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Anselm Kiefer: Heroisches Sinnbild VII, 1970.

Stuttgarter Staatsgalerie

Signale der Aufklärung

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„Baselitz Richter Polke Kiefer.“ Die jungen Jahre der Alten Meister in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Sehr zu Recht war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Stuttgart gekommen, um durch seine Präsenz eine Ausstellung der dortigen Staatsgalerie auszuzeichnen, die mit seltener Intensität Kunst und Politik als einen Zusammenhang versteht und vor Augen führt. Vier deutschen Künstlern – Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer – ist sie gewidmet. Längst Größen der internationalen Kunstszene im Rang Alter Meister, wird nun von Götz Adriani, als Museumsmann und langjähriger Begleiter der Heroen ein Alter Meister auch er, erinnert an Werke aus ihren frühen Jahren. Weil diese Anfänge der Künstler in die ersten beiden Jahrzehnte nach Gründung der deutschen Bundesrepublik fielen, gesellschaftspolitisch eingedenk der deutschen Vergangenheit eine Phase enormer Spannungslagen, konnte das Vorhaben notwendig kein bloß sentimentaler Rückblick werden. So ist denn auch an den Kunstwerken zu spüren der Wind der Zeit, der durch sie hindurchzog: Wie also das gesellschaftliche Umfeld und Daten der persönlichen Existenz eingewirkt haben auf Phantasie und Vorstellungen der Künstler.

Gerhard Richter: Familie am Meer, 1964.

Diese Einwirkungen sind von unterschiedlicher Deutlichkeit, schwankend zwischen dramatisch direkter Auffälligkeit und eher subtilen Reaktionen. Das Entree der Ausstellung bildet eine Sequenz der bei jedem Wiedersehen aufs Neue imponierenden, großformatigen Gemälde ramponierter Helden von Georg Baselitz aus den frühen Sechziger Jahren, eine Parade von lädierten Einzelfiguren in einem zerfallenden, wüsten Ambiente – Ausdruck der Enttäuschung des Malers an dem, was er nach seinem Wechsel aus der DDR im Westen vorfand. In einem Selbstporträt, entstanden um 1959, malt er sich mit bis zur Verwischung zerfließenden Zügen, so, als kenne er sich selbst nicht. Nur wenige Jahre später aber hat keiner so zwingend wie Baselitz thematisiert, was er als Erscheinungsformen kulturellen Niedergangs wahrnahm.

Von Gerhard Richter sind vor allem die Familienbilder, Ölgemälde nach Foto-Vorlagen, eher subtile Umsetzungen beobachteter Wirklichkeit in Westdeutschland Mitte der Sechziger Jahre: Die Menschen geben sich, etwa das Elternpaar mit zwei Kindern, in „Familie am Meer“ (1964) derart mit aller Macht fröhlich, dass die Ferienszene bei genauerem Hinsehen erschrecken lässt vor der Anstrengung, wie viel an Lasten gerade erst vergangener (und eben nicht vergangener) deutscher Geschichte besinnungsloser Lebensfreude entgegensteht, von keiner noch so heftigen Grimasse zu kaschieren.

Auseinandersetzung mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands

Es waren die Jahre der nun erst, spät, beginnenden Auseinandersetzung mit den Verbrechen Nazi-Deutschlands, eine Periode der Aufklärung, in Gang gesetzt und gehalten von der Frankfurter Schule Adornos und Horkheimers, mehr als in den bildenden Künsten durch das Theater des aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrten Regisseurs Erwin Piscator und den in Stuttgart tätigen Peter Palitzsch, durch Autoren wie Rolf Hochhuth, Peter Weiss, Heinar Kipphardt, Hans Günter Michelsen. Auch die Menschenbilder Richters, in eben nur täuschend idyllischen Situationen das Idyllische als Lüge markierend, enthielten Signale der Aufklärung, Momente der Unruhe, die sich auszubreiten anfing im Land.

Georg Baselitz: Verschiedene Zeichen, 1965.

Sigmar Polke, mit dem jungen Gerhard Richter einst freundschaftlich verbunden, verstorben 2010, von den vier Meistern der Ausstellung also derjenige, dessen Werk abgeschlossen ist, liefert dem Projekt Götz Adrianis die Einlage eines ironisch-heiteren Divertimentos. Auch Polke hatte eine feines Gespür für die Irrwege der Gesellschaft damals, ihre verfehlten Träume (etwa die kitschigen Hollywood-Wunschbilder des „Liebespaars“ in dem gleichnamigen Bild von 1967), die falschen Tröstungen durch die Kunst (in der Persiflage des Dürer-Hasen), die Erwartungen von Genuss im Wirtschaftswunderland, verulkt in „Würstchen“ (1964). Erstaunlich, wie rasch manche Künstler das neue Spießertum erkannten und kritisch ins Visier nahmen. „Einen Jux will er sich machen“, Polke tendierte dazu – aber wie in Nestroys Komödie war ein Schmerz am Bestehenden, an den Verhältnissen wie er sie vorfand, immer dabei.

