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Bettina von Arnim: "...der Vater ist im Krieg". 1974.

Kunst

Vor der Stasi versteckt

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In Frankfurt (Oder) ist deutsch-deutsche Malerei zwischen Agit Pop und kapitalistischem Realismus zu sehen.

Außen backsteinerne Neo-Gotik, innen Pop-Moderne: Unterm Gewölbe kommt farbknallend zusammen, was – erstaunlicherweise – zusammengehört, mit Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im geteilten Deutschland, damals, im Kalten Krieg. 

In der weitläufigen Rathaushalle von Frankfurt (Oder), Ausstellungsort des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst, wird ein hartnäckiges Vorurteil ad absurdum geführt: Eine spezielle Kunstrichtung im Osten wie im Westen – die Pop Art deutscher Prägung in den Jahren 1960 bis 1985 – bestätigt so gar nicht die zäh behaupteten Unterschiede etwa von der freien Kunst im Westen und der doktrinären, angepassten in der DDR.

Was bitte wäre sozialistisch-realistisch an Hans Tichas plakativ-böser Kritik an den heuchlerischen Reden von der verordneten deutsch-sowjetischen Freundschaft? Was wäre linientreu an Willy Wolfs „Erbsenstillleben“ im kleinen Erbsenzählerland von Kap Arkona bis Fichtelberg? Und was ideologisch angepasst an Wasja Götzes feinironischen Bildern von der Liebe im Dreischichtsystem der volkseigenen Kombinate, von den roten Vögeln, die der ummauerten Landschaft entfliehen? Warum musste Ticha damals in Ost-Berlin seine „Großen Klatscher“, diese beißende Satire auf die Jubel-Parteitage der Einheitspartei, vor der Stasi verstecken? 

Solche Bilder sah das Publikum nie auf zentralen Ausstellungen der DDR. Die mussten ihre Maler bei diversen Besuchen der Kunstaufpasser eher „mit der Butterseite“ zur Wand stellen, wie Ticha es schildert. Sonst hätte es Ärger gegeben, auch übel ausgehen können, existenziell sogar. 

Doch die damaligen bezirklichen Kunstsammlungen Cottbus und Frankfurt (Oder) unterliefen die Inquisition und deren mutige Direktionen sammelten diese Bilder. Samt etlicher Leihgaben aus anderen Museen und Privatsammlungen befinden sich nun viele der Motive in dieser Ausstellung im intensiven Dialog mit den gesellschaftskritischen Bildern der Gruppe „Kapitalistischer Realismus“ in der BRD. Der Begriff wurde 1963 an der Kunstakademie Düsseldorf von den aus dem Osten geflohenen jungen Malern Gerhard Richter, Sigmar Polke, Manfred Kuttner und dem Rheinländer Konrad Lueg eingeführt. 

Die „bessere Gesellschaft“, allen voran die Anbeter der abstrakten Kunst, fanden die figürlich und gegenständlich malenden Kunstverstörer infernalisch, das gehöre verboten. Luegs „Geschirrtuch“ symbolisierte die Kleinkariertheit der Wohlstandsgesellschaft. Polkes Grafik „Höhere Wesen befehlen“ lästert über die Abhängigkeit von Trends und Markt. Und Richters fotomalerisch verhuschte „Sekretärin“ zielt scharf auf das patriarchalische Prinzip, dass damals in der BRD verheiratete Frauen nur mit Erlaubnis der Ehemänner arbeiten durften. 

Die „Kapitalistischen Realisten“ provozierten mit Selbsthilfe-Ausstellungen und Aktionen als ironischer Konter zum Sozialistischen Realismus, aber auch als politisch aufgeladene Kritik an dem von der Konsumwelle und dem Freizeitwahn geprägten „realen“ Kapitalismus der 60er Jahre, dem aufkommenden Revanchismus und Konservatismus, der Aufrüstung, dem oft verlogenen Umgang mit der NS-Geschichte. 

In der Frankfurter Rathaushalle hängen die 150 Bilder von 30 Künstlern ohne ideologische Abgrenzung nebeneinander. Geistverwandte: Konrad Klapphecks surreal-poppige „Diva“ nahe Dieter Tucholkes grafischen „Negativbildern zur Preußischen Geschichte“. Die ostdeutschen Collagisten Ingo Kirchner und Wolfgang Petrovsky treffen auf die „Bürgerschreck“-Montagen des aus Bitterfeld nach Heidelberg emigrierten Klaus Staeck. Wolf Vostells „B52 betoniert“ vereint sich west-östlich mit Willy Wolfs „Warnung (Autoreifen)“. Und Ruth Wolf-Rehfeldts abstrakte Liniengebilde und die Entgrenzung einfordernden Mail-Art-Blätter ihres früh gestorbenen Mannes Robert Rehfeldt stören – sozusagen als Rufe hinter der Mauer – den bundesdeutschen Wirtschaftswunder-Wohlstand, kitschig spöttisch aufgemalt von der Hamburgerin Almut Heise.

Nicht zuletzt schließt sich Bettina von Arnims Bild „... der Vater ist im Krieg“ wortlos kurz mit dem Bild des jung verstorbenen Dissidenten Jürgen Jentsch aus Frankfurt (Oder) und dessen ebenso resignativem, zugleich ätzend kritischem „Rotlackiertem Mäusestaat“. Die Pop-Satire war gemünzt auf die DDR – jeder Arbeitsplatz, jedes private Örtchen ein Kampfplatz für den Weltfrieden.
 

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