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Erich Consemüller: Bauhausbühne Dessau, Vorhangspiel von Oskar Schlemmer, 1927.

Berliner Kunstbibliothek

Spirit und Muttermilch

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Bauhaus und Fotografie – eine lehrreich schöne Schau der Berliner Kunstbibliothek über das „Neue Sehen“ bis heute.

Früher war nicht alles besser. Auch wenn unbelehrbare Rückwärtsgucker gerne vergangene Zeiten verklären. Im Falle der Fotografie, um die es hier geht, war aber auch nichts schlechter. Ganz im Gegenteil. Die Bauhausfotografie war, wie vieles unterm Label Bauhaus, Avantgarde. Und ist bis heute Maßstab für Innovation und formale Radikalität, Aber auch für Schönheit und Poesie.

In ihren frühen und den Blütezeiten gab sich die Kunst der Moderne für das jeweilige Neue fast immer Manifeste. In zeitweiligen Gruppen oder Gemeinschaften setzte sich leichter durch, was nicht den Konventionen entsprach und daher erstmal abgewehrt wurde. Nehmen wir nur die Sezessionisten, Expressionisten, Dadaisten, die Surrealisten, Konstruktivisten, Kubisten, Futuristen. Selbstredend das Bauhaus. Und die vielen Künstlervereinigungen der Zeit nach 1945 mit ihren ideologischen Grabenkämpfen – etwa Abstraktion gegen Realismus.

Heute nehmen sich solche Manifeste eher aus wie amüsante altmodische Relikte. Den Durchbruch eines Künstlers und seines Stils zum Erfolg managen längst findige Kuratoren, Galeristen, Museumsleute. Der Kunstmarkt platzt schier vor als Neuerungen ausgerufenen Produktionen. Schaut man sehr genau hin, ist freilich zu entdecken, wie sehr doch Kunst aus Kunst kommt, wie vieles schon mal dagewesen ist, sich heute belehnt, kopiert, modifiziert, variiert, paraphrasiert, verballhornt wiederfindet. Die Bauhausfotografie bietet geradezu eine Steilvorlage dafür, wie das „Neue Sehen“ bis heute die Ästhetik des Mediums prägt, zu Experimenten ermutigt.

László Moholy-Nagy: Fotogramm mit Eiffelturm, um 1925.

Im Berliner Museum für Fotografie breitet die Kunstbibliothek soeben eine Vielfalt solcher Experimente aus Bauhauszeiten – und von heute – aus. Und weil diese Korrespondenz den historischen Hintergrund des „Neuen Sehens“ braucht, steht eine legendäre, einst von der Berliner Kunstbibliothek ausgerichtete Ausstellung Pate: die Werkbundschau „Film und Foto“ von 1929/30. Deren Tour führte damals von Stuttgart über Berlin nach Zürich.

Leitfigur war – und ist nun abermals – der Ungar Lázló Moholy-Nagy (1895-1946), nach dem Bauhausverbot emigrierte der Konstruktivist in die USA. Er hatte in Weimar, später in Dessau bis 1928 gelehrt. Moholy-Nagy war einer der bedeutenden Bauhausmeister, Assistent von Walter Gropius und Missionar des „Neuen Sehens“. „Religion“ war es, die Fotografie vom rein reproduzierenden zum produzierenden Medium zu erweitern. Dafür gab es sogar einen didaktischen Ansatz: Der Betrachter sollte zunächst an die neuen Abbildungsweisen herangeführt werden, sich damit auseinandersetzen. Dafür wurden ihm vertraute Sujets in unbekannter Darstellung präsentiert.

Jan Tschichold: „Laster der Menschheit“ (Entwurf), 1927.

Die Fotografie hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg verändert, sie wurde immer weniger „malerisch“ , umso mehr direkter, objektiver. Kühne Blickwinkel, extreme Auf- oder Untersichten wurden ausprobiert. Man experimentierte mit Licht und Schatten. Auch die Fotografie sollte die gesellschaftlichen Umwälzungen, den Zug der Moderne, optimistisch und dynamisch festhalten.

Zwar wurde am Bauhaus schon früh, auch fächerübergreifend mit Fotografie experimentiert, das Medium aber eher als Dokumentation und zu Werbezwecken genutzt. Erst im Jahr 1929 gab es eine Fotoklasse unter Walter Peterhans. Moholy-Nagy war stark beteiligt mit seinen Erfindungen des Fotogramms und der Fotocollage, den abstrahierenden Experimenten. In Stillleben, Sachaufnahmen, Porträts, fragmentierten Körperbildern kam das Stoffliche zum Ausdruck: Beschaffenheit, Oberfläche, Eigenleben der Dinge.

Taiyo Onorato & Nico Krebs: „Spin 07“.

Die Fotografie wurde endlich als ästhetisches Phänomen begriffen, als Kunst. Diese Emanzipation des Mediums ist in der Schau als szenografische Reproduktion zu erleben. „Ikonen“ der Fotoavantgarde von Moholy-Nagy, die dessen Arbeit mit Licht und Brechung, Fixierung und Reflexion und sein Interesse an den neuen technischen Medien wie dem Film belegen, befinden sich neben Werken u.a. von Lucia Moholy, Man Ray, Florence Henri, Lux Feininger, Willi Ruge oder Erich Consemüller.

All deren prägende Beiträge zum „Neuen Sehen“ hängen nun im Dialog mit Fotoarbeiten von derzeitigen Foto-Stars wie Wolfgang Tillmans, Thomas Ruff, Douglas Gordon, Taiyo Onorato & Nico Krebs sowie Studenten-Fotos und Videos der Hochschulen für Gestaltung Darmstadt und Nürnberg. Und das Fazit der lehrreich schönen, Fotogeschichte spiegelnden Berliner Schau? Die Bauhaus-Fotografie war Spirit und Muttermilch für die heutige moderne, experimentelle Fotografie.

Die Ausstellung

Museum für Fotografie, Berlin:
bis 25. August. Das Katalogbuch (Kerber) kostet 40 Euro. smb.museum/

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