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Harlad Metzkes: Rittlings vorwärts.

Harald Metzkes

Und im Spiegel blickt der Harlekin zurück

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Dem Berlin-Brandenburgischen Gleichnis-Maler Harald Metzkes zum 90. Geburtstag.

Das Spiegelbild, der doppelte Boden, das Sich-Selbst-Gegenübertreten sind in Harald Metzkes’ Malerei Programm. Und das seit 70 Jahren, da hatte der Bautzener Arztsohn und gelernte Steinmetz sein Malerei-Studium an der Kunsthochschule Dresden begonnen. Am heutigen Mittwoch wird er neunzig. Und vermutlich werden ihn seine vielen Gratulanten davon abhalten, wie sonst ins Atelier, an die Staffelei auf dem Vierseithof im Brandenburgischen Wegendorf zu gehen, wohin er vom Berliner Kollwitzplatz schon in den Neunzigern umgezogen ist. Zu den Kindern, die allesamt Künstler sind und dort ihre Werkstätten haben.

In der Bildsprache des scheinbar Realen erfindet dieser Maler seit sieben Jahrzehnten Figuren und Dinge, gestaffelte Räume, spröde Beschwörungen von Erde, Himmel, Hölle. Er findet fürs Gewalttätige, Ausschweifende oder Banale subtilen Ausdruck. Lustvoll, delikat, rätselhaft. Und damit hat er der Malkunst aus der ehemaligen DDR zu Respekt und Bewunderung verholfen.

Er wolle, sagt er, „Dinge, die im Gedächtnis der Menschen verschüttet liegen, aufleben lassen“. Aber der Betrachter solle dabei frei sein, „um sein Gegenbild aufzubauen“. Er macht die Ambivalenz bildhaft – das Nichteindeutige, das andeutungsreiche Hin und Her zwischen den Polen, zwischen Lust und Angst, Liebe und Hass, Heiterkeit und Ernst, Gutem und Bösem.

Was da auf Metzkes’ Leinwänden passiert, sind Szenen zwischen Schein und Sein, trügerische Triumphe, spektakuläre, gefahrvolle Balanceakte auf doppelten Bühnenböden. Ein Volk von Komödianten gibt die menschliche Komödie und Tragödie auf stürzenden Leitern, wackligen Stelzen und Stühlen.

Metzkes’ Malerei ist noch immer ein Ereignis. Und ein solches wäre es auch gewesen, hätte zum gebotenen Anlass die Nationalgalerie Berlin, Besitzerin seiner metaphorischen Schlüsselbilder, selbige an zwei, drei Wänden in einem ihrer vielen Häuser angebracht. Wir würden das gern wider einmal sehen: den damals an Beckmann und Picasso geschulten – von den Stalinisten als „formalistisch“, ergo „unsozialistisch“ gerügten – „Abtransport der sechsarmigen Göttin“ von 1956. Und auch das Cezanne’sche „Pferd“, 1968, diese weiße, scheue, wache Kreatur mit gespitzten Ohren und krummem Hinterlauf vor einer bühnenartigen Landschaft.

Vor weniger als zwei Jahren malte Harald Metzkes das weiße Pferd vor blauem Bildgrund nochmals. Diesmal stürmt das Tier seitwärts, stracks seines Wegs. Aber der Reiter sitzt verkehrt herum, droht herunterzufallen bei diesem Galopp der Zeit, die das Verweilen, das Vertiefen, das Bewahren und Verstehen des Augenblicklichen schier unmöglich macht.

Dieses denkwürdige Gleichnis „Rittlings vorwärts“ haben Metzkes’ Galeristen Leo & Sandau zum Titelbild des Katalogbuches ihrer zweiteiligen Geburtstags-Ausstellung gemacht. Es wäre sicher möglich gewesen, das Motiv, auch die des einen oder anderen Harlekins, des „Herrn H.“, wie Metzkes sein Spiegelbild, sein Alter Ego, zu nennen pflegt, an die Staatlichen Museen zu verleihen. Nun sind seine Bilder – die wie der Commedia dell’arte entstiegenen Mimen, die opportunistischen Zwiegesichter, die Akte und auch die liebevollen Porträts – an privaten Ausstellungsorten zu sehen, derweil die Berliner Nationalgalerie lieber ihr Depot pflegt.

Akrobaten, Harlekine, Colombinen, Masken und Pferde kommen in Metzkes’ Bildern oft vor. Er malte sie vor dem Mauerfall zwischen den konfliktgeladenen Fronten. Und nach 1989 manchmal orientierungslos auf weiten Feldern, balancierend auf Drahtseilen, mit Luftfischen an Fäden, haltsuchend auf Stelzen und Stangen.

Harald Metzkes zählte zu DDR-Zeit zu jener manifestlosen, sich dem Ideologischen entziehenden Gruppe, die gern „Berliner Schule“ oder „Berliner Cézannisten“ genannt wurde, wegen der Motive im Stil zwischen Cézanne, Picasso, Hofer – und damit sozusagen zwischen Arkadien und Gomorrha. In etlichen Bildern scheinen die wunderschönen, in rötlich-geometrischen Mustern gewebten Gobelins von Metzkes’ 2014 verstorbener Frau Elrid auf, charakteristisch für den Maler: Immer gibt es Schönheit im Gleichnishaften. Er malt, er bewahrt Vertrautes, Wesentliches.

Metzkes spricht mit Bestimmtheit von der „Logik der Form“, vom langsamen „Herauslassen“ seiner Motive, immer nach dem Cézanne’schen Mal-Prinzip von „Natur und Auge“, wo die Motive zwischen Melancholie und Spott changieren. Manchmal bersten die Bilder förmlich vor Spannung. Das burleske Figurentheater gibt auf offener Lebensbühne immer das Stegreifpossenspiel des Alltäglichen und wird, so ganz nebenbei, zum Spiegelbild der großen, kippeligen Europa- und Weltpolitik.

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