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Hinter dem Schleier

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Von: Ingeborg Ruthe

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Shirin Neshats Selbstporträt „Unveiling“ an der Neuen Nationalgalerie Berlin.
Shirin Neshats Selbstporträt „Unveiling“ an der Neuen Nationalgalerie Berlin. © dpa

Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat solidarisiert sich mit den protestierenden Iranerinnen.

Berlin – Etwas ist anders als sonst am Samstagnachmittag auf der Terrasse vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Die meisten Menschen verharren eine Weile vor dem riesigen Banner, das neben dem Eingang des Museums hängt. Es reicht vom Dach des Mies-van-der-Rohe-Baus bis auf den Vorplatz. Die Leute vertiefen sich in das ernste, schöne, mit Kalligrafien überschriebene Gesicht der Frau im Hidschab: „WOMAN LIVE FREEDOM“ steht es in Lettern ganz unten auf dem Plakat. Und das Gleiche nochmal darunter in Farsi.

Es ist Shirin Neshats Selbstporträt „Unveiling“ (Enthüllen/ Entschleiern) aus ihrer Serie „Women of Allah“. Die entstand schon in den 90er Jahren und brachte ihr den künstlerischen Durchbruch. Ihr Antlitz hat sie mit Textauszügen in Farsi der iranischen Dichterin Forough Farrokhzad überzogen. Es ist Poesie, die sich wie eine Schicht über die Gegenwart legt, über den Protest, die Angst, die Wut. Irans Frauen wehren sich, sind wehrlos und verletzlich. Aber sie wehren sich trotzdem. Wieder und wieder.

Tuch und der dunkle Mantel wurden zur Uniform

Neshat, geboren 1957 in Qazvin, inzwischen eine weltberühmte Bildkünstlerin und Filmemacherin – am 3. November kommt ihr neuer Film „Land of Dreams“ in die deutschen Kinos – machte den wiederkehrenden Protest iranischer Frauen gegen das Mullah-Regime schon auf der Documenta 11 kunstwürdig. Und nun ist es wieder höchste Zeit, einen Teil ihres noch immer brisanten Werkes erneut zu zeigen.

Nationalgalerie-Direktor Klaus Biesenbach, der schon am New Yorker MoMA mit Neshat arbeitete, konnte rasch organisieren, dass dieses Banner nun in Berlin hängt. Als Zeichen, als Signal. Freilich: Da, wo es am wirkmächtigsten sein könnte, darf die schon als 17-Jährige nach New York gegangene Künstlerin – für das Regime natürlich längst eine Unerwünschte –, es nicht zeigen. In ihrem einstigen Heimatland führen die Mullahs mit ihren Schergen und Bütteln Krieg gegen Frauen, gegen das eigene Volk. Und so kann das markante Plakat an einem Ort der Gegenwartskunst zumindest ein Symbol sein, für Demokratie und Frauenrechte.

Neshat solidarisiert sich erneut mit den Iranerinnen, und das mit ihrem eigenen, zu dieser Zeit noch sehr jungem Gesicht unterm schwarzen Tuch. Das hat sie nach ihrem Weggang abgelegt, derweil die Zustände für Frauen in ihrer Heimat immer krasser wurden. Vor der Revolution 1979 war westliche Mode im Iran akzeptiert, danach aber wurde eine verhüllende Kleidung Pflicht. Mit der Zeit konnten Frauen nur noch mit Mantel – „Manteau“ genannt – und Kopftuch auf die Straße gehen. Als die Proteste gegen den Hidschab, der nur das Gesicht frei lässt, scheiterten, wurden das Tuch und der dunkle Mantel gleichsam zur Uniform.

„Ich bin eine Nomadin“

Als Shirin Neshat ihre Serie „Frauen Allahs“ um 2000 herum öffentlich zeigte, schrieb die westliche Kunstkritik, dies sein nun der Aufbruch in die islamische Moderne. Seither erleben wir ihre Kunst als die einer Frau, die der alten islamischen Welt entfremdet ist und sich in der neuen Welt dennoch immer als Außenseiterin fühlen muss. