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Arbeitet mit verschiedenen Materialien: Eberhard Havekost

Ausstellung

Spiel mit der Realität

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Bilder, die zugleich fremd und auf hintergründige Art vertraut wirken: Arbeiten von Eberhard Havekost sind jetzt in der Frankfurter Schirn zu sehen. Von Sandra Danicke

Es riecht nach Gebratenem, doch dies, so versichern die Mitarbeiterinnen, sei nur vorübergehend. Was bleibt, sind eine gekrümmte Wand und ungünstig angebrachte Türen. Man nimmt das erst auf den zweiten Blick wahr, denn Eberhard Havekost hat zur Ablenkung eine auffällige Hängung seiner Gemälde erdacht, hat die Bilder scheinbar assoziativ und doch geordnet an den Wänden platziert.

Wer näher kommt, erkennt in den meisten Fällen wenig. Und doch ist Eberhard Havekost, Künstlerstar aus Berlin, nach wie vor ein figurativ arbeitender Maler. Nur dass er das, was er in seinen Gemälden abbildet, mittlerweile so stark verunklärt, dass man als Betrachter ins Schleudern beziehungsweise Spekulieren kommt. Und so soll es sein, denn Havekost möchte, dass jeder seine eigene Welt darin entdeckt, keine voreiligen Schlüsse zieht und auch nicht rät, was vom Künstler wohl beabsichtigt gewesen sein mag. Schließlich hat jeder seine eigenen Erfahrungen, eigene Assoziationen und Interessen. Im Katalog erfährt man dann aber doch, dass die diffusen Farbwolken in diversen von Havekosts Gemälden in Wahrheit auf Digitalfotos basieren, die der Künstler von Flachbildschirmen gemacht hat. Etwa die sechsteilige Serie, deren Titel "Retina" der Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle den Namen gab.

So viele Filter wie möglich

Bisweilen scheint es, als schiebe Eberhard Havekost so viele Filter wie irgend möglich zwischen das, was seine Bilder abbilden und das Auge des Betrachters. Die Serie "Jungle" beispielsweise zeigt, verkürzt gesagt, dichte Palmenblätterwälder. Schaut man genauer hin, ist es jedoch alles andere als Natur, was auf den Gemälden gezeigt wird, allenfalls sind es vielfach gefilterte Abbilder; nicht nur, weil gemalte Streifen und Reflexionen abermals einen Bildschirm (oder eine Glasscheibe?) suggerieren, der die üppige Flora in eine gewisse Distanz rückt.

Es ist überdies das Wissen darum, dass hier ein abgemaltes Foto, welches zuvor am Computer bearbeitet wurde, nur noch ein gleichsam künstliches Surrogat des ursprünglich Gesehenen zeigt. Und dieses Gesehene, das nicht nur vom Auge und der eingenommenen Perspektive des Fotografen, sondern auch vom Apparat und schließlich durch die Auswahl des Malers begrenzt wurde, so dass wir also weder wissen, was sich daneben, darüber, dahinter befunden haben mag, zeigt überdeutlich: Wir haben es hier keinesfalls mit einem Abbild einer allgemeingültigen Realität zu tun. Genau dies zu zeigen, dass Realität per se nicht existiert, ist das Anliegen von Eberhard Havekost.

Mit dem Zitieren und Bearbeiten medialer Abbildungen steht der 42-Jährige in einer Tradition einer ganzen Reihe von Malern. Bereits in den sechziger Jahren nutzten Andy Warhol, Richard Hamilton oder Gerhard Richter Bilder aus Magazinen und Zeitungen als Vorlagen. Heute greifen Szenestars wie Wilhelm Sasnal, Peter Doig oder Johannes Kahrs auf das fotografische - bisweilen auch filmische - Abbild zurück, um damit realitätsnahe Aussagen über die Welt von heute zu formulieren.

Eberhard Havekosts Methode nutzt die Unschärfen und Verschiebungen, die sich durch die gestaffelten Reproduktionstechniken teils mit Absicht, teils zufällig ergeben und behandelt sie als assoziativen Mehrwert. So entstehen Bilder, die zugleich fremd und auf hintergründige Art vertraut wirken, künstlich und doch auf gespenstische Weise wahr zu sein scheinen.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 14. März. www.schirn.de

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