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Ein Ölgemälde, das ein Foto malt: Ralph Goings? "Airstream" von 1970.
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Ein Ölgemälde, das ein Foto malt: Ralph Goings? "Airstream" von 1970.

Deutsche Guggenheim Berlin

Die sichtbare Kopie

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie der kalifornische Fotorealismus die Augen öffnet: Was anfänglich wie der Abklatsch eines Abklatsches wirkt, entpuppt sich als Teil der Revolte. Von Arno Widmann

Wer heute in die Deutsche Guggenheim in Berlin Unter den Linden geht, sich dort die amerikanischen Fotorealisten der 60er und 70er Jahre ansieht, der wird eine Überraschung erleben. So biedermeierlich hatte er zum Beispiel Richard Estes' Straßenansichten nicht in Erinnerung. Die penible Akribie, mit der jede Straßenansicht nicht nur sagt: ich bin eine Straßenansicht, sondern auch Wert darauf legt, dass jeder Betrachter bei ihrem Anblick an die Kühle der niederländischen Straßenansichten des 17. Jahrhunderts, allen voran an Vermeers "Straße in Delft" denkt, hat etwas von pompöser Buchhalterei.

Biedermeierlich erscheinen diese Bilder nun, weil sie als Abklatsch eines Abklatsches sich zeigen. Es sind die alten Sujets, die alten Techniken. Es ist der Versuch, die neue Metropole, das New York der 60er Jahre mit den Augen eines Bewohners einer der alten europäischen Metropolen zu sehen. Es ist eine Kunst, die feiert, was ist. Die Kunst stellt nicht in Frage. Sie zerreißt nicht die Realität. Sie bildet sie ab.

Dennoch, als wir diese Bilder das erste Mal sahen - es war 1972 in Kassel auf der Documenta - nahmen wir sie als Revolution wahr. Ihr Einverstandensein mit ihren Gegenständen, die Selbstgewissheit, mit der sie ihre Umgebung einfach zu verdoppeln schienen, platzte hinein in die Epoche der Kritik. Der war der Fotorealismus ein Ärgernis. Die Kritik konnte das Altmeisterliche nicht ernst nehmen. Eine Kunst, die nicht nach ihrem Wozu fragte, sondern ganz aufzugehen schien in den Anstrengungen und in den Wonnen der Abbildung.

Wer sich in der Ausstellung von Estes' Straßenbildern entfernt, wird umgehauen werden von Ralph Goings' "Airstream" aus dem Jahre 1970. 152 Zentimeter hoch und 214 Zentimeter lang steht der glänzende Wohnwagen da. An diesem Bild begreift man die Faszination des Fotorealismus. Was man bei Estes als Abklatsch eines Abklatsches wahrnimmt, erkennt man hier als ein Ölgemälde, das ein Foto malt. Der Fotorealismus wird als Medienkunst kenntlich. Es geht nicht um Abbildung, sondern es geht um die Thematisierung der Abbildung. Wir bekommen vorgeführt, dass wir die Welt nicht sehen. Wir nehmen sie über Bilder wahr.

Der Fotorealismus wird als die eigentlich kritische Kunst sichtbar. Er stellt nicht die Welt in Frage, sondern unsere Fähigkeit, sie zu erkennen. "The medium is the message" des Kanadiers Marshall McLuhan war 1967 erschienen. Die kalifornischen Fotorealisten entrissen diese Erkenntnis den Buchdeckeln und brachten sie auf die Leinwand.

Sie leihen sich ihr Licht nicht mehr von den Niederländern, sondern sie werfen ein Licht auf die. Ralph Goings' "Still Life with Creamer" von 1982 hat ein Strahlen, eine haptische Qualität, die einen erkennen lässt, dass der Hauptreiz des überwältigenden Realismus der niederländischen Malerei wohl doch auch darin lag, dass sie die Malerei reflektierte, dass das Medium sich selbst zum Thema machte.

Es heißt, fast jeder zehnte Bewohner der Niederlande habe damals gemalt. Das heißt, man hatte es mit einem Publikum zu tun, das im Umgang mit Bildern, mit ihrer Herstellung und Verwertung fast schon so geübt war wie das heutige, das ja jedes Ereignis selbst fotografiert. Für die Künstler bedeutet das - damals wie heute -, dass auch scheinbare Insiderwitze von vielen Zuschauern verstanden wurden.

Wenn der heutige Betrachter der niederländischen Malerei nur die Abbildqualität zu schätzen weiß, so liegt das daran, dass er den technischen Standard der Malerei unterschätzt, dass er über die Abbildtechniken nichts mehr weiß. So sieht er nicht, dass in den alten Bildern nicht nur eine Straße abgebildet, sondern auch der Vorgang des Abbildens vorgestellt wird.

Dafür hatte der kalifornische Fotorealismus uns wieder die Augen geöffnet. So prächtig, ja knallig er war, so reflektiert war er doch. Er war ein sehr bewusster Ausbruch aus der Welt der Dinge in die Welt der Bilder. Er war ein Teil der Revolte. Adorno erzählt, wie Charlie Chaplin ihn erschreckt habe, als er ihm so die Hand gab, wie er, Adorno, den Leuten die Hand gab. Wir reden von Nachäffen und schätzen es gering. Als Mimikry aber nahm es in der antiken Kunsttheorie eine zentrale Stelle ein. Vielleicht steckt auch das in der täuschenden Nachbildung: Die Botschaft, dass von allem ein Klon hergestellt werden kann, dass nichts einzigartig ist, dass wir alle ersetzbar sind.

Die kalifornischen Fotorealisten aber legten Wert darauf, die Kopie sichtbar zu machen. Nicht nur das Kopierte. Aus dieser Doppelbewegung wächst ihre Kunst. Wer durch die Ausstellung geht, den befällt der Verdacht, dass diese riesigen Ölbilder die vielfach verspiegelte Welt unserer Gegenwart, die Explosion der Realität in immer neuen Medien vorwegnehmen. Sie, die wir einst benutzten, um die alten Niederländer zu verstehen, haben uns in Wahrheit aufgeklärt über die uns bevorstehende Zukunft, haben uns geholfen, uns in ihr zurechtzufinden.

Deutsche Guggenheim Berlin: bis 10. Mai.www.deutsche-guggenheim-berlin.de

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