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„Angel Woman“, Sonora-Wüste, 1979.

Graciela Iturbide

Die ständige Wiederkehr des Todes

Die düsteren, wuchtigen Bilder der Mexikanerin Graciela Iturbide im Fotografie Forum Frankfurt.

Tod, indigene Völker, Frauen in Straßengangs in Los Angeles: Die Bilder der 1942 in Mexiko-Stadt geborenen Fotografin Graciela Iturbide bilden einen ganz eigenen düsteren Kosmos. Mit einem präzisen Blick für das Ungewöhnliche und einem unverkennbaren Stil hinterlässt Iturbide, die bei dem Begründer der mexikanischen Kunstfotografie Manuel Álvarez Bravo lernte, einen tiefen Eindruck beim Betrachter. Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt nun 117 ihrer zwischen 1969 und 2008 entstandenen Fotos erstmals in Deutschland.

Um etwas Überblick in das umfangreiche Werk zu bringen, sind ihre Bilder thematisch gruppiert. Es gibt eine Serie mit Landschaften und Objekten, eine über die Seri-Indianer in der Sonora-Wüste, mit Selbstportraits oder über Totenrituale und Volksfeste in Mexiko. All diese Themen wachsen in der Ausstellung unter der stilsicheren Hand Iturbides zu einer komplexen und abgründigen Bildwelt zusammen. Vor allem das Totengedenken, das in Mexiko wesentlicher Bestandteil der Alltagskultur ist, wird in Iturbides Bildern immer wieder thematisiert.

Was an Iturbides Fotografien sofort auffällt, ist ihre Komposition: Viele Objekte, Tiere und Personen wirken wie inszeniert zum Bildganzen ins Verhältnis gesetzt. Durch diese Komposition erhalten ihre Werke, gepaart mit dem Schwarz-Weiß-Effekt, Struktur und Stabilität, aber auch etwas Existenzialistisches. Was auch immer Iturbide einfängt, sie konzentriert sich auf wenige wesentliche Aspekte. Dadurch erhalten die Bilder Prägnanz und Wucht. Zudem zeichnet sie ein Gespür für absurde Vorgänge aus. Viele Motive irritieren auf den ersten Blick, das Auge muss die Fotografie erst absuchen, bevor es die Details zu einem Sinn ergebenden Ganzen zusammenfügen kann.

Nachdem Iturbides sechsjährige Tochter im Jahr 1970 starb, trat der Tod als ständiger Wiederkehrer in ihr Werk ein. Im Fotografie Forum gibt es eine Serie von Bildern, auf denen Ziegen von indigenen Menschen zubereitet werden, ein dunkler Blutfleck inmitten von toten Ziegenleibern zu sehen ist oder ein Kind, das in einer Hütte neben einer gehäuteten Ziege schläft. Vögel sind mit diesem Thema eng assoziiert und spielen in vielen Bildern Iturbides eine Rolle. Mal durchfluten sie das gesamte Bild, mal ist es ein einziger Vogel am Horizont.

Bei aller Düsterkeit gibt es aber auch immer wieder einen freundschaftlich-intimen Zug. Objektfotografien wirken beinahe wie Portraits. Während ihrer Zeit bei den Seri-Indianern beispielsweise pflegte Graciela Iturbide zu den Einheimischen freundschaftliche Kontakte, lange bevor sie diese fotografierte. So haben viele der von ihr Portraitierten neben einer betont inszenierten Fremdartigkeit auch etwas Verletzliches.

Eine besondere Serie hat mit einer ebenfalls in Mexiko-Stadt geborenen Ikone mexikanischer Kunst zu tun: Frida Kahlo. 2006 ist Graciela Iturbide damit beauftragt worden, ein Badezimmer in Frida Kahlos ehemaligem und bis dahin verschlossenem Haus zu fotografieren. Damit war Iturbide die erste, die das Badezimmer seit Frida Kahlos Tod 1954 betreten hat. So entstand unter anderem ein irrwitziges Foto von Graciela Iturbides gekrümmten Füßen in Frida Kahlos Badewanne.

Weiblichkeit und Geschlecht sind ebenfalls Themen, die in Iturbides Bildern immer wiederkehren. Auf der einen Seite lichtet sie weibliche Mitglieder der mexikanisch-amerikanischen Straßengang White Fence aus Los Angeles ab. Die Frauen präsentieren sich mit größtmöglicher Härte. Dann gibt es Bilder wie „Magnolia (2), Juchitán, México“ von 1986, das eine transsexuelle Person zeigt.

Graciela Iturbide ist eine Fotografin, die man gesehen haben sollte. Die Sprache ihrer Bilder ist immer so klar und reduziert gehalten, dass diese leicht zugänglich sind. Die prägnante Absurdität und messerscharfe Bildkomposition brennen sich ins Gedächtnis ein.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 30. Juni. www.fffrankfurt.org

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