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Die Türe kann man hinter sich zuziehen.
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Die Türe kann man hinter sich zuziehen.

„Frankfurter Schacht“

Skulptur in der Taunusanlage: Man ist hier ganz bei sich

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Cyprien Gaillards schöner und nützlicher „Frankfurter Schacht“ in der Taunusanlage.

Samstag, 7 Uhr früh: Ein Mann schwimmt quer durch den Main. Die Sonne glitzert im Wasser, die Frankfurter Hochhäuser spiegeln sich, und seine Bewegungen hinterlassen zarte, konzentrische Kreise. Wie Zeichnungen, die langsam verschwinden. Der Mann schwimmt und schwimmt; auf seinem Kopf sitzt eine Kapuze. Endlich steigt er aus dem Wasser, tropfnass. Er trägt Straßenklamotten und Turnschuhe. Die Szene wirkt wie aus einem Horror- oder Science-Fiction-Film. Unweigerlich stellt man sich die Frage: Was muss geschehen sein, damit jemand vollbekleidet in den Main springt. Man fragt sich das, obgleich man natürlich weiß, dass dies eine Performance des französischen Künstlers Cyprien Gaillard ist; sie hat den Titel „Flute“.

Der Künstler, der 1980 in Paris geboren wurde und abwechselnd in Berlin und New York lebt, marschiert nun unbeirrt mit starrem Blick am Schauspiel vorbei zum Willy-Brandt-Platz, hinterlässt dabei Spuren aus Wasser. Wieder denkt man an temporäre Zeichnungen. Auch eine andere Performance kommt einem kurz in den Sinn: 1997 hat der Belgier Francis Alÿs einen Eisblock durch die Straßen von Mexico City geschleift – mehr als neun Stunden lang, dann war der Eisblock geschmolzen.

Als Gaillard an der Euro-Skulptur vorbeikommt, hört man eine Melodie. Da sitzt eine Flötistin und spielt eine kurze, einprägsame Tonfolge. Gaillard umkreist das Euro-Symbol, zwei-, dreimal. Dann läuft er weiter, noch immer pitschnass. Zielstrebig und ein wenig unheimlich wirkend geht er die Taunusanlage entlang, einen Grünstreifen voller Widersprüche. An einem normalen Werktag radeln hier Büromenschen zur Arbeit, verspeisen Banker oder Anwälte ihr Mittagessen auf den Knien, Drogenabhängige setzen sich einen Schuss, Obdachlose lagern. All dies geschieht zwischen Denkmälern, die an diesem Ort bemerkenswert zahlreich sind.

Gaillard umkreist jetzt das Opfer-Denkmal, die Franz-West-Skulptur vor dem MMK-Tower. Er legt eine Tropfenspur um das Schiller-Denkmal, das Haus für Goethe, das Heinrich-Heine-Denkmal, das Beethoven-Denkmal. Wieder und wieder ertönen sanfte Flötenklänge; kurz wundert man sich über den Déjà-vu-Effekt, glaubt, sich etwas einzubilden, doch tatsächlich: Hier und da spielen einzelne Musiker, immer dieselbe Melodie. Gaillard marschiert weiter – und verschwindet schließlich in einem grauen Lüftungsschacht, hinter dem die spiegelnden Zwillingstürme der Deutschen Bank aufragen.

Die Performance ist vorbei, der Künstler zieht sich um, doch der vier Meter hohe Zylinder aus mattgrauem Stahlbeton, der eine Skulptur von Gaillard ist, wird bleiben, mindestens ein paar Jahre. Anders als all die Denk- und Mahnmale hier und anderswo kann man den „Frankfurter Schacht“ benutzen. Wer durch die dicke Metalltür eintritt, die stets nur angelehnt ist, steht in einem oben offenen Rund und staunt. Die Wände sind mit leuchtendem Onyx verkleidet, rosa, von zarten Adern durchzogen. Prachtvoll wirkt das und zugleich ganz schlicht. In den Adern sieht man die unterschiedlichsten Landschaften aufscheinen, man ist hier drin ganz allein, ganz bei sich, könnte lange so schauen. Irgendwann blickt man nach oben, sieht den Himmel, gerahmt wie einen Tondo – und möchte so schnell nicht mehr hinaus.

Nach einer Weile sieht man dann auch mal nach unten: Da steht man auf einem Gitter, unter dem sich ein Abfluss befindet, ab und zu schaltet sich eine Spülung ein. Dieser unfassbar schöne Raum ist zugleich als Toilette benutzbar, ein großer Aluminium-Ring an der Tür sorgt dafür, dass man sie zuhalten kann. Es ist eine Skulptur, die nicht prahlt, sondern dient. Jeder kann hier Schönheit finden – oder Erleichterung. Die, die es nicht wissen, werden achtlos daran vorbei gehen. Doch jenen, die am frühen Samstagmorgen Cyprien Gaillard hierher gefolgt sind, denen hat sich die gespenstische Szene von dem Mann eingebrannt, der in voller Bekleidung pudelnass aus dem Fluss steigt und das Wasser an seinem Körper durch die Stadt trägt.

Die Skulptur befindet sich zwischen den S-Bahn-Aufgängen 3 und 4 der Frankfurter Taunusanlage, gegenüber der Adresse Taunusanlage 12.

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