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Konrad Witz: Die Königin von Saba vor König Salomon, um 1435-1440.
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Konrad Witz: Die Königin von Saba vor König Salomon, um 1435-1440.

Gemäldegalerie

Spätgotik in Berlin: Atmende Madonnen

  • vonIngeborg Ruthe
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Pfingstwunder mit Alten Meistern: Berlins Gemäldegalerie öffnet wieder mit einer fulminanten Schau zum Epochen-Umbruch in der Spätgotik.

Das Pfingstwunder trägt Blau. Die Gemäldegaleriewände hüllen sich für die Schau extra in ein samtiges Blau, das den Widerhall des epochalen Umbruchs um das Jahr 1430 herum zu verschlucken scheint, so dass der Blick sich ungestört aufs Bildgeschehen und die Skulpturen, Druckgrafiken sowie die kunsthandwerklichen Objekte jener Zeit konzentrieren kann. Man kann sich so ganz besonders fokussieren auf die Erzählung dieser meisterhaften Lasurmalerei oder die grandiosen Bildhauer- und Goldschmiede-Arbeiten einlassen. Jahrhunderte Zurückliegendes ist auf einmal ganz nah.

Nach dem fast dauerhaften Kunst-Entzug in den Pandemie-Monaten fühlt man sich bei den Alten Meistern am Berliner Kulturforum vom „Geist der Kunst“ erfüllt. Das besagt ja das Pfingstwunder, dass die biblischen Apostel vom Heiligen Geist erfüllt waren und das Erlebnis dann in alle Welt trugen. Eine Botschaft, die jeder Mensch versteht.

Die das Pfingstfest einläutende Schau, gestaltet von fünf Kuratoren all der Häuser der Staatlichen Museen unter Federführung von Generaldirektor Michael Eissenhauer, erzählt anhand von 130 Bildwerken aus den reichen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin sowie kostbaren Leihgaben von der Spätgotik im deutschsprachigen Raum. Vom Aufbruch in die Neuzeit, der Anerkennung der bis dato rein sakralen Zweckbestimmung der Objekte als Kunst auch im weltlichen Sinne und dem langsamen, aber sicheren Übergang in die Renaissance. Es ist die sukzessive Entdeckung der Welt und des Erkennens des Menschen als individuelle Wesen, mit dem Interesse am Körper, an Gesten, Posen, Mienenspiel.

Da die Gotik jedoch zum verteufelten Mittelalter gehörte, wurde der Stil von einem Großteil der nachfolgenden Kunstschaffenden mit Verachtung betrachtet. So benannte der Renaissance-Künstlerbiograf Giorgio Vasari, der als Begründer der Kunstgeschichte gilt, den bisherigen Stil als „arte gotica“. Ein schlimmes Verdikt – bezog sich der Name doch auf die barbarischen Feinde Italiens: die Goten.

Es lag am Einfluss der niederländischen Malerei, dass sich von 1430 an die Ausdrucksmittel der strengen, auf das Göttliche gerichteten himmelstrebenden Formungen veränderten: Licht und Schatten, Körper und Raum wurden zunehmend wirklichkeitsnah dargestellt. Die Bildnisse der Heiligengestalten wurden diesseitiger, das Geschehen lebensnäher, dramatischer und weniger vergeistigt.

Sie scheinen zu atmen, die Madonnen des Martin Schongauer oder des Hans Multscher vom Wurzacher Altar. So auch das Apostel-Martyrium des Malers Stefan Lochner, bei dem dem Heiligen Bartholomäus die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen wird und unterm Foltertisch ein Schinderknecht ungerührt die Messer schärft. Die Szenerie ist so krass anschaulich, wie kein Kriminalfilm unserer Zeit sie zu schildern vermag. Konrad Witz wagte es um 1440, den Gesichtsausdruck der Jungfrau Maria, während der Engel ihr die von Gott auferlegte künftige Rolle verkündet, skeptisch, ja gar abwehrend aussehen zu lassen. Und dem Meister der Karlsruher Prozessions-Tafeln mangelt es nicht an Brutalität und Bösartigkeit, so dass man sich vorstellen kann, wie Betrachter der Tafeln anno 1450 entsetzt auf die „Arbeit“ der Folterknechte geschaut haben dürften.

Der neue Wirklichkeitsgehalt der Kunst führte dazu, dass aus den anonymen Werkstattzuschreibungen nun mehr einzelne Künstler berühmt wurden, deren Stil bis heute erkennbar ist. Das Wechselspiel dieser Handschriften, seien es nun Malerei, Grafik oder die berückende lebensnahe Holz-Bildhauerkunst eines Tilman Riemenschneider, ermöglicht besondere Entdeckungen. Einen speziellen Vergleich bietet die Tafel des Schmerzensmannes vom jungen Dürer mit der gleichsam expressiven Kalkstein-Büste von Nicolaus Gerhaert von Leyden. Religiöse und profane Kunst griffen hier auf dieselben Darstellungsmotive zurück. Dass zum Beispiel der „Liebeszauber“ des Kölnischen Meisters von 1470 mit den leeren Spruchbändern einem Renaissancemeister wie Lucas Cranach d. Ä. Anregung gewesen sein könnte für dessen weiberlistige Motive der verführerischen Eva.

Die Erfindung der Druckkunst durch den 1400 geborenen Mainzer Johannes Gutenberg revolutionierte das bis dato herkömmliche handgeschriebene Bücher-Machen. Der Einsatz beweglicher Lettern ab 1450 löste in ganz Europa eine Medienrevolution aus. Dieses Schlüsselelement, der Renaissance zugeschrieben, war demnach eine Innovation der Spätgotik. Ein Exemplar der Gutenberg-Bibel, 1452 und 1454 entstanden und für ihre hohe ästhetische und technische Qualität gerühmt, liegt in einem Seitenkabinett unter gedimmtem Licht in einer Vitrine. Links und rechts davon sieht man die Vorgänger-Bücher mit den handgeschriebenen Texten und gemalten Initialen. Die Vervielfältigung von Kunstwerken führte schon damals zu einer Demokratisierung der Bilder: Sie wurden erschwinglicher und fanden so neue Absatzmärkte.

Und da gibt es auch eine erstaunliche Korrespondenz: Martin Schongauer wird uns heutigen Betrachtern erlebbar gemacht als Phänomen medienübergreifender Wirksamkeit: Als erster „Weltstar“ der Druckgraphik stand er in der oberrheinischen Tradition, wurde aber von den Niederlanden bis Spanien rezipiert und lieferte mit seinen Drucken die Vorlagen für Hunderte von Gemälden, Grafiken und Skulpturen. Der Umkehrschluss zeigt sich bei Riemenschneiders „Noli me tangere“ von 1490/92. Die Skulptur geht auf eine Bilderfindung des viel älteren Colmarer Malers und Kupferstechers Schongauer zurück. Der geniale Würzburger Bildschnitzer verwandelte dessen Motiv in ein raumgreifend-naturalistisches Relief.

Gemäldegalerie am Berliner Kulturforum: bis 5. September. Derzeit noch mit Negativtest oder Impfnachweis. Der Katalog ist im Verlag Hatje Cantz erschienen. www.smb.museum

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