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„Sonne. Die Quelle des Lichts“ im Barberini Potsdam: Gleißend, göttlich und gefährlich

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Von: Ingeborg Ruthe

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Arthur G. Dove: „Rote Sonne“, 1935 Foto: The Phillips Collection, Washington/ Andrew Dintenfass, The Estate of Arthur G.Dove, Courtesy Terry Dintenfass, Inc., New York
Arthur G. Dove: „Rote Sonne“, 1935 Foto: The Phillips Collection, Washington/ Andrew Dintenfass, The Estate of Arthur G.Dove, Courtesy Terry Dintenfass, Inc., New York © The Phillips Collection, Washington/ Andrew Dintenfass, The Estate of Arthur G.Dove, Courtesy Terry Dintenfass, Inc., New York

Um diese Jahreszeit kann man sie besonders gut brauchen: Das Barberini in Potsdam widmet der Sonne in der Kunst eine durchaus wärmende Ausstellung

Könnte Galileo Galilei diese spektakuläre Bildversammlung voller Sonnenlicht im Jahr 2023 sehen, er fühlte sich bestätigt und wäre wohl lichterfüllt getröstet: Für all die Ungemach, die Schmach, den Arrest, den inquisitorischen Prozess, den er durchstehen musste, als er, der italienische Universalgelehrte und Kosmologe des Barockzeitalters, dem heliozentrischen Weltbild des Niklaus Kopernikus folgte, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Und nicht umgekehrt. Sein wissenschaftlicher Standpunkt aber war Ketzerei für die römischen Inquisitoren, denen nicht einmal der Papst widersprechen konnte. Galilei war, bei seinem Leben, gezwungen abzuschwören.

Die Legende besagt, er habe beim Schwur gemurmelt: „Und sie bewegt sich doch!“ Der Ausspruch war über Jahrhunderte und bis heute geflügeltes Wort unter Oppositionellen in diktatorischen Regimen, auch in erstarrten Strukturen der katholischen Kirche. Erst 1992 wurde Galilei im Vatikan rehabilitiert!

Es ist nicht so, dass wir Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst“ im Potsdamer Museum Barberini (ein Mann dieses Namens war übrigens zu Galileis Zeiten Papst- und bis zum Prozess gegen den Gelehrten sogar dessen Förderer) direkt mit dem anno 1632 beginnenden, Galilei Hausarrest einbringenden Ideologiestreit konfrontiert würden. Den Ausstellungsmachern um den Impressionismus-Kenner und Kurator Michael Philipp geht es schließlich zuvörderst um das Licht und wie es in die Kunst kam. Die kunstgeschichtlichen und stilistischen Belege dafür kommen per Leihgaben aus mehr als 60 europäischen und US-amerikanischen Museen und Privatsammlungen.

Insbesondere die Malerei ist gleichsam zeremoniell inszeniert, auf tiefweinroten, magentafarbenen, blaulila Wänden. Vor derartigem Hintergrund schwingen in unserem Blick auf die Bilder all die Mythen und wissenschaftlichen Erkenntnisse ums Verhältnis von Sonne, Licht und Erde mit. Zu sehen sind 130 Werke – Gemälde, Skulpturen, Manuskripte, Grafiken, Fotos und Videos, von Künstlern aller Zeiten bis heute, die sich mit der Sonne und ihrem Wachstum generierendem, heilendem oder aber auch zerstörerischem Strahlen befasst haben: Sonia Delaunay, Otto Dix, Albrecht Dürer, Ólafur Elíasson, Adam Elsheimer, Max Ernst, Caspar David Friedrich, Joan Miró, Claude Monet, Edvard Munch, Odilon Redon, Peter Paul Rubens, Katharina Sieverding und William Turner.

