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Ernst Ludwig Kirchner: „Tattersall“, 1909. Farbholzschnitt von drei Stöcken auf Velinpapier.

Ausstellung im Städel

„Geheimnis der Materie“ im Frankfurter Städel: Dem Holz abgerungen

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Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff: Frankfurts Städel zeigt drei Großmeister des Holzschnitts.

Edel sei der Mensch, so dachte ihn sich die Aufklärung. Ohne allerdings darüber hinwegsehen zu können, dass er aus einem „so krummen Holz gemacht ist, dass daraus kein Gerades gezimmert“ werden könne, wie Immanuel Kant wusste, der größte aller Aufklärer.

Nun, dass aber den Menschen das nicht einmal Ebenmäßige, also Wohlgeformte, unbedingt interessant macht, zog Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff ungemein an. Da sah es dann gelegentlich so aus: Gewiss eigensinnig ist der Mensch, auch erbärmlich, nicht selten haltlos und grell. Damit konnten die Holzschnitzer den Aufklärer Kant nicht widerlegen. Aber den Menschen doch in unzähligen Objekten in seiner Vielfalt zeigen. Anziehend und abstoßend, schön und erhaben, ganz im Sinne Kants.

„Geheimnis der Materie“ heißt die Ausstellung, die jetzt in Frankfurts Städel zu sehen ist, kuratiert von Regina Freyberger. 98 Holzschnitte hat sie zusammengebracht, dazu zwölf Skulpturen und fünf Druckstöcke, exquisite Beispiele dafür, wie eindringlich und ausgiebig sich der deutsche Expressionismus dem Holz zuwandte. Die drei, Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff, waren eine Generation: geboren 1880, 1883 und 1884. Kirchner nahm sich 1938 das Leben, Heckel starb mit 87 Jahren 1970, Schmidt-Rottluff wurde gar 92 Jahre alt. Die drei waren Anfang zwanzig, als sie 1905 in Dresden zu den Mitgründern der „Brücke“ gehörten und der Künstlergruppe rasch ein enormes Renommee in den deutschen Kunstsalons, Galerien und Museen verschafften.

Der „Weibliche Akt“ und der „Sitzende Akt, die Haare ordnend“

Wie nicht wenige Avantgardisten der Moderne, so gaben sich auch diese ein Programm – ein Holzschnitt Ernst Ludwigs Kirchners versprach 1906: „Mit dem Glauben an Entwicklung an eine neue Generation der Schaffenden wie der Geniessenden“. Daneben angeordnet zwei Arbeiten von Max Pechstein und Otto Müller, es sind Umschläge für die Jahresmappen der „Brücke“-Gruppe.

Zu den Anfängen gehörte das Arbeiten aus der Anschauung heraus – zum Auftakt der Ausstellung zählt der „Weibliche Akt“ und der „Sitzende Akt, die Haare ordnend“, die Kirchner 1908 schuf, den Betrachter anspringende, das Bild sprengende Szenen, Körper aus schwarzen Kontur- und Binnenlinien, orientiert an französischen Vorbildern, an Könnern wie Degas und Matisse.

Nicht nur die Tradition, gar der Entstehungsprozess der kräftig ausgebildeten Plakate, die Erich Heckel für die Kunsthandlung C. G. Oncken in Oldenburg anfertigte, wird durch einen Druck-stock anschaulich gemacht. Regelrecht fasslich wird für den Besucher, wie der Künstler in das Holz hineinarbeitete, wie er aus dem Holz ein Relief herausarbeitete, gegen den Widerstand des Materials, der Maserung folgend, ein Astloch als Ausdrucksmittel nutzend. Wenn die Ausstellung den Titel „Geheimnis der Materie“ trägt, dann deshalb, weil das Naturmaterial Holz den „Brücke“-Künstlern die vielfältigsten Möglichkeiten an die Hand gab.

Eine Brücke-Jahresmappe.

Dass die Hand noch sehr impressionistisch vorging, zeigt 1907 Kirchners „Spazierengehendes Paar“. Zwei Jahre später entsteht von drei Stöcken der Farbholzschnitt „Tattersall“, eine expressionistische Szene, in der vor zwei mächtigen schwarzen Pferden eine Reiterin mit einer grünen Bluse vor einem orangefarbenen Hintergrund zu erkennen ist. Malerisch sei der Holzschnitt, spannungsvoll und umwerfend gut.

Diese Ausstellung wäre in ihrer Vielfalt und in ihrem Reichtum nicht denkbar, wenn nicht bereits der Städel-Direktor Georg Swarzenski ab 1910 Werke von „Brücke“-Künstlern angekauft hätte. Den Anfang machte eine Druckgrafik Emil Noldes, es folgten Radierungen und Holzschnitte von Erich Heckel, schließlich auch Druckgrafiken von Kirchner, Schmidt-Rottluff und weiteren Protagonisten, Otto Mueller und Max Pechstein.

Auch der Chemiker Carl Hagemann interessierte sich für die Blätter, seit 1912 baute er eine Sammlung mit einem enormen Nimbus auf, die es 21 Jahre später durch die zwölf Jahre des Nationalsozialismus zu retten galt, was offensichtlich dem Städel-Direktor Ernst Holzinger gelang, so dass die Erben Hagemanns dem Frankfurter Kunstinstitut 1948, acht Jahre nach dem Tod des Sammlers, dessen Reichtümer aus Dankbarkeit überließen, insgesamt 350 Arbeiten von Kirchner, Schmidt-Rottluff und Heckel. Zur Geschichte gehört allerdings nicht zuletzt, dass das Städel weiterhin die Provenienzen jener Werke recherchiert, die seit 1932 den Besitzer wechselten, lückenlos prüft, wie Städel-Direktor Philipp Demandt betont.

Holzskulptur – reliefartige Porträts – Skulptur

An der „Berliner Wand“ eine Serie von Kirchners Straßenszenen, die Schau bringt drei Holzschnitte unterschiedlicher Farbgebung zusammen. Menschen in Bewegung, ein geheimes Motto der Ausstellung, zeigt Kokotten wie „hingewischt, beim nächsten Male weg“, wie Kirchner selbst schrieb. Der Holzschnitt, so sperrig der Druckstock, entdeckte den Reiz des Transitorischen und Flüchtigen. Die Beschäftigung mit dem Medium war weit mehr als nur eine Mode oder Marotte. Der Holzschnitt hatte als die älteste grafische Technik ein außerordentliches Ansehen (allen groben Vorurteilen und derben Schwarz-Weiß-Schilderungen über seine Eigenschaften zum Trotz). In einer Vitrine untergebracht solche Herrlichkeiten wie drei wieder zusammengepuzzelte Druckstöcke. Unter Glas zu sehen drei Mirakel der Haptik, darüber, an der Wand, das leuchtende Ergebnis: Kirchners „Farbentanz“. Immer wieder führt die Schau von Regina Freyberger vor Augen, wie sehr die Holzschnitte der drei Künstler eine skulpturale Dimension haben. Wie sehr das zurückwirkte und wie es aufeinander einwirkte: Holzskulptur – reliefartige Porträts – Skulptur.

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Ein weiteres Kraftfeld: positiv–negativ, besonders ausgeklügelt in den Arbeiten Karl Schmidt-Rottluffs. Schwarz–Weiß, so arbeitete er nahezu nur, interessiert an ausgeprägt abstrakte Kompositionen, kantigen Physiognomien, Körpern unter extremer Anspannung. Schmidt-Rottluff bezog seine Inspiration aus archaischen Motiven und Ausdrucksformen einer unverfälschten Kultur. Eine immense Neugier, das ist kein Geheimnis, richtete sich bei Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff auf einen vermeintlichen „Primitivismus“, aufspürbar in vorindustriellen Kulturen und Gesellschaften, etwa „Bronzen aus Benin, einigen Sachen der Pueblos aus Mexiko, (…) einigen Negerplastiken“, wie Heckel notierte.

