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Satt waren sie noch lange nicht: Die Ausstellung "Waren und Welten" - Alltagskultur der fünfziger Jahre in Karlsruhe.

Ausstellung in Kalrsruhe

Sind so kleine Bowle-Gläschen

Satt waren sie noch lange nicht: Die Ausstellung "Waren und Welten - Alltagskultur der fünfziger Jahre" in Karlsruhe. Von Natalie Soondrum

Von Natalie Soondrum

Das hätte man nicht gedacht: Dass der ganze Plunder, den man noch von Omas Dachboden und trostlosen Flohmarktständen kennt, zum Gegenstand einer Ausstellung werden würde. Im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe bleibt man erst mal vor der Vitrine stehen und holt tief Luft. Sie ist voller farbiger Vasen, Korkensets, die mit lächerlichen Darstellungen von Köpfen "primitiver Völker" verziert sind, Aschenbecher, moderne Deko-Keramik mit dick verlaufenen Glasuren und Sammeltassen.

Schnell wegdrehen! Doch es hört nicht auf: Der nächste Schaukasten zeigt faltbare Campingstühle samt Tisch, einen Picknick-Koffer mit Geschirr und Besteck - alles aus Plastik und das Urgestein der Outdoor-Küche: einen Esbitkocher. Daneben Party-Gabeln mit zwei Zinken und farbigen Plastikgriffen und ein Bowle-Service mit passenden Spießen - für die in Alkohol getränkten Früchte.

Erst allmählich zeigt sich die Struktur dieser Ausstellung. Die Exponate sind gruppiert wie Waren in Schaufensterauslagen, nicht selten mit handgeschriebenen Preisschildern in D-Mark. Darüber hängen abfotografierte Ladenschilder, an den Wänden Texte zu den einzelnen Geschäften: alles historische Läden, die vor einem halben Jahrhundert in der Karlsruher Innenstadt zu finden waren.

Die Ausstellung "Waren und Welten - Alltagskultur der fünfziger Jahre" präsentiert keine wissenschaftliche Aufbereitung ihrer Exponate. Vielmehr hat der Kurator, Wolfgang Knobloch, der seit Jahrzehnten archäologischer Chef-Restaurator des Museums ist, versucht, anhand der vorhandenen Gegenstände ein Bild vom Alltagsleben der Deutschen in den ersten beiden Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg zu zeichnen. Als er Anfang der siebziger Jahre nach Karlsruhe kam, sei ihm aufgefallen, dass die Sammlung des Landesmuseums sich im Wesentlichen auf das "absolut Kostbare" beschränkte. "Es gibt in den Magazinen der Museen weit mehr Goldschmiede-Gefäße aus dem 18./19. Jahrhundert als alltägliche Holzgefäße."

Mitte der siebziger Jahre wurde er dann selber tätig, ging zu Haushaltsauflösungen und auf Flohmärkte und kaufte das an, was jetzt zu sehen ist. Heute steht Knobloch kurz vor der Pensionierung. Die Ausstellung ist also so etwas wie sein Vermächtnis: Der archäologische Blick auf das Leben in der Adenauer Zeit. Doch was sagt uns der?

Indem die Präsentation der Gegenstände uns in unserem Käufer-Instinkt anspricht, verwandelt sie für die Dauer unseres Besuchs unser Verhältnis zu den Nierentischen und Blumenständern mit verschiedenfarbigen Resopal-Belägen. Dieses ist entweder distanziert (Ach, der alte Plunder!) oder sentimental (Sieh doch, wie früher!). Als Konsument fragt sich der Besucher: "Warum sollte ich mir das denn kaufen?" und versetzt sich so hinein in damalige Konsumbedürfnisse.

Der Besucher kann staunen über den Geschmack, den er gestern hatte, wie die ältere Dame, die ihrer Freundin in der Sektion "Möbelhaus Ehrfeld" eine Einbauküche mit pastellfarbenen Fronten in Rosa, Himmelblau und Vanillegelb zeigt: "Du, so eine Schwedenküche hatte meine Schwester damals auch. Das war der letzte Schrei." Aber wenn er weiter guckt, wird er wieder sensibel für die Wünsche, die hinter dem Bedarf an Waren steckten: Der Hunger, die Angst und die Zerstörung waren kaum vorbei. So zeigt eine wandumspannende Vergrößerung eines Fotos von Karlsruhe um 1955 das wieder aufgebaute Rathaus inmitten einer Ruinenlandschaft. Die Spuren des Krieges waren innerlich und äußerlich noch lange nicht beseitigt.

