Christel Lechner, "Fotogruppe", o.J.
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Christel Lechner, "Fotogruppe", o.J.

Bingen

Skurrile Mischung auf der Skulpturen-Triennale

  • vonSandra Danicke
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Die skurrile Mischung der Skulpturen-Triennale Bingen reicht vom Kitsch bis zum sozialkritischen Statement.

Es gibt sie tatsächlich, die Lidl-Ruine. Das steinerne Trümmergebilde, das der Künstler Adrian Lohmüller unter dem Titel „Ruine ? L“ in Bingen an den Rhein gestellt hat, kann von jedermann für knapp 1200 Euro online bei Lidl bestellt werden: „Gestalten Sie Ihren eigenen antiken Rückzugsort und schaffen Sie ein Flair aus der Antike“, wirbt das Unternehmen für einen Haufen Steine, den man sich selbst zu zwei kaputten Wänden mit Boden und Fenster zusammenmauern kann.

„Die rustikale Optik der Antikmur-Mauerblöcke lässt sich nahezu in jede Garten- und Landschaftsgestaltung integrieren und verbindet sich harmonisch mit dem Umfeld.“ Der Künstler hat eine Sitzbank und eine Amphore dazu gestellt, fast so, wie es in der Lidl-Werbung vorgeschlagen wird. Man fragt sich natürlich: warum. Warum kauft jemand eine künstliche Ruine?

Das Objekt wirkt bizarr, auch ohne dass ein Künstler es in den öffentlichen Raum in Sichtweite zur Ruine Ehrenfels stellt. Als Readymade kann es nicht so recht überzeugen. Lohmüller hätte bei Lidl auch ein teureres, größeres Exemplar erstehen können, aber womöglich hätte dann das Geld nicht mehr gereicht. 

Der Künstler hat nämlich den Rest seines Ausstellungsbudgets dafür verwendet, nach Griechenland zu reisen, um sich dort echte Ruinen anzuschauen. Das kann man dreist finden. Oder für einen „Beitrag zur Unterstützung Griechenlands in der Wirtschaftskrise“ halten, wie es im Katalog steht.

Lohmüllers Werk ist Bestandteil der dritten Skulpturen-Triennale Bingen: Zwanzig Kunstwerke, die derzeit vornehmlich am Rheinufer einen Parcours bilden, der in diesem Jahr das Motto „Nah und Fern“ trägt. Es ist eine äußerst skurrile Mischung, die die Kuratoren Lutz Driever und André Odier zusammengestellt haben, sie reicht von purem Kitsch bis hin zu sozialkritischen Statements. Das Thema klingt einigermaßen harmlos, es handelt vom Reisen, von fremden Kulturen versus Heimat, bindet jedoch auch die Flüchtlingskrise mit ein.

Die Berlinerin Rebecca Raue etwa hat eine Reihe von Klappbooten aus MDF-Platten in Bingens Basilika gestellt, die an vergrößerte Papierschiffchen erinnern, jedoch keinen Boden haben. Gebaut wurden sie von Flüchtlingen, die mit Booten ihre Heimat verlassen haben. Besonders subtil ist das nicht. Die Flüchtlinge hätten während der Arbeit an den Booten miteinander über ihre Flucht gesprochen, einander erzählt, wo sie gesessen haben, berichtet die Künstlerin. Immerhin.

Überzeugender wirkt da der „Portable Garden“ des Österreichers Lois Weinberger, ein Remake von 1994: Auf einer Wiese neben einem Baum stehen 30 karierte, mit Erde gefüllte Kunststofftaschen, in denen sich Ruderalpflanzen (vulgo: Unkraut) ansiedeln. Pflanzen, die sonst vornehmlich an der Peripherie oder im Brachland wachsen und die vom Menschen meist für wertlos erachtet und deshalb beseitigt werden. Es ist leicht zu erraten, dass diese sich selbst verbreitenden Gewächse vom Künstler metaphorisch eingesetzt werden.

Ebenfalls zu den kritischeren Werken dieser Triennale zählt die Arbeit von Manon Awst und Benjamin Walther, die aus drei oben abgeknickten Edelstahlstelen besteht und sehr minimalistisch aussieht. Trotzdem dauert es nicht lange, bis man die Formen als Zaunpfosten identifiziert, genauer: als abstrahierte Bestandteile eines Grenzzauns, simple, nüchterne Objekte, die in der Lage sind, im Kopf komplexe Geschichten in Gang zu setzen. Bei der Skulpturen-Triennale sind solche Werke eher rar. Zu harmlos sind viele der Exponate, etwa die zwei weißen, übereinander liegenden Sitzsack-Kissen, die Katinka Pilscheur so auf einer Wiese platziert hat, dass man sich drauflegen kann. Die Figurengruppe von Christel Lechner, die lebensgroße Menschen darstellt, die sich für ein Foto aufgestellt haben. Das kitschige, entfernt an die Formensprache Giacomettis erinnernde Liebespaar von Hannes Helmke, das sich verzückt an den Händen hält. Oder die überall am Boden liegenden Handyfragmente von Alexander Endrullat, die in Wahrheit aus Bronze und fest im Boden verankert sind. „Huch“ mag man da kurz denken, mehr nicht.

Den Kuratoren ging es offenbar im Wesentlichen darum, Einwohner und Touristen zu erfreuen, möglichst keinen Kunstlaien zu verschrecken – ein ängstliches Konzept für eine so große Ausstellung im öffentlichen Raum.

Geradezu verstörend wirkt da eine Arbeit von Gregor Hildebrandt: eine gigantische, aus neun Teilen zusammengesetzte Granitplatte mit Lasergravur, die der Künstler auf einer unverputzten Hauswand angebracht hat. Eingraviert ist ein Porträt des Dichters Stefan George, der 1868 in Bingen geboren wurde. Nachdenklich und selbstbewusst blickt er aus dem Bild heraus – in diesem Fall Richtung Rhein auf die Weinberge. Ein Bild, das von Sehnsucht und Melancholie erzählt, aber auch von Kraft und Stärke.

Es ist gar nicht mal nötig, dass man den Dichter identifiziert oder etwas über sein Werk weiß. Das tiefe Schwarz des Granits und die souveräne Pose des Abgebildeten entfalten im Verbund mit dem romantischen Titel „Und mir unendlich fern (George)“ und der Landschaft eine geradezu magische Intensität und (in diesem Kontext unerwartete) formale Wucht, das einem vor Freude einen Augenblick lang die Luft wegbleibt.

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