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Ausblick, verändert: Simon Starling in der Galerie Neugerriemschneider. Foto: Jens Hau
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Ausblick, verändert: Simon Starling in der Galerie Neugerriemschneider.

Berlin

Simon Starling und Adolph Menzel: 32 000 schwarze Stecknadeln

  • VonSandra Danicke
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Simon Starlings Beschäftigung mit Adolph Menzels Gemälden in der Berliner Galerie neugerriemschneider.

Man sieht gleich, dass hier etwas nicht stimmen kann. Der Blick aus dem Fenster von Adolph Menzels Wohnung in der Berliner Ritterstraße 43 ist einfach nicht wiederzuerkennen. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Architektur heute eine völlig andere ist als vor gut 170 Jahren. Doch selbst wenn man sich den modernen Wohnblock mit den kastenförmigen Balkonen wegdenkt, wird unmittelbar deutlich, dass der Blick aus Menzels Fenster niemals exakt so ausgesehen haben kann wie auf dem Bild „Berliner Hinterhäuser im Schnee“ von 1847/48 mit seinen zahlreichen kreuz und quer stehenden Häusern. Ganz offensichtlich hat Menzel verschiedene Blickwinkel miteinander zu einer glaubwürdigen Ansicht verwoben. Damit hat er, so sieht es Simon Starling, sich einer Technik bedient, die wir heute aus der zeitgenössischen Fotografie kennen, zum Beispiel von Andreas Gursky: Ein fotografisches Bild wird am Computer so lange bearbeitet, bis es „stimmt“.

Starling, bekannt als ein Künstler, der den langen, umständlichen Weg jeder Abkürzung vorzieht, hat Menzels Bild um das Zehnfache vergrößert und es an einem Baugerüst in den Hinterhof vor Menzels ehemaligem Fenster platziert. Dann hat er von innen ein Foto gemacht, auf dem das Bild und ein wenig vom aktuellen Hintergrund drauf sind. Durch Größe und Entfernung erscheint das Gemälde auf dem Foto, als schwebe es in Originalgröße vor dem Fenster.

Das, was mit Photoshop in wenigen Minuten möglich gewesen wäre, ist das Ergebnis einer aufwendigen Prozedur: Zunächst wurde die Oberfläche des Menzel-Gemäldes mit all ihren malerischen Unebenheiten von einem Laserscanner erfasst und anschließend mit einem 3-D-Drucker vergrößert ausgedruckt. Eine Digitalkamera nahm kleine Ausschnitte der bemalten Oberfläche auf. Diese flachen Bilder wurden auf die 3-D-Oberfläche gedruckt, so dass sie durch die Vergrößerung geradezu impressionistisch erscheinen. Anschließend wurde der Rahmen mit Hilfe einer Fräsmaschine hergestellt – selbst die Wurmlöcher sind hier zehnmal so groß.

Das riesige Faksimile ist jetzt in der Berliner Galerie neugerriemschneider gegenüber seiner Fotografie zu sehen. „The Pencil of Menzel & The Path on the Wolf“ lautet der Titel der Ausstellung, die das Werk Menzels auf faszinierende Weise umkreist. Es geht um eine Reihe sehr intimer Bilder, die Starling im Museum Winterthur gesehen hatte, und die den schottischen Künstler faszinierten. Tatsächlich kommt es häufiger vor, dass Starling (Jahrgang 1967) die Werke verstorbener Meister zitiert und sie so in einen zeitgenössischen Kontext hebt. Für „Infestation Piece (Musselled Moore)“ versenkte er 2006-08 eine Stahlkopie der Henry-Moore-Skulptur „Warrior with Shield“ 18 Monate lang im Ontario-See in Toronto, um Zebramuscheln auf ihrer Oberfläche wachsen zu lassen. Jetzt sind es die so genannten privaten Bilder Menzels, die den in Kopenhagen lebenden Turner-Preis-Träger zu peniblen Reflektionen über das Wesen der Fotografie angeregt haben. Tatsächlich arbeitete Menzel zeitgleich mit Louis Daguerre, der mit der nach ihm benannten Daguerreotypie einen Weg fand, Fotografie kommerziell nutzbar zu machen.

Die in der Ausstellung präsentierte Daguerrotypie, die ein Menzel-Gemälde abzubilden scheint, in Wahrheit jedoch nach einem ebenfalls ausgestellten selbst gebauten architektonischen Modell entstand, stammt von Starling selbst. Genauso wie die mit 32 000 schwarzen Stecknadeln nachgebildete Vergrößerung einer historischen Fotografie von Menzels 1908 in der damaligen Berliner Nationalgalerie ausgestelltem Gemälde „Schlafzimmer des Künstlers in der Ritterstraße“ (1847). Die Stecknadeln mit unterschiedlich großen schwarzen Köpfen wirken wie das Halbtonraster eines Offsetdrucks. Dieses Gebilde wiederum hat der Künstler fotografiert und präsentiert es als Kontaktabzug, dem man – weil er so klein ist – den manuellen Zwischenschritt gar nicht ansieht.

Was Malerei, was Fotografie, Objekt oder Skulptur ist, ist bei Starling nicht eindeutig zu bestimmen, wenngleich man stets davon ausgehen kann, dass die Herstellung eine Herausforderung war. Allein die Generierung von Material ist bei dem Künstler immer eine große Sache. Einmal reiste er nach Ecuador, um dort Balsaholz für ein Modellflugzeug zu besorgen, ein anderes Mal suchte er eine Platinmine in Südafrika auf, um dort ein riesiges Loch zu fotografieren, das gegraben wurde, um die Menge von Platin zu erhalten, die für die fünf Platindrucke, die alle besagtes Loch zeigen, benötigt wurde.

Während Simon Starling an der Menzel-Ausstellung saß, wütete die Pandemie, die Ausstellung wurde um mehr als ein Jahr verschoben, und Starling war verblüfft, wie unglaublich zeitgenössisch die Bilder, die Menzel alle zuhause gemalt hatte, mit einem Mal wirkten. Nicht nur, weil sie den Blick aus dem Fenster zeigen und damit an den Lockdown erinnern. „Durch die Pandemie gab es plötzlich diese gesteigerte Sensibilität für die Natur. Es flogen keine Flugzeuge am Himmel, es schien viel mehr Vögel zu geben. Man hatte das Gefühl, dass man den Frühling auf eine viel kontemplativere Weise beobachten konnte, als man es normalerweise tut“, erzählt er. „Eines der Ziele der Ausstellung war es, darüber nachzudenken, wie wir Bilder von der Natur machen und wie sich das verändert hat.“

Mit dem vergrößerten Gemälde, das Starling an den Originalschauplatz montiert und dann fotografiert hat, reagierte er übrigens auf ein Phänomen, das er im Internet beobachtet hatte: Menschen, die historische Fotos an ihren Entstehungsorten hochhalten, um sie dort zu fotografieren.

Galerie neugerriemschneider, Berlin: bis 28. August. www.neugeriemschneider.com

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