Städel Museum

Spektakulärer Ankauf im Städel: Der Blick ins Leere

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Frankfurts Städel Museum erwirbt mit dem „Selbstbildnis mit Sektglas“ ein Schlüsselwerk Max Beckmanns.

Ein Mann sitzt auf einem Stuhl in einem Nachtlokal, in der einen Hand ein Glas Sekt, in der anderen eine Zigarre. Doch er spricht mit niemandem, er feiert nicht. Er blickt zur Seite, seine Augen unfokussiert, seine rechte Hand unnatürlich abgeknickt. So stellte sich Max Beckmann auf seinem „Selbstbildnis mit Sektglas“ im Jahr 1919 dar. Das Bild, das in Frankfurt in der Schweizer Straße 3 entstand, war schon seit dem Jahr 2011 als Dauerleihgabe im Frankfurter Städel zu sehen. Nun hat das Museum es gekauft - mit Unterstützung der Kulturstaatsministerin, des Städelschen Museums-Vereins, der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder sowie fünf privater Mäzene.

Es stammt aus der Privatsammlung des Krefelder Textilfabrikanten Hermann Lange, der es in den 1920er Jahren erworben hatte. Von seinen Nachkommen wurde es nun abgekauft. „Nie zuvor hat das Städelmuseum einen Einzelerwerb in diesen Dimensionen gestemmt“, sagte Städel-Direktor Philipp Demandt, ohne sich zum genauen Kaufpreis zu äußern.

Max Beckmann (1884-1950) hatte den Ersten Weltkrieg als Sanitätshelfer an der Ostfront und in Flandern erlebt und im Jahr 1915 einen Nervenzusammenbruch erlitten. Im selben Jahr zog er nach Frankfurt, wo er bis 1933 lebte und einen großen Teil seiner Werke schuf. Insgesamt hat Beckmann 35 Selbstportraits gemalt. Das „Selbstbildnis mit Sektglas“ gilt als Schlüsselwerk für das Verständnis des Künstlers, der sich damit von seiner spätimpressionistischen Malweise abwandte.

Es ist ein Sinnbild für die unmittelbare Nachkriegszeit. Beckmann stellt sich nicht als Teilnehmer, sondern als distanzierter Beobachter des Nachtlebens dar. Zwar trinkt er, zwar raucht er, aber er ist nicht wirklich anwesend. Das leere Grinsen des Menschen im Hintergrund erscheint verzerrt im Spiegel auf der linken Seite und veranschaulicht die oberflächliche Vergnügungssucht einer zerrütteten Zeit. Das Selbstbildnis entlarve die Weimarer Republik als Fassade, sagte die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, bei der Präsentation: „Wenn Beckmann sich selbst erkundet, erkundet er immer auch seine Zeit.“ Gerade in der Corona-Krise sei es wichtig, auf die Erfahrungen dieser Generation zu blicken, so Grütters.

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten verlor Beckmann zunächst seine Professur an der Frankfurter Städelschule und emigrierte 1937 in die Niederlande. Das Städel Museum verlor durch die Nationalsozialisten über hundert Werke von Beckmann. Heute gibt es dort wieder elf Gemälde, zwei Skulpturen und zahlreiche Grafiken. Welche Bedeutung Beckmann für das Städel hat, und wie wichtig Frankfurt für den Künstler war, will das Museum in einer Sonderausstellung ab Dezember zeigen, in der das neu erworbene Selbstbildnis in den Mittelpunkt gestellt wird.

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