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Das  von dem niederländischen Archiktenbüro Neutelings Riedijk Architecten  entworfenen Gebäude: eine monumentale, monolithische Gestalt.
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Das von dem niederländischen Archiktenbüro Neutelings Riedijk Architecten entworfenen Gebäude: eine monumentale, monolithische Gestalt.

Antwerpen

Speicherhaus voller Geschichten und Bilder

Mit dem neuen Museum aan de Stroom besinnt sich Antwerpen auf seinen alten Hafen und setzt seinem – darin ankernden - Weltbürgertum ein turmhohes Denkmal. Selbst die welthistorische Bedeutung als Kunststadt im goldenen Zeitalter ihrer Malerei zwischen Quentin Massys und Peter Paul Rubens lässt sich hier oben ahnen.

Von Manfred Schwarz

Der siebte Himmel ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Früher sollen sich die Matrosen schon vor seiner Pforte gedrängelt haben. Oftmals seien sie gleich von ihrem Schiff hierher geeilt, zur Himmelfahrt für Seeleute. Und aus welchem Land auch immer sie stammen mochten, an diesem Ort im alten Hafenviertel von Antwerpen feierten sie gemeinsam, umgeben von himmlisch schönen, irgendwie vielleicht sogar engelshaft erscheinenden Frauen.

„Alle Sprachen der Erde tönen hier zusammen“, hat Stefan Zweig einmal berauscht und staunend in der wahrhaft kosmopolitischen flämischen Hafenstadt geschrieben; in manchen legendären Nächten, so erzählen es jedenfalls Veteranen der Seefahrt und des Antwerpener Nachtlebens, die nun ihren Ruhestand im Zeemanshuis gleich um die Ecke verbringen, soll es sich so angehört haben, als ob der größte Teil von ihnen im siebten Himmel versammelt sei, bei lauthals geschmetterten Matrosenliedern.

Das Lokal De zevende Hemel gehörte einmal zu jenen „fabelhaften Dancings von Antwerpen“, die schon der Weltenbummler Blaise Cendrars zu schätzen wusste und deren Namen sogar auf den Philippinen geläufig sind. Heute ist hier nicht mehr viel los. Heute treffen hier verkrachte Existenzen auf abenteuerlustige Yuppies. Matrosen haben keine Zeit mehr für den Ausflug in den siebenten Himmel, wenn ihr Schiff in Antwerpen anlegt. Außerdem liegt der neue, gigantisch große Container-Hafen im fernen Niemandsland nördlich der Metropole. Viel zu weit weg vom alten Hafenviertel rund um Bonapartedok und Willemdok. Die Seeleute bleiben lieber gleich auf ihrem Schiff.

In Zukunft dürfte sich das jedoch wieder ändern. Denn zwischen den alten, noch von Napoleon angelegten bzw. geplanten Docks, an deren Rändern das vibrierende Hafenleben schon seit den siebziger Jahren erlosch und wo sich zuletzt nur noch Szenen des Niedergangs besichtigen ließen, hat Antwerpen eine neue, wirklich spektakuläre Attraktion geschaffen, die fraglos auch für Matrosen sehenswert sein wird. Man bietet dort zwar nicht gerade Striptease oder Tabledance, aber doch eine schier überwältigende Fülle von Schaustücken und Augenerlebnissen, von Einsichten und Ausblicken. Das eben neueröffnete, fast 60 Millionen Euro teure Museen aan de Stroom (MAS), das leuchtturmhoch aus dem alten Hafenareal mit dem berüchtigten Scheepvaartskwartier herausragt, dürfte nun zum bevorzugten Ankerplatz für alle Neuankömmlinge in der Stadt werden; es ist überdies sogar bis in die Nacht geöffnet.

Hier gibt es alles: vom kongolesischen Totem bis zur chinesischen Teetasse

Zumindest jener Teil des stadtgeschichtlichen Museums, der sich der Gegenwart Antwerpens zuwendet und diese dem Blick des Besuchers erschließt, der hier zu einem Flaneur wird, fast zu einem Himmelstürmer. Denn der (fensterlose) Mittelteil des von dem niederländischen Archiktenbüro Neutelings Riedijk Architecten brillant entworfenen Museumsgebäudes, dessen monumentale, monolithische Gestalt sich über zehn Geschosse erstreckt und natürlich an ein Stapelhaus erinnern soll, wird von einem „vertikalen Boulevard“ gesäumt, auf dem man zwar nicht unbedingt in den siebenten Himmel kommt, aber doch immerhin zur mehr als 60 Meter hohen Aussichtsplattform auf dem Dach des Bauwerks. Als öffentlicher Raum ist dieser Boulevard für jedermann bis Mitternacht zugänglich, auch für diejenigen, die sich keine Eintrittskarte für die eigentlichen Schauräume des Museums kaufen mögen.