Auffällig, dass für die vier Künstler – fehlt nicht Markus Lüpertz im Kreis der Erwählten? – während ihrer Jugendjahre, in dem Zeitabschnitt, auf den in Stuttgart die Aufmerksamkeit gelenkt wird, das Figürliche noch bestimmend war. Im Oeuvre Gerhard Richters wird sich das, obwohl er sporadisch auch zur Gegenständlichkeit zurückkehrt, bald ändern. Die Abstraktion, die Abwendung von Gegenstand und Figur, war für die erste Nachkriegs-Generation westdeutscher Maler (anders als für die Künstler in der DDR), für K.O.Götz, Emil Schumacher, Bernard Schultze, Peter Brüning, Gerhard Hoehme, unter anderem auch ein Mittel, sich gegen die Vergangenheit neu zu definieren. Es waren dann auch Einflüsse der englischen und amerikanischen Pop-Art, die in Westdeutschland eine Wiederkehr des Gegenständlichen (etwa bei Konrad Klapheck) veranlassten.

Die Last der Vergangenheit

In Anselm Kiefers bisherigem Gesamtwerk war dieser Methodenstreit von Anfang an (und ist es bis heute) ohne Bedeutung. Während der in Stuttgart jetzt befragten Jahre entstehen, in Öl auf Sackleinen, Ende der Sechziger, die Selbstbilder in Auftritten mit dem Hitlergruß an verschiedenen markanten Orten, Kiefer nennt sie „Besetzungen“ – der Versuch, für sich nachzuvollziehen, was die Väter empfunden haben könnten, als sie den Diktator hochleben ließen. Die weitere Entwicklung Kiefers bezeugt, dass die Last der Vergangenheit zu tragen, ihn nicht freigegeben hat, ihm Aufgabe geblieben ist, Lebensthema.

„Unrat auf dem Stadtrasen“ hatte Kiefer 1969 das entsprechende Foto in einem Sammelband genannt, Titel des Bandes: „Du bist Maler“. Von Gerhard Richter sieht man (aus dem Bestand des Museums Burda in Baden-Baden) das eindringliche Bild „Schloss Neuschwanstein“ (1963), das berühmte Bauwerk im Zentrum hell, aber relativ klein, seine Zinnen geformt wie die Spitzen von Raketen, die Umgebung als Endzeit-Landschaft, in bedrohlichem Dunkel. Von Kiefer und Richter: Zwei Elends-und Schreckensbilder aus Deutschland. Es gibt in der Ausstellung mit den Leihgaben aus prominenten Privatsammlungen wie denen von Froehlich in Stuttgart und Ströher in Darmstadt viele Momente, die begreiflich werden lassen, was die Maler verbindet. Und zu allen Zeiten Merkmal großer Kunst war: Der Wille und die Energie, widerständig zu sein.

Staatsgalerie Stuttgart: bis 11. August. Anschließend in den Deichtorhallen in Hamburg. www.staatsgalerie.de


Zur Info: Das Standardwerk 

In aller Regel werden Ausstellungen dieses Formats, hilfreich für das Verständnis, von Katalogen begleitet. Jetzt in Stuttgart hat der Besucher es jedoch zu tun mit sehr viel mehr. Was der dafür verantwortliche Götz Adriani mit dem 350 Seiten starken Band erstellt hat, kann hinfort als

DAS Standardwerk nicht nur für die Entwicklung der Kunst in Deutschland zwischen den späten fünfziger Jahren und heute, sondern auch für die zeitgleichen gesellschaftspolitischen Realitäten gelten. Erreicht wird das, in dem Adriani, in Gesprächen, die er manchmal in mehreren Phasen über Monate hin mit ihnen geführt hat, die Künstler Baselitz, Richter und Kiefer zu Zeitzeugen hat werden lassen. Und dabei auch er selbst – von dem das Publikum vor allem seiner Museumsleitung in Tübingen, aber zuvor auch schon als unnachgiebig genauer Betreuer des Werks von Joseph Beuys in Darmstadt viel zu gewinnen hatte – sich klug in das Epochen-Panorama einbringen konnte. Es bleibt in den Texten dieses Bandes, in dem allein den Äußerungen von Gerhard Richter 86 jederzeit spannende Seiten füllen, kein Satz nur stecken im Kleinen. Auf dieses Buch wird zurückgreifen können, wer wissen will, wie alles gekommen und gewesen ist.

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