Ein Knäuel in der Kunst ist immer mehr als bloß Zufall.
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Ein Knäuel in der Kunst ist immer mehr als bloß Zufall.

Portikus

Signale des Hasses und der Liebe

  • vonSandra Danicke
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"Teaxths and Angeruage": Rätselhaft und faszinierend ist die Frankfurter Ausstellung von Michael Dean.

Die Begrüßung fällt nicht gerade freundlich aus. Wer den Frankfurter Portikus betritt, dem recken sich Fäuste entgegen, rot beschmierte Fäuste, die aus einer roten Betonmasse herausragen, die unweigerlich an ein seltsames Organ erinnert. Gewalt steht im Raum. Auch ganz wörtlich: „You Fuck“ ist auf Seiten zu lesen, die scheinbar aus Büchern herausgerissen sind. Auf anderen sieht man unzählige winzige Maschinengewehre. „Fucksake“ steht auf einem Absperrband. All dies wiederum hängt an einem Baugerüst, das mit einem weißen Staubschutznetz bespannt ist und an den Wänden lehnt, als seien hier Bauarbeiten im Gange.

Man fühlt sich dabei, als sei man drinnen und draußen zugleich. Ganz ähnlich ist der britische Künstler Michael Dean auch in Münster vorgegangen, wo er anlässlich der Skulptur Projekte derzeit den Lichthof des Landesmuseums in eine Art Baustelle mit Müllhaufen – inklusive Poller und Parkuhren – verwandelt hat.

Aber naturgemäß folgt das, was der Künstler scheinbar so spontan und mühelos anordnet, stets einer gewieften Ästhetik. In Frankfurt sind es aus beschriftetem Papier und Plastiktüten geknüllte und geknäuelte Objekte, die Dean wie Schriftzüge über das Netz verteilt hat. „Teaxths and Angeruage“ lautet der kryptische Ausstellungstitel, dessen Hauptworte sich aus „text“ und „death“ sowie aus „anger“ und „language“ zusammensetzen. Begriffe, die das Gezeigte inhaltlich ziemlich genau widerspiegeln. Wut und Sprache. Wirft man einen genaueren Blick auf die Texte, steht man zunächst vor einem Rätsel:

KING FUCKY. Oufuc? Kin gyouf’u ckin gyoufucking.

YO FUCKY. Oufu cking y?

OUF UCKYOU. Fuck, ingy ouf‘ cky ou fucki?

NGYOUGU. Ckyo ufuckin G?

Und immer so weiter. Was aussieht wie die Sprache eines fremden Stammes, ist in Wahrheit aus den Buchstaben des Ausdrucks „You fuck you fucking“ kreiert.

Wer noch genauer hinsieht, entdeckt in der Ausstellung jedoch immer wieder auch Signale der Liebe: „Eyouilo. LLLLL veyoui love you ilov ey ouiloveyouil (...)“. Herrlich.

Tatsächlich beginnt der Künstler, der 1977 im englischen Newcastle upon Tyne geboren wurde, seine Arbeit stets mit dem Schreiben. Anschließend transferiert er seine Texte in dreidimensionale Formen, die er so lange bearbeitet, dass man sie oftmals nicht mehr dechiffrieren kann. Zum Beispiel übersetzt er Buchstaben und Worte in seltsam organisch geformte, archetypische Beton-Objekte, die aussehen, als habe sie irgendwer einfach so zusammengeknetet. Das ist übrigens Absicht. Dean nennt das „demokratische Keramik“. Jeder könnte das machen, hat der Künstler mal erklärt.

Im Detail mag das stimmen und natürlich ist auch jeder in der Lage, eine Buchseite zu zerknüllen. Der Künstler, der in London lebt und 2016 einer der vier Finalisten für den renommierten Turner Prize war, hat jedoch ein präzises Gespür für Raum, Anordnung und ein ausgeprägtes Talent Geschriebenes in Erfahrbares umzusetzen, das nicht Vielen gegeben ist. Seine Installationen sind aggressiv und zärtlich zugleich, sie wühlen auf und werden dennoch gemocht.

Beim Herausgehen stellt man fest, dass die Fäuste, die aus der roten Masse ragen, Kinderfäuste sind. Die Skulptur wirkt nun eher trotzig als brutal.

Portikus, Frankfurt: bis 3. September. www.portikus.de

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