Das zentrale Sonnengestirn dieser Ausstellung – einer Kooperation mit dem Pariser Musée Marmottan – ist Monets Gemälde „Impression, Sonnenaufgang“ von 1872. Es gab der Licht-Malerei, dem Impressionismus, seinen Namen. Über einer rötlich flirrenden Wasserlandschaft steht die glutrote Scheibe der Morgensonne, der Brennpunkt der Komposition. Das Meisterwerk verbildlicht die Quelle allen Lichtes auf dem Planeten Erde für die Kunst schlechthin, auch wenn sich seit antiken Zeiten von Feuern und Öllampen die Lichtquellen über Gaslaternen, Glühbirnen, Neonleuchten bis zur heutigen Halogen-, LED- und Laser-Technik verändert haben. Das Sonnenlicht prägte die Ikonographie in der Kunst. Monets Gemälde aus dem Marmottan gehört zu den Bildern, die kaum ausgeliehen werden. Nun kommt Potsdams Barberini, dessen Gründer Hasso Plattner bekanntlich ein passionierter Monet-Sammler ist, doch für zwei Monate in den Genuss. Und wie erwartbar, steht das sonnenhungrige Publikum nach den grauen Wintermonaten geduldig Schlange für diese Sonnenanbetung auf Leinwand.

In der Kunst spielte das Sonnenlicht eine zentrale Rolle, als Zeichen göttlicher Mächte, als mystische Kraft in Sagen und Legendenerzählungen, als atmosphärisches Element in Landschaftsbildern. Und als eigenständige Wirkmacht der Farbe in der Moderne. „Von der Sonne, glaube ich, wirst du die Bestimmung genügend finden, dass sie das Leuchtendste ist von den am Himmel um die Erde wandelnden Gestirnen“, das schrieb der antike Sokrates-Schüler Platon. Und siehe da: In Rubens’ „Sturz des Phaëton“, 1604/05 aus der National Gallery Washington stürzt der ungehorsam-vermessene Sohn des Sonnengottes Helios mit dessen Streitwagen in einem himmlisch gleißenden Leuchtstrahl ab und löst eine kosmische Katastrophe aus. Auch Caspar David Friedrichs „Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne“, 1832/35 aus dem Frankfurter Goethe-Museum feiert kein Sonnenfest, bringt einen eher zu melancholischer Kontemplation: Man weiß nicht, ob die dunstige Sonne nicht gleich verschwindet, statt der winterstarren Landschaft mit kahlen Bäumen durch wärmendes Strahlen neues Leben zu spenden.

Und fast elegisch fällt William Turners „Mortlake Terrace“, 1827, ebenfalls aus der National Gallery Washington, mit diesem matt sonnengelben, unsren Blick sanft streichelnden Himmel aus. Umso intensiver geht es zu auf Félix Vallotons orangenem „Sonnenuntergang“, 1910 aus dem Kunstmuseum Winterthur. Arthur G. Doves „Rote Sonne“ von 1932 aus der Phillips-Collection Washington D.C. scheint als Spiral-Ball auf die Erde zuzurasen, und Katharina Sieverdings Video von sengenden, glühenden Nasa-Aufnahmen des Sonnenballs vermittelt auch die Gefahren, die in diesem faszinierenden Naturschauspiel stecken.

Bei Max Ernst ist die Sonne ein Mysterium, bei Sonia Delaunay ein orphisches, fast prismatisches Farbwunder, Elíasson fängt das Sonnenlicht mit vielfach reflektierenden Spiegeln ein. Beim melancholischen Expressionisten Edvard Munch scheint sogar die Sonne Schreie auszustoßen. Und Joan Miró machte sie, wie ein Kind, einfach zu einem knallroten, lustigen Klecks, oben rechts über einem seiner kopffüßigen Strichmännchen auf grünem Bildgrund.

Museum Barberini, Potsdam: bis 11. Juni. www.museum-barberini.de

Peter Paul Rubens: „Der Sturz des Phaëton“, 1604/05 Foto: National Gallery of Art/Patron’s Permanent Fund
Peter Paul Rubens: „Der Sturz des Phaëton“, 1604/05 Foto: National Gallery of Art/Patron’s Permanent Fund © National Gallery of Art/Patron’s Permanent Fund
William Turner: „Mortlake Terrace“, 1827 Foto: National Gallery of Art, Washington/ A.W. Mellon Collection
William Turner: „Mortlake Terrace“, 1827 Foto: National Gallery of Art, Washington/ A.W. Mellon Collection © National Gallery of Art, Washington/ A.W. Mellon Collection

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