Martin Engler will die Diskussion dokumentieren.
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Martin Engler will die Diskussion dokumentieren.

Kunst

Städel-Kurator Martin Engler: Diskurs unter schwierigen Umständen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Städel-Kurator Martin Engler wird wegen des Gemäldes „Ziegelneger“ heftig angegangen und als Rassist beschimpft. Er will die Diskussion nun selbst in die Ausstellung integrieren.

Die Anspannung ist spürbar bei Martin Engler. Er spricht schnell, wirkt manchmal fahrig. Und doch führt der Kurator auch mit Stolz durch die unterirdischen Gartenhallen des Städel-Museums in Frankfurt.

Hier hängen und stehen die erlesensten Stücke der Sammlung der Gegenwartskunst, für die der 53-Jährige seit 2012 verantwortlich ist. Diese Jahre bilden eine Erfolgsgeschichte: Die Sammlung konnte erheblich ausgebaut werden, formt heute so etwas wie einen Kanon. Engler hat sich nie geschont in dieser Zeit. „Das Tempo ist immer noch sehr hoch“, sagt der gebürtige Badener im Rückblick und streicht die ungebändigten Haare aus dem Gesicht.

Seit dem 19. Mai ist die neue Hängung der Gegenwartskunst mit 230 Arbeiten zu sehen, gezeigt werden auch neue Werke in einem Kontext, den der Kunsthistoriker in langer Arbeit ausgetüftelt hat. Doch wird der erfolgreiche Kunstvermittler von einer Entwicklung überrollt, die neu ist in der mehr als 200-jährigen Geschichte des Städel. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, sagt er. Das Werk „Ziegelneger“ des Kölner Malers und Bildhauers Georg Herold, seit dem Mai wieder gezeigt, hat bundesweit massive Rassismus-Vorwürfe ausgelöst.

Martin Engler wird im Internet heftig beschimpft, auf der Straße als Rassist angegangen. Das hat ihn verändert, ohne Frage. Ein Stück weit ist auch Ratlosigkeit zu spüren beim Kurator. „Man verletzt Menschen, ohne es zu wollen“, sagt er nachdenklich und fügt hinzu: „Das wollten wir nicht.“

gegenwartskunst

Die Sammlung Gegenwartskunstim Städel-Museum, Dürerstraße 2 in Frankfurt am Main, umfasst Werke von 1945 an. Mehr als 1000 Arbeiten gehören zu diesem Sammlungsbereich.

Rund 230 Werkevon 170 Künstlerinnen und Künstlern sind in der neuen Hängung der Sammlung zu sehen.

Seit 2012sind die unterirdischen Gartenhallen des Museums der Ort für die Gegenwartskunst.

Unter dem Motto„Zurück in die Gegenwart“ steht die neue Hängung, die am 19. Mai eröffnet worden ist.

3000 QuadratmeterFläche stehen in den unterirdischen Gartenhallen zur Verfügung.

Zahlreiche Neuerwerbungenund Schenkungen sind erstmals zu sehen, etwa Arbeiten von Miriam Cahn, Asta Gröting, Victor Vasarely, Carlos Cruz-Diez und Jimmi Durham.

Der neue VermittlungsraumClose Up in den Gartenhallen zeigt das Zusammenspiel von Fotografie und Malerei. jg

„Ziegelneger“ zeigt einen Schwarzen, der aus einem weißen Mob heraus mit einem Ziegelstein beworfen wird. Deutlich zu erkennen ist das angstverzerrte Gesicht des Bedrohten. Der Maler und Bildhauer Herold gehörte Anfang der 80er Jahre kurz zur Strömung der „Jungen Wilden“ in der deutschen Gegenwartskunst, deren vielleicht bekanntester Vertreter Martin Kippenberger war. Die „Jungen Wilden“ wollten den etablierten Kunstbetrieb aufmischen, wollten provozieren, um so Nachdenklichkeit zu erzeugen. Ziegel zählten zu den Materialien Herolds, die er immer wieder einsetzte.

Engler hält das Gemälde ganz klar in seiner Aussage nicht für rassistisch. „Viele, die schreiben, kennen das Bild gar nicht.“ Der Kurator setzt in seiner Arbeit auf Diskurs, auf Debatte, auch unter schwierigen Umständen. Er erinnert sich an den September 2001, als die Terroranschläge auf die USA auch die Kunstwelt erschüttert hatte. Wenige Tage nach dem 11. September sollte der Kunsthistoriker eine Ausstellung eröffnen. „Wir haben uns gefragt: Kann man jetzt über Kunst reden?“ Engler bejahte die Frage.

Der Sohn eines mittelständischen Unternehmers, in einem kleinen Weindorf am badischen Kaiserstuhl aufgewachsen, war als Junge der klassischen Musik eng verbunden, spielte Querflöte. Seine Lehrerin eröffnete ihm, dass er für eine Musikerkarriere zu wenig Talent besitze. Er wandte sich der Bildenden Kunst zu, studierte in Freiburg und Florenz. Seine Doktorarbeit schrieb er über eine große Städel-Ausstellung zum italienischen Konzeptkünstler Piero Manzoni. Sechs Jahre lang arbeitete Engler im Kunstverein von Hannover, bevor er 2008 ins Städel-Museum kam. Er gehörte zu einer Generation junger Kuratoren, die der damalige Direktor Max Hollein ins Haus holte.

Jetzt erlebt Engler seine erste echte Bewährungsprobe. Er will die Herausforderung annehmen. In wenigen Wochen möchte er in der Sammlung die Diskussion um den „Ziegelneger“ dokumentieren, will das Gemälde an einer Wand einbetten in kritische Beiträge und auch mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten. Der Kurator fühlt sich dabei vom Team des Museums und auch von dessen Direktor Philipp Demandt unterstützt. „Diskurs können wir nie genug haben.“

Auch die Sammlung der Gegenwartskunst hat der Vermittler so arrangiert und komponiert, dass Spannungen entstehen, Gegensätze deutlich werden, Zusammenhänge sichtbar sind. Er wollte bewusst nicht linear entlang eines Zeitstrahls erzählen. Immer wieder hat er an Blickachsen getüftelt, die sich dem Publikum in den Gartenhallen eröffnen sollen. Ein Kanon, also eine Art repräsentativer Überblick, steht dabei für ihn gar nicht so sehr im Fokus. In den bewegten Zeiten heute löse sich der Kanon ohnehin ein Stück weit auf.

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