Schau-Platz allerdings ist auch der Weg selbst: Man kann hier, auf Rolltreppen nach oben gleitend, durch die sechs Meter hohen, wie Wasserfluten gewellten Glasscheiben den Blick über die ständig wechselnden Ansichten der Stadtlandschaft streifen lassen, von der Altstadt mit dem steilen Turm der Kathedrale bis zum modernen Industriehafen an der fernen Horizontlinie, wo zahllose Kräne für eine Aufführung des triadischen Ballets zu proben scheinen. Da jede der containerhaft übereinander gestapelten „Boxen“ aus rötlichem indischen Naturstein, in denen sich die Ausstellungsräume befinden, gegenüber der darunter liegenden um 90 Grad versetzt ist, ergibt sich eine spiralförmige Struktur dieses Boulevards, der den Besucher gleichsam genau entlang der Grenze zwischen Gestern und Heute in die Höhe schraubt. Schwindelnd fast, von der Fülle der Aussichten auf die Stadt berauscht, die hier als eigentlicher Protagonist so brillant und effektreich in Szene gesetzt wird wie wohl in keinem anderen stadtgeschichtlichen Museum, kommt man schließlich oben an.

Dass Antwerpen als Hafen- und Handelsstadt seit recht genau fünfhundert Jahren eine mit der ganzen Welt verknüpfte Metropole ist, eine veritable Weltstadt, lässt sich hier oben vielleicht eindrucksvoller und unmittelbarer erleben als in all den darunterliegenden Schausälen des Museums, wo ja mit den unterschiedlichsten Objekten, vom kongolesischen Totem bis zur chinesischen Teetasse, quer durch die Epochen, die Kulturen und Kontinente, erzählt werden soll, wie Antwerpen in die Welt kam und die Welt nach Antwerpen. Hier oben aber steht man direkt im Wind der großen weiten Welt, der stets „vom Meer her weht“, wie es Stefan Zweig einmal formulierte. Und man kann hier mit den Augen den kurvenreichen Lauf der breit zum Meer hinströmenden Schelde verfolgen, virulenter Lebensnerv der amphibischen Stadt, die seit Jahrhunderten ungezählte Schiffe – und mit ihnen die Waren, das Wissen, die Weite der Welt – in die Stadt bringt und von hier aus wieder in alle Himmelsrichtungen schleust.

Selbst Antwerpens welthistorische Bedeutung als Kunststadt im goldenen Zeitalter ihrer Malerei zwischen Quentin Massys und Peter Paul Rubens lässt sich hier oben ahnen. Erinnert doch der Panoramablick auf die Stadtlandschaft zu den Füßen des Besuchers unweigerlich an die aus der Vogelperspektive gemalten Weltlandschaften, die Joachim Patinir hier im frühen 16. Jahrhundert schuf, als Bahnbrecher, wenn nicht gar Begründer der modernen Landschaftsmalerei.

Dass hier die Ars nova des Renaissancezeitalters ihren wichtigsten Umschlagplatz nördlich der Alpen der Alpen hatte, verdankt sich natürlich ebenfalls dem florierenden Hafenbetrieb und dem Reichtum, der durch den überseeischen Handel in die Stadt gespült wurde. So ist es kein Zufall, dass in der Eröffnungsausstellung des MAS, die „Meisterwerke aus fünf Jahrhunderten Bildkultur in Antwerpen“ versammelt, tatsächlich zahlreiche kostbare und weltberühmte Gemälde zu sehen sind, Porträts burgundische Höflinge von Rogier van der Weyden etwa, die sittsamen Madonnenfiguren von Jan van Eyck oder die rüden Bauernlümmel des Adriaen Brouwer.

Nur Seemannslieder wird man hier so schnell nicht wieder hören

Nicht alle diese Meisterwerke sind zwar hier entstanden. Aber sie stammen immerhin zum guten Teil aus dem ehemaligen Besitz reicher Antwerpener. Auch die Beständeder diversen städtischen Museen, die nun im MAS zusammengeführt wurden – vom Schifffahrtsmuseum bis zu den Museen für Kunsthandwerk, für Volkskunde oder Ethnographie – haben ihren Ursprung nicht zuletzt in den zahllosen privaten Sammlungen der betont weltoffenen und genussfreudigen Bürger der Stadt. Im MAS ist nun eine kleine Auswahl der insgesamt 470?000 Objekte in einer virtuosen, allerdings auch mitunter allzu dominanten Szenographie thematisch gebündelt, um die schillernde Geschichte der Weltstadt und ihrer Lebenskultur zu erzählen. Nicht immer geschieht dies so treffsicher und so pointiert wie mit der Gestalt und der Lage des Bauwerks. Es erhebt sich übrigens genau an dem Ort, wo zwischen dem späten 16. und 19. Jahrhundert das mächtige Kontor- und Lagerhaus der Hansekaufleute stand. Und genau wie dieses einst wird es nun gewiss zum (Wieder)Aufschwung des ganzen Hafenviertels beitragen. Die ersten, allerdings auch zwiespältigen Anzeichen des Booms sind bereits sichtbar rund um die Docks: Teure Eigentumswohnungen und schicke Luxusrestaurants, Boutiquen, wo man „Kapitänsmützen“ und „Matrosenpullis“ kaufen kann. Nur Seemannslieder wird man hier so schnell nicht wieder hören. Schon gar nicht von Matrosen , die sich wie im siebten Himmel fühlen.

www.mas.be

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