Im Zentrum der Ausstellung liegt das nachempfundene Kino "Luxor". In der Karlsruher Monatsschau von 1959 fällt neben dem Wunsch nach bürgerlicher Ordnung und dem häufigen Auftauchen von US-Armee-Angehörigen vor allem auf: Es gab keine dicken Deutschen damals. Wohl stattliche ältere Herren, aber keine Übergewichtigen. Die Fresswelle der Wirtschaftswunders endete wohl häufiger in den Auslagen der Geschäfte als in schicken neuen Kühlschränken in properen deutschen Haushalten.

Die Gegenstände selbst erzählen von den Verhältnissen: Es fällt auf, wie winzig das meiste ist, ob Möbel oder Bowle-Gläschen. Die neuen Wohnungen waren nicht geräumig, der Geldbeutel noch nicht gefüllt, außer Knabberzeug, das auf kleinen kitschigen Ständern dargeboten wurde, gab es wohl bei Feiern oft noch nicht viel zu essen. Knobloch macht auf die Camping-Faltstühle aufmerksam: "Die sind so zierlich, die würden heutzutage keinen deutschen Mann mittleren Gewichts mehr tragen können."

Verräterisch ist auch, wie viele der Originalverpackungen bebildert sind, mit einer Art Bedienungsanleitung für die in ihnen befindlichen Gegenstände. So sind auf dem Karton für den Cocktail-Shaker verschiedene Getränke zu sehen, daneben Spirituosen-Flaschen, Eiswürfel im passenden Behälter, aufgeschnittene Orangen und Zitronen - im Hintergrund die obligatorische Zimmerpflanze. Der American Way of Party-Life musste den Deutschen nach den Hungerjahren erst eingebimst werden.

Vor der Schuhauslage laufen der Betrachterin Schauer über den Rücken. Dort stehen Winterstiefel in Reih und Glied. Nicht etwa Schaftstiefel mit hohem Absatz und poliertem Leder, nein unförmige Würfel, außen grober Pelz, innen Wollfutter. Die Sohlen sind aus dickem Gummi. Was einen erschüttert ist nicht die Klobigkeit, sondern der Umstand, dass in den Fünfzigern das Nicht-mehr-frieren-Müssen ein Statussymbol war. Das heißt aber auch: Mit dem Frieren war es immer noch nicht vorbei. 14 Millionen Flüchtlinge und 10 Millionen Ausgebombte konnten nicht im Hauruck-Verfahren am neu aufkommenden Wohlstand partizipieren.

Daran denken wir Heutigen nicht mehr, wenn vom Wirtschaftswunder die Rede ist. Wir haben Bilder im Kopf mit Cabriolets, Caprihosen und Petticoats. Wir vergessen, dass das die Idealbilder waren, denen die Adenauerrepublik nacheiferte. Neben einer deutlich erkennbaren Amerikanisierung gab es aber auch Linien, die fortgeführt wurden: Das Design von Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen ähnelt denen der späten 30er sehr. Auch die Gestaltung von Buch-Umschlägen ist nicht sofort modern, und neben den schicken leichten Möbeln lebt ein schwerer Stil weiter, das Gelsenkirchener Barock. "Wir wollten mit dieser Ausstellung vor allem zeigen, dass der Wiederaufbau nicht von heute auf Morgen vonstatten ging. Das hat seine Zeit gebraucht", sagt Knobloch.

Und manches konnte ohnehin ungestört weiterbestehen in einer Gesellschaft, die einfach nur wieder "normal" leben wollte. Die Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller sangen 1956: "Jetzt kommt das Wirtschaftswunder/ Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder/Die Läden offenbaren uns wieder Luxuswaren/Die ersten Nazis schreiben fleißig ihre Memoiren/Denn den Verlegern fehlt es an Kritik/Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg/Wir sind ´ne ungelernte Republik/ Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg!"

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