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Giulio Romano: Cephalus trauert um Procris, ca. 1530.

Ausstellung in Frankfurt

„Städels Erbe“:  Zentimeter für Zentimeter Kostbarkeiten

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Die grandiose Schau „Städels Erbe“ im Städel Museum in Frankfurt versammelt 95 Meisterzeichnungen.

Man verlässt diese Ausstellung überfordert und beglückt zugleich. Was hier zu sehen ist, ist in weiten Teilen grandios, aber es ist auch verdammt viel – und das in mehrfacher Hinsicht: Stile, Techniken, Themen wechseln sich so abrupt ab, dass einem davon der Kopf schwirrt. Detailliert ausgearbeitete Blätter hängen neben groben Skizzen, große Namen neben unbekannten Kopisten.

Die Schau „Städels Erbe“ im Städel Museum in Frankfurt versammelt 95 Meisterzeichnungen aus drei Jahrhunderten und vier europäischen Schulen: Italien, Frankreich, Niederlande und Deutschland. Die thematische Klammer ist der Sammler selbst. Johann Friedrich Städel (1728-1816), der mit ebendieser privaten Kollektion als Stiftung ein öffentliches Kunstmuseum begründete. Ein Mann, über den erstaunlich wenig bekannt ist. Zu seiner Sammlung zählten etliche Gemälde und Druckgrafiken, vor allem jedoch mehr als 4600 Zeichnungen. Der Witz ist: Keiner wusste bislang, welche das waren. Konkrete Aufzeichnungen darüber, was wann von wem angekauft wurde, gibt es nicht.

Joachim Jacoby, der die Ausstellung kuratiert hat, ist es durch mühsame Forschungsarbeit gelungen, 3000 Zeichnungen zu identifizieren, die der Frankfurter Kaufmann und Bankier seinerzeit über diverse Händler erworben hatte und die sich noch heute im Städel befinden. Die Werke umfassen einen Zeitraum, der von der Renaissance bis in die Lebenszeit des Sammlers reicht. Darunter eine Studie des Niederländers Hendrick Goltzius, der 1588/89 mit schwarzer und roter Kreide vier Hände so lebensecht zu Papier gebracht hat, dass man fast meint, man könne das Blut in den Adern pulsieren sehen.

Im Städel hängt es in einer Vitrine mit zwei weiteren Arbeiten: einer Kreidezeichnung Rembrandt van Rijns, der 45 Jahre später einen erschöpften alten Mann mit zart hingehuschtem Kopf und grob skizziertem schweren Mantel dargestellt hat (was für ein Kontrast!), und dem Porträt einer aufgebahrten Leiche, das Jacques de Gheyn 1609 mit spitzer Feder naturalistisch angelegt hat. Man könnte nun viel Zeit damit verbringen, zwischen diesen drei Blättern hin- und her zu gehen, die Virtuosität und die Eigenheiten der jeweiligen Künstler zu studieren – doch die anderen Schätze der Schau lassen einem keine Ruhe.

Die Ausstellung

Städel Museum Frankfurt: Bis 16. August. www.staedelmuseum.de

Etwas Lohnendes findet sich alle paar (Zenti-)Meter. Allein von Albrecht Dürer ist eine akribisch in Hell-Dunkel gefertigte Kreuztragung neben einer präzise mit der Feder schraffierten Kopfstudie eine Mannes sowie einer lässig mit Kreide skizzierten Szene zu sehen, die einen nackten sitzenden Mann zeigt. Dieser, womöglich Dürer selbst, dreht sich ohne Angst zu einem Löwen um und streckt ihm – so könnte man es jedenfalls deuten – frech die Zunge heraus. Jedes dieser Blätter hat seinen eigenen Charme.

Die Ausstellung ist nach Schulen aufgeteilt, darüber hinaus gibt es nur wenig Orientierung. Und so versenkt man sich nach und nach etwa in ein atmosphärisch leuchtendes Aquarell des deutschen Malers Wilhelm von Kobell, das einen nach Hause reitenden Postillion im Nebel zeigt (um 1798), in die kraftvollen Körper einer Figurenstudie von Peter Paul Rubens (1610/20) und in einen lieblichen Reigen nackter Damen, der einen Tanz der Stunden symbolisiert und vor allem deshalb von großer Bedeutung ist, weil es sich bei dem von Francesco Primaticcio um 1547/48 erstellten Blatt um eine Studie für ein Deckenfresko im französischen Schloss von Fontainebleau handelt. Ein Gemälde, das heute nicht mehr existiert.

Was die Ausstellung im Städel demonstrieren soll, wird unmittelbar deutlich: Der Mann, dem dies alles einst gehörte, sammelte nicht nach Leidenschaft, er sammelte, um zu zeigen, was war und was ist. Er kaufte die Kunst nicht für sich, sondern für das künftige Museum und hatte einen enzyklopädischen Anspruch. Und weil er in seinem Testament auch verfügt hatte, dass Werke, die keine Spitzenware sind, veräußert werden durften, um bessere zu erwerben, geschah dies auch, vor allem im 19.Jahrhundert.

So verlor man im Städel den Überblick. Mehr als 70 Prozent der Städelschen Gemäldesammlung verließ auf diese Weise das Haus. Dies ist auch der Grund dafür, dass sich die Ausstellung auf die Zeichnungen beschränkt. Auch hier wurde manches veräußert, aber der Großteil ist eben noch vorhanden.

„Städels Zeichnungssammlung besaß ein ungemein breites Spektrum, spiegelte regionale Eigenheiten ebenso wie prägende künstlerische Persönlichkeiten, ließ die stilistischen Unterschiede in der historischen Abfolge anschaulich werden und umfasste zusätzlich eine Fülle unterschiedlicher Zeichenmedien mit ihrer jeweiligen funktionalen Bestimmung“, schreibt Jacoby im Katalog. Einige Altmeister-Zuschreibungen mussten jedoch nachträglich korrigiert werden.

Zu Lebzeiten Städels waren die Kostbarkeiten in seinem Haus am Roßmarkt untergebracht. Bei regelmäßigen Treffen von Gleichgesinnten wurden sie gezeigt, diskutiert, bewundert. Die Gelegenheit, sich nun selbst einen Überblick über Städels Qualitätsbewusstsein zu verschaffen, sollte man sich nicht entgehen lassen. Bloß sollte man nicht versuchen, alles auf einmal in sich aufzunehmen.

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