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Sibylle Bergemann: „Ich gehe los. Ich beobachte. Ich bin still. Ich warte und warte“

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Von: Ingeborg Ruthe

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Sibylle Bergemann: Mauerpark, Berlin, 1996. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin
Sibylle Bergemann: Mauerpark, Berlin, 1996. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin © Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin

Eine Berliner Ausstellung für die unverwechselbare Fotografin Sibylle Bergemann

Die Bergemann“. In der Fotografie-Szene klang das so, als würden Filmfans „Die Dietrich“ sagen. Sibylle Bergemann, geboren 1941 in Berlin, gestorben 2010 in ihrem brandenburgischen Refugium Margaretenhof, gilt als Legende. Als sie das, Jahre vor ihrem frühen Tod, hörte und halb erschrocken, halb amüsiert reagierte, kam dieser lakonische Spruch: „Ist doch nichts Besonderes. Die haben’s nur einfach nicht gemerkt!“ Wer sie war und wie sie fotografierte – das ist nun in der Berlinischen Galerie in einer unvergesslichen Ausstellung zu erleben.

Der Bergemann-Stil ist unverwechselbar. Nie fehlt es darin an Respekt vor Menschen und Lebensumständen. Ob das im Nachkriegsberlin, im Moskau der Achtziger war oder später in den Straßen von New York, Paris, Rio, Hanoi, Dakar. Ihre von Fernweh und Empathie fürs Fremde inspirierten Aufnahmen sind seit 1990 in Magazinen wie „Geo“, „Spiegel“, „Stern“ sowie im „New York Times“-Magazin zu sehen. Die Fotoredaktionen schätzen diese Art von effektlos-schönen Bildern einer Künstlerin, die nicht revoltiert hat, aber auch nicht still in ihrer DDR-Nische saß. Sie hat ihre Fotokunst ästhetisch ins Eigensinnigste gedehnt.

Diese wortkarge Fotografin, die von 1966 an bei ihrem späteren Mann, dem DDR-Foto-Star Arno Fischer in die Lehre ging, gehörte wie dieser, ebenso wie der Künstlerfreund Roger Melis und die immer nach dem Wesentlichen suchenden Fotografinnen Helga Paris oder Evelyn Richter zu den Meisterhaften ihrer Zunft im deutschen Osten. Dann, nach 1990, sicherte sie sich unangepasst an Trends und Konkurrenzdruck ihre fotografische Autonomie im wiedervereinten Land.

Da ist dieses junge Mädchen auf der Schaukel im Mauerpark, aus der Berlin-Serie zur Wendezeit. Furchtlos schwingt sie sich in den Himmel, die fliegenden Haare sind wie Fühler, die sich in die Welt ausstrecken. Die Aufnahme der Szene verrät, woher Bergemann ihr Gefühl für den einzigartigen Moment hat. Cartier-Bressons „Mitten im Sprung erstarrt die Zeit…“ spricht daraus. Aber auch die Leidenschaft, aus der Magnum-Maxime etwas sehr Eigenes zu machen. Etwas, das sich herauswagt aus dem Kanon der Vorbilder, aus dem, was bloß nachgeahmt werden kann. Wer mit ihr unterwegs war auf Reportage – Journalisten und Journalistinnen, oft auch Schriftsteller oder Schriftstellerinnen – kann beschreiben, wie sie arbeitete: Sie fotografierte mit unendlicher Geduld, unaufgeregt, achtsam. „Das verwechseln dann manche mit Langsamkeit“, meinte sie und beschrieb ihre Arbeit so: „Ich gehe los. Ich beobachte. Ich bin still. Ich warte und warte. Und dann, in einem jähen Moment, baue ich das Motiv.“

Meist fand Sibylle Bergemann es recht zutreffend, eine poetische Realistin genannt zu werden. „Mich interessiert der Rand der Welt, nicht die Mitte. Das Nichtaustauschbare ist für mich von Belang.“ Bergemanns Bilder zeigen mehr als bloß Oberfläche. Immer geht es um Persönlichkeit statt um Pose. Ihre Porträtkunst macht ein Gesicht, sei es das von Arbeiterinnen, alten Leuten, das von Schauspielerinnen wie der soeben verstorbenen Eva-Maria Hagen, von Angelica Domröse, Katharina Thalbach oder Meret Becker, zur Biografie zwischen Kinn und Stirn. Zumindest ahnungsvoll, wenn es ein junges ist. Und es ist meist das Beiläufige, Nebensächliche, das in ihren Bildern zum Wesentlichen führt.

