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Bewaffnet, aber arg leicht bekleidet und im ehrlichen Kampf von mannhaften Griechen durchaus zu besiegen: eine  Amazone aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.
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Bewaffnet, aber arg leicht bekleidet und im ehrlichen Kampf von mannhaften Griechen durchaus zu besiegen: eine Amazone aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.

Historisches Museum Speyer

Vor wem man sich in Acht nehmen sollte

Die Griechen nahmen sie schon allein deshalb ernst, weil die Abwertung des Gegners den eigenen Sieg kleinredet: Die Amazonen. Eine sehr ergiebige Amazonen-Ausstellung im Historischen Museum Speyer beschäftigt sich mit ihnen von der Mythologie zur Realität.

In einer kriegerischen Welt muss es auch Amazonen geben. Eine Vorstellungskraft, die Seeungeheuer und Götter ins Schlachtengetümmel schickt, wird ebenso durchspielen, wie sich Frauen im Feld schlagen könnten. Recht gut, sofern sie bequeme Kleidung tragen, vorzügliche Reiterinnen sind, effiziente Waffen besitzen, Mut mitbringen und eine Fähigkeit zur rabiaten Aufopferung, die sich etwa in dem Ritual niederschlagen könnte, die rechte Brust zu amputieren. Sie soll nicht die Bogenführung behindern, und der Vorgang soll das Publikum tüchtig verschrecken.

Amazonen, auch das lehrt Speyers Ausstellung zu den „Geheimnisvollen Kriegerinnen“, erscheinen den Griechen aber nicht als Flintenweiber-Jux, sondern als ernstzunehmende Gegner (nicht zuletzt, weil die Griechen klug genug sind zu wissen, dass die Abwertung des Feindes den eigenen Sieg kleinredet, haben sie vorrangig ernstzunehmende Gegner).

Gerade dass die Amazonen „männergleich“ sind – in Homers „Ilias“ –, macht sie zu einem mythologischen Gegenbild zu allem Vertrauten. Die fantasievollen Erzählvarianten, was ihren Umgang mit Männern und Kindern betrifft – sie reichen von brutaler Auslese bis zu friedfertigen, aparten Arrangements –, zeigen, dass die erotischen und psychologischen Aspekte ebenfalls durchgespielt werden wollen. Achill, allerdings generell leicht entflammbar, verliebt sich antiken Quellen zufolge jäh, als er der besiegten, sterbenden Penthesilea den Helm abnimmt und in ihr Gesicht blickt.

Die weit entfernten Anderen

Eine ernste Bedrohung für das eigene gesellschaftliche System stellen Amazonen nicht dar und dürfen es auch nicht. Sie sind die weit entfernten Anderen – stets ansässig außerhalb griechischer Siedlungsgebiete, definitiv jenseits der „Zivilisation“ –, ein Abenteuer mehr, das es zu bestehen gilt. Die griechischen Helden haben schwer zu kämpfen, aber sie bestehen es immer.

Man muss also in einer kriegerischen Welt darauf kommen, dass es auch Amazonen gibt, wenngleich sie zu den Lebzeiten der antiken griechischen Dichter nicht mehr anzutreffen sind. Auf den Darstellungen aber wandelt sich ihre Tracht: Tragen sie zunächst kurze griechische Röckchen, werden sie seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. auch in skythischer Kleidung gezeigt: gemusterte Ganzkörpertrikots mit ausgeprägt zipfelnden Mützen.

Das Vordringen der Griechen in Richtung Schwarzmeer bringt sie in die Regionen, in denen sie die Amazonen schon vermutet hatten und nun auf äußerst wehrhafte Skythen stoßen, unter ihnen Frauen, deren Lebensweise sich von der griechischer Bürgerinnen deutlich unterscheidet. So trifft die Mythologie in unüblicher Abfolge auf die Realität. Herodot schildert nun, wie die Amazonen einst im Volk der Skythen aufgangen seien und so zum Volk der Sauronauten wurden, eine sich weit verbreitende Lesart, die Mythologie und Geschichte geschickt verbindet. Waffenfunde in Frauengräbern auf skythischem Siedlungsgebiet belegen die Schnittmenge zwischen Dichtung und Wahrheit.

„Kleine, zierliche Krieger“

Sich damit zu befassen, ist ein Balanceakt, den man jetzt im Historischen Museum Speyer von sicherem Terrain aus beobachten kann. Denn mit der Amazonen-Ausstellung demonstriert das Haus, das sich seit Jahren auf hohem Niveau mit Lieblingsthemen auseinandersetzt (Wikingern, Hunnen, Hexen), einmal mehr, wie Fantasie und Wirklichkeit sorgfältig auseinander gehalten werden können, ohne dass die Faszination darunter leidet. Vielmehr taucht der Besucher ein in eine blaustichig schummrige, aber an den entscheidenden Stellen gut ausgeleuchtete Welt. Eine übermannsgroße Amazone erwartet ihn hier, zusammengesetzt als Gipsabguss aus sonst über die sammelnde Welt verstreuten Einzelteilen. Und das Publikum darf im Folgenden staunen über gut gerüstete Krieger beiden Geschlechts und die filigranen Arbeiten der Künstler, die nicht müde wurden, Amazonen zu formen und zu malen (so dass wie häufig in Ausstellungen der Eindruck entsteht, es gäbe bald nichts anderes mehr auf der ganzen Welt).

Nach der mythologischen Übersicht geht es zum realen Anteil und den teils spektakulären Leihgaben unter anderem aus der Ukraine, aus Russland und Georgien. Dazu gehören Objekte wie die erstmals in Deutschland gezeigten Funde aus dem Grabhügel Ak-Alacha 1 aus dem Altai, in dem neben einem Mann auch ein junges Mädchen bestattet wurde. Ihre kriegerische Ausstattung unterscheidet sich nicht von der ihres Begleiters, keine Rede kann sein von Zierwaffen, die sich für einen echten Kampf nicht geeignet hätten. Von hier aus lehrt die Schau zumindest Misstrauen: Könnte es sich bei manchem „auffällig kleinen, zierlichen“ Krieger um eine Kriegerin handeln?

Kläglich ist allein, was daraus in unseren Tagen wurde: ein Synonym für Sportreiterinnen, wenn das Wort Reiterin schon zu oft fiel, eine Männerfantasien sattsam bedienende Abfolge von sexy Comic- und Film-Heldinnen. Erschütternde Bilder zeigen die „Amazonen von Dahomey“, einst die Elitetruppe eines westafrikanischen Königreiches, im 19. Jahrhundert heruntergekommen zum Jahrmarktsspaß für Europäer, die schon alles gesehen haben. Die Griechen der Antike hingegen wussten noch, dass Amazonen Menschen sind, die anders leben und vor denen man sich in Acht nehmen muss, wenn alles so bleiben soll, wie es ist.

Historisches Museum Speyer: bis 13. Februar, Katalog (Edition Minerva) 24,90 Euro. www.museum.speyer.de

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