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Sprünge vom Funkturm

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Von: Sandra Danicke

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„Bei Hubbuch (Sitzende Frau mit grünem Hut)“, 1928.
„Bei Hubbuch (Sitzende Frau mit grünem Hut)“, 1928. © Privatbesitz/Kunsthalle Mannheim

Die Kunsthalle Mannheim präsentiert das faszinierende Werk Hanna Nagels, einer zu Unrecht vergessenen Pionierin feministischer Kunst.

Dass man Hanna Nagel über Jahrzehnte vergessen hatte, spricht natürlich Bände. Wie nur wenige hat die Künstlerin in den zwanziger und dreißiger Jahren die Rolle der Frau, ihre eigene Rolle, in ihrem Werk durchdacht. Immer wieder zeichnete sie Frauen und Männer im emotionalen (und bisweilen auch körperlichen) Kampf miteinander, in Abhängigkeit voneinander. Oft sich selbst und ihren Mann, den Künstler Hans Fischer. Immer wieder auch Kolleginnen und Kollegen, ihre Lehrer, Kommolitoninnen.

Sie tat dies auf eine Weise, die durchaus obsessiv wirkt. Als gelte es, Auswege aus einer irren Situation zu finden, die ihr auswegslos erschien: Ehefrau sein, Mutter sein, Künstlerin sein - am besten alles gleichzeitig. Oder aus Verzweiflung vom Funkturm springen.

Dass Hanna Nagels so dringlich erscheinendes Werk vergessen wurde, ist auch ihre eigene Schuld. Ihr Frühwerk verbarg sie auf dem Dachboden bis zu ihrem Tod 1975. Die Tochter fand es. Und womöglich lag das Vergessen auch daran, dass Nagel fast ausnahmslos auf Papier arbeitete. Obwohl sie die Fähigkeiten zur Malerin durchaus mitbrachte, wie ein singuläres Selbstporträt in Öl zeigt, auf dem sie selbsbewusst, wunderschön und mit stämmigen Arbeiterarmen zu sehen ist.

In den vergangenen Jahren konnte man als Ausstellungsbesucherin auf Hanna Nagel, die 1907 in Heidelberg geboren wurde, wo sie auch starb, aufmerksam werden. Einzelne Werke von ihr wurden in Gruppenschauen, etwa 2017 in der Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Frankfurter Schirn gezeigt.

In der Mannheimer Kunsthalle allerdings wird das Werk Nagels jetzt so umfangreich präsentiert,- insgesamt sind etwa 190 Arbeiten auf Papier zu sehen -, dass man ihren Beweggründen und ihrer Entwicklung einigermaßen auf die Spur kommt - auch wenn es sich nur um einen Zeitraum von zwanzig Jahren handelt.

Nagel studiert zunächst an der Badischen Landesschule Karlsruhe, zu einer Zeit, als die Tatsache, dass Frauen Kunst studieren, noch relativ neu ist. Hier lernt sie unter anderem bei Karl Hubbuch, einem der ausdruckstärksten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, mit einem kühlen Stil. Hubbuch - darauf verweist ein Eintrag in Hanna Nagels ebenfalls ausgestellten Fotoalben - sind die Zeichnungen seiner Schülerin zu gefühlvoll, nicht kalt und sezierend genug. Zumindest anfangs, denn schon bald übernimmt sie Hubbuchs schonungslosen Blick auf seine Modelle, die Betonung des Typenhaften und der Konturen.

„Bei Hubbuch wurde ich gehalten, das Einmalige, die ans Groteske grenzende Besonderheit einer Erscheinung in fast karrikaturistischer Zuspitzung zu packen“, schreibt sie später. Tatsächlich haben ihre damals entstandenen Blätter Ähnlichkeiten mit denen Hubbuchs. Auch sie akzentuiert die hervorstechenden Merkmale von Personen in krasser Überzeichnung - allerdings bedient Nagel, anders als ihr Lehrer, keine erotischen Erwartungen. Männliche Aktmodelle, die vor Kraft und Muskeln strotzen, erscheinen bei ihr eher lächerlich (einmal gibt sie einem solchen Mannsbild ein Gänseblümchen in die Pranke, ein anderes Mal hat einer, der von einem Balken hängt, Ähnlichkeit mit einem Pavian), Frauen wiederum wirken häufig müde und abgearbeitet, manchmal traurig.

Charmant und raffiniert erscheint bei Nagel in jener Zeit das Hervorheben einzelner Accessoires und Details mit einzelnen Aquarellfarben: ein grüner Hut, ein rosafarbener Unterrock oder auch eine hellblaue Unterhose, ein roter Penis. Die Farbe lenkt den Blick, lockt die Aufmerksamkeit.

In zahlreichen Arbeiten, die während ihres Studiums entstanden, setzt sich Nagel mit den Geschlechter- und Rollenverhältnissen an der Akademie auseinander, deren Lehrende ausschließlich männlich sind und von denen einige die Studentinnen offenbar als etwas betrachten, das ihnen zur Verfügung steht. „Sexuelles Nutzungsrecht an weiblichen Modellen war, so der Künstler Rudolf Schlichter, Teil des Lehrplans“, schreibt Kuratorin Inge Herold im Katalog.