„Stadt Land Hund“, die etwas kuriose thematische Reihenfolge dieser von Katia Reich kuratierten Retrospektive ist exemplarisch für die Bergemann. Sie fotografierte als „Stadtfrau“. Und erfüllte sich, was viele Bilder erzählen, diese romantische Sehnsucht nach dem Landleben. In den Siebzigern waren das etliche Jahre auf dem malerisch maroden Schloss Hoppenrade. Natürlich mit Hund. Und danach, bis zum letzten Atemzug, auf dem Margaretenhof bei Gransee, in einem Neubauernhaus mit brütender Wildgans, mit einer alten Kuh, die Arno Fischer vor dem gewalttätigen Bauern gerettet hatte. Und selbstredend mit Hunden.

Aber sie hatte immer auch noch eine kleine Wohnung in Berlin. So winzig wie die erste ihrer symbiotischen Beziehung mit Arno Fischer, in der Hannoverschen Straße 2. Sie macht davon gleichsam Boheme-Motive. Die Küche auch als Fotolabor, Tochter Frieda, die ihre Schularbeiten macht. Auf dem Fensterbrett werden Vögel gefüttert. Und trotz der Enge kommen die Freunde aus der Szene, um über Kunst, Gott und die Welt zu reden.

Zum „weiten Feld“ wird ab 1976 die Wohnung Schiffbauerdamm 12. Das sind 160 Quadratmeter, Ofenheizung, Ausstellungswände, alte Sofas und Sessel, in denen die namhaften Fotografenfreunde aus dem Osten sitzen. Und es kommen über den nahen Grenzpunkt Friedrichstraße Fotolegenden aus dem Westen wie Cartier-Bresson, Ellen Auerbach, Robert Frank, der in Paris lebende Tscheche Josef Koudelka. Nach dem Fall der Mauer gründen Fischer und Bergemann hier die Fotoschule am Schiffbauer-damm. Doch 2004 müssen sie raus: Gentrifizierung. Margaretenhof wird Fluchtort.

Zugleich beginnt das Kapitel Fotoagentur Ostkreuz, Gründung 1990. Die Bergemann ist maßgebliches Gründungsmitglied, zusammen mit Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald, Jens Rötzsch, Thomas Sandberg, Harf Zimmermann. Das nach dem genossenschaftlichen Vorbild der Fotoagentur Magnum ausgerichtete Bündnis erweist sich als Erfolgsprojekt.

Sommer 2010. Ostkreuz feiert den „20.“, die Bergemann kommt. Still, mager, mit wachem Blick. Alle umschwärmen sie. Ringsum an den Wänden des C/O Berlin hängen ihre Fotos. Die alten, die neueren. Sie bleibt nur kurz. Der Krebs, dem sie sich seit Jahren zäh widersetzt, verzehrt ihre Kräfte.

Unterwegs, im eigenen Land oder in fremden Gegenden der Welt, gerieten Bergemanns Motive immer verhalten, ganz dem Gegenstand zugewandt. „Ich fand Orte, die ihre eigenen Geschichten von Veränderungen, Verwandlungen erzählen“, sagte sie. Diese Erzählungen sind in der Berlinischen Galerie ausgebreitet als reine Poesie. Als „verblassende Erinnerung“: Melancholisch schön, doch unsentimental – eine rostige Eisenbahnbrücke, selbst der ruinierte Palast der Republik.

Nur wer diese Nichtorte kennt, wird sich an sie erinnern. Wer die Zeit, die sie zitieren, nicht erlebt hat, wird sie mühelos anderswo verorten. Es sind diskrete Mitteilungen vom Wandel. Niemand konnte wie Sibylle Bergemann eine zweite, eine dritte Ebene in die schwarz-weißen oder dann immer öfter farbigen Bilder hineinweben, so als wäre die Kamera ein Webstuhl, dessen Schiffchen eilends, aber akribisch Seidenfäden hin und her wirft und dann akkurat zu einem Stoff verarbeitet.

Berlinische Galerie: bis 10. Oktober, www.berlinischegalerie.de

Meret Becker, Berlin 1998. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ
Meret Becker, Berlin 1998. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ © Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ
Clärchens Ballhaus, Berlin 1976. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin
Clärchens Ballhaus, Berlin 1976. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin © Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ, Courtesy Loock Galerie, Berlin
Selbstporträt, Berlin 1986. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ
Selbstporträt, Berlin 1986. Foto: Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ © Estate Sibylle Bergemann/OSTKREUZ

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