Viele der Holzschnitte verweisen auf eine Identitätssuche

Zur Begegnung mit solchen Artefakten lud die Dresdner „Brücke-Leute“ ein Haus vor Ort ein, das Völkerkundemuseum. Die hier gewonnenen Eindrücke, mehr Eindrücke von Physiognomien und Körperhaltungen als Einsichten (wie wir Heutigen wissen), übertrug Kirchner 1911 auf seine „Tanzende“, eine ungeheuer vitale, aus der Kniebeuge ihre Spannung beziehende Frauengestalt. Menschen in Bewegung, in Posen auch. So sehr es sich bei den Holzschnitten um eine expressive Kunst handelt, die Erregung ist in diesen Bildern zurückgenommen, die Ekstase nicht selten ebenfalls.

Der Sinn der Holzschneider und Holzschnitzer war auf das mutmaßlich Ursprüngliche gerichtet. Tatsächliche Unverfälschtheit – oder aber nur ersehnte? Jedenfalls galt die Devise: keine „Atelierdressur“. Um also dem Archetypischen Genüge zu tun, waren in den Ateliers professionelle Modelle eher unerwünscht. Auf Heckels „Stehende mit aufgestütztem Kinn“, mit übereinander gekreuzten Beinen, die Scham kaum bedeckend, die Brüste mit den Unterarmen, dürfte das kaum zutreffen.

Viele der Holzschnitte verweisen auf eine Identitätssuche in Zeiten der Orientierungslosigkeit und geistigen Obdachlosigkeit während und infolge der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, des Ersten Weltkriegs. Wir sehen einen kriegsversehrten Matrosen in einer Arbeit Schmidt-Rottluffs. Der „Arbeiter mit Ballonmütze“, den er 1922 schuf, ist ein Kriegsinvalide, mit verstümmelten Händen, amputierten Beinen. Entstellt ist der Körper, hilflos und geweiht einem hinausgeschobenen Tod.

Holzschnittkunst ist ausdrücklich Körperkunst, mit all ihren Widersprüchen, wenn etwa Heckels „Fränzi“ ein wenig inkommod liegt oder Schmidt-Rottluffs „Adorant“ recht hölzern hockt. Die Städel-Promenade lädt ein zu Vergleichen zwischen verschiedenen Fassungen, sie lädt dazu ein, die Ganzkörperskulpturen zu umkreisen, sie lehrt verharren, etwa vor Heckels Skulptur einer Trauernden. Die „Frau mit Tuch“, seltsam länglich wie eine spätgotische Skulptur, reduziert wie eine romanische, ist das in der Ausstellung eindringlichste Beispiel einer Vergeistigung und Innerlichkeit, trotz des eminent expressiven (gotischen) Faltenwurfs.

Lyrisch sei der Heckel, elementar der Schmidt-Rottluff, der Kirchner ein Erzähler – so wird’s kolportiert. Allein, man kann den Erzähler Kirchner gar nicht ernst genug nehmen, nicht nur wegen seiner Beschäftigung mit einem berühmten Prosawerk, aber wegen seiner Lesart umso mehr. Kirchners „Schlemihl“-Zyklus umfasst sechs Blätter, in der Ausstellung ist ihm ein eigenes Kabinett gewidmet, beginnend mit dem Titelblatt. Adelbert von Chamisso schickte seine Figur, den Peter Schlemihl, mit Siebenmeilenstiefeln auf eine abenteuerliche Reise.

Ernst Ludwig Kirchners Zyklus zeigt, wie sich die Farbflächen über die Umrisse hinausbewegen. Chamisso erzählte vom Verkauf des Schattens durch Peter Schlemihl – Kirchner zeigt, wie der Schatten Gestalt annimmt, indem dieser mehr Substanz gewinnt, Gewalt über den sich schemenhaft auflösenden Schlemihl, den Seelenverkäufer in eigener Sache. Die Umkehr von positiv in negativ, nicht nur technisch, im Holzschnittverfahren, sondern thematisch. Es lässt sich in diesem Blatt ohne weiteres ein besonders gelungenes Sinnbild für die Kunst des Holzschnitts entdecken.

Die Ausstellung

Städel Museum, Frankfurt: bis 13. Oktober. Ein schöner Katalog ist im Sandstein (sic) Verlag erschienen (296 S., im Museum 34,90 Euro).

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