Das Verhältnis zwischen Hubbuch und Nagel war emotional aufgeladen. Ob Liebe im Spiel war? Die Vermutung liegt nahe. In mehreren Zeichnungen kommentierte Nagel Hubbuchs Verhältnis zu anderen Studentinnen zynisch, vor allem jenes zu seiner Geliebten Hilde Isai. Das Blatt „Hundertmal Isai“ von 1929 zeigt die halbnackte Studentin, wie sie dem Lehrer die Hand mit dem Pinsel führt: Auf der Leinwand: viermal die nackte Isai. Ein anderes Blatt zeigt den Lehrer mit einer Gespielin auf dem Schoß und Isai, die mit dem Messer auf ihn losstürmt.

Womöglich liegt es an solchen Blättern, dass Hubbuch Nagel aus seiner Klasse wirft. „Sie sind von großer Taktlosigkeit“, zitiert diese den Lehrer, „hintenrum schimpfen Sie und vorne profitieren Sie von mir ... Gehen Sie!“ Ihre Reaktion darauf? „Wie bin ich auf einen solchen Bauern hereingefallen? Es tut sehr weh.“

Eine Reihe von Arbeiten beschäftigt sich mit dem Thema Selbstmord. Eine Radierung zeigt einen Gruppensuizid: Sieben Personen, darunter Hubbuch und Nagel selbst - halten sich eine Pistole an die Schläfe; dahinter schwebt Jesus Christus.

1929 wechselt Nagel an die Akademie nach Berlin, wo sie bei Emil Orlik studiert, auch dort ist die Selbsttötung Thema: Eine Reihe von Menschen springt vom Berliner Funkturm, ein Plakat im Bild vermeldet: „Samstag Mittag ist der Funkturm für Selbstmordkandidaten freigegeben. Die Beerdigung kostet 100,- und kann sofort erfolgen. Vorheriger kirchlicher Zuspruch 20,- extra. Zuschauerkarten 3,50. - Absprung nur alle 10 Minuten. Publikum wird gebten, Hurrarufe zu unterlassen. Der Magistrat Berlin“. Aber natürlich darf man nicht vergessen, dass das Thema in jenen Jahren in der Kunst populär war. Auch George Grosz, Käthe Kollwitz oder Heinrich Zille thematisierten die Selbsttötung aus Verzweiflung.

Das Scheitern, Grübeln, Träumen steht in den folgenden Jahren im Zentrum von Nagels Kunst. Man sieht Frauen hinter Gittern oder gar die Künstlerin selbst wie sie Puppenköpfe bemalt, Titel: „Meine Zukunft, wie sie sein wird“. Immer wieder ist sie in ihren Blättern auch mit Babys zu sehen - glücklich wirkt sie nie. Erst Jahre später, 1938, wurde Hanna Nagel tatsächlich Mutter, aber natürlich weiß man nicht, ob sie vielleicht zuvor ein Kind verloren oder abgetrieben hat. Auch der Abtreibungsparagraph 218 ist in einigen ihrer Werke Thema.

Nagel geht es stets um den Menschen in seiner Zeit, häufig mit wenigen Strichen auf den Punkt gebracht. Darunter Caféhausszenen, wie man sie aus dieser Zeit auch von Kolleginnen und Kollegen wie Jeanne Mammen oder Christian Schad kennt. Oft sind es Menschen, die ihr nahe stehen. Darunter auch immer wieder ihr Künstlerkollege Hans Fischer, den sie 1929 kennengelernt und wenige Jahre später heiratet. Immer wieder spielt sie das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau - ihrem Mann und ihr selbst - durch. Mal ist er dominanter Unterdrücker, mal Gedemütigter. Mal zeigt sie ihn als König, mal als Marionette in ihren Händen. Sie führt ihn an der Leine, er küsst ihr die Füße, sie erschießt ihn. Er zertritt sie und trägt dabei ein Priestergewand. Er operiert Geldstücke aus ihrer Brust, steckt sie ins Portemonnaie. Nein, diese Ehe scheint keine einfache gewesen zu sein, künstlerisch war sie fruchtbar.

In den dreißiger Jahren kommt es schließlich zu einem Stilwechsel: Die Bilder werden düster, surreal, die Motive - nun häufig der Mythologie entnommen - bleiben gleichwohl radikal: Leda, die mit entblößtem Unterleib auf dem Hals eines Schwans sitzt und diesen damit zu ihrem Werkzeug degradiert. Salome mit bluttriefendem Männerkopf. Judith mit bluttriefendem Männerkopf. Der personifizierte Tod taucht auf, Gespenster kommen hinzu, wir erinnern uns: Die Zeiten waren danach.

Man hat Hanna Nagel später als Mitläuferin bezeichnet, sie habe sich den Nationalsozialisten angedient. Fest steht allenfalls, dass sie damals frei arbeiten konnte, ihr Frühwerk jedoch versteckt hielt.

Richtig ist auch: Nach 1945 gelang es Nagel nicht, ihre künstlerische Karriere fortzusetzen. 1946 trennte sie sich von Hans Fischer und bestritt ihren Lebensunterhalt als Alleinerziehende, die auch ihre Mutter mitversorgte, mithilfe von Buchillustrationen, Gebrauchsgrafik, Zeichenunterricht.

Kunsthalle Mannheim: bis 3. Juli. www.kuma.art

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