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Philippe Pirotte.

Frankfurt

Städelschul-Rektor Pirotte geht: Abschied von einem freien Geist

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Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, legt sein Amt Ende März 2020 nieder. Für Frankfurt wird das ein Verlust sein.

Für die Kulturstadt Frankfurt ist das ein herber Verlust. Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, hat seinen Rücktritt zum 31. März 2020 angekündigt. Seit fünf Jahre steht der belgische Kunsthistoriker an der Spitze der Kunsthochschule, zugleich ist er Leiter der kleinen Ausstellungshalle Portikus.

Für die Kunstszene kam die Entscheidung des 47-Jährigen nicht überraschend. Er wird seit längerem weltweit als Kurator umworben. Derzeit bereitet er eine große Ausstellung für das University of California, Berkeley Art Museum&Pacific Film Archive vor. Sie wird die theoretischen, künstlerischen und kulturellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Asien-Afrika-Konferenz in Bandung 1955 zum Thema haben. Pirotte dementierte im Gespräch mit der FR hingegen ausdrücklich die FAZ-Darstellung, dass er auch in die Vorbereitung der Documenta 15 im Jahre 2022 in Kassel involviert sei, die von der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa kuratiert wird. Er ist zwar mit einer Niederländerin verheiratet, deren Familie von dort stammt. Er möchte sich aber, wie er betont, nicht in die Arbeit von Ruangrupa einmischen.

Hohe fachliche Kompetenz

Der Rektor will sich insgesamt, wie er sagt, wieder stärker mit der Forschung und dem Kuratieren von Ausstellungen beschäftigen. Er berät unter anderem die Riksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam. „Ich wollte auch mehr Zeit für die Familie“, fügt er hinzu.

Mit seinem ruhigen und ausgleichenden Auftreten und seiner fachlichen Kompetenz wird der Kunsthistoriker über Deutschland hinaus geschätzt. Der Künstler Thomas Bayrle, früherer Professor an der Städelschule, würdigte im Gespräch mit der FR die Verdienste Pirottes. „Er ist für die Städelschule genauso wichtig, wie es früher Kasper König war“, sagte der 81-Jährige. König hatte das Haus von 1989 bis 2000 geführt und unter anderem den Ableger Portikus gegründet.

Es werde für die Hochschule schwer, einen Rektor zu finden, der in der Kunstszene so „umgarnt“ sei, sagt Bayrle. In die Amtszeit des gebürtigen Antwerpeners Pirotte fällt die Überführung der Städelschule aus den Händen der Stadt Frankfurt in die Hoheit des Landes Hessen. Der Rektor hatte sich in diesem komplizierten Prozess stark dafür engagiert, dass die künstlerische Autonomie der Hochschule gewahrt bleibt und die Landesbürokratie nicht hineinregiert. Auch künftig darf die Schule ihre Professorinnen und Professoren selbst berufen. Das ist ein großer Verdienst Pirottes. „Das Land Hessen darf nicht der Totengräber der Städelschule werden“: Das war sein Ziel.

Profil des Portikus geschärft

Dem muss sich jetzt auch die Person verpflichtet sehen, die Pirotte nachfolgt. Auf das Motto, das über der Tür zu seinem Büro hängt, ist der Rektor immer stolz: „Die Hundejahre sind vorbei“. Genau das ist es nämlich, was die Städelschule schon in den legendären 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgemacht hatte: ihr freier Geist.

Der heutige Rektor hat sich stets in dieser Tradition gesehen. Schon im Alter von 27 Jahren hatte er in Antwerpen für einen freien Kunstraum gekämpft, der dann unter dem Motto „Objectif Exhibitions“ auch 1999 eröffnet worden war.

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In seiner Amtszeit ist es gelungen, das Profil des Portikus zu schärfen und mehr öffentliches Interesse für die dortigen Ausstellungen zu gewinnen. Es gelang ihm, die Besucherzahlen, die 2013 lediglich bei 13 000 gelegen hatten, zu verdoppeln. Pirotte hatte Fabian Schöneich (2015-2018) als Kurator berufen, anschließend Christina Lehnert (seit 2018).

Der frühere Direktor der Kunsthalle von Bern (2005 bis 2011) hinterlässt in Frankfurt ein gut bestelltes Haus. „Wir sind klein, aber nicht kleinkariert“: So hat Pirotte die Hochschule mit ihren 200 Studierenden und 20 Professorinnen und Professoren im Gespräch mit der FR charakterisiert. Pirotte wird in Frankfurt fehlen.

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