eco), für die die Stadtbefestigung Luft war. Weil nicht ständig in Mauern gedacht wurde, kam es auch zur Wende beim Menschenbild. Vieles läuft daher auf den "Magdeburger Reiter" zu. So berühmt wie sein "Pendant", der etwas ältere Bamberger Reiter, wird diese Vollplastik inszeniert als Ausdruck eines neuen Ichbewusstseins.

Wenn der Blick, wovon das Mittelalter überzeugt war, ein Spiegel der Seele ist, dann hat der Reiter zweifellos eine sehr fein gearbeitete. Sicher, sehr stark ausgeprägt die Augäpfel, auch zeigt der Herrscher Zähne, sein Blick aber vor allem weder Angst noch in den Staub gedrückte Demut. Keine Anrufung des Himmels mehr, vielmehr selbstbewusst die Gelassenheit. Was in dem Kopf vor sich ging, dürfte so selbstverständlich wie souverän gewesen sein. Und Anlass für ein geradezu ungläubiges Staunen bereits in seiner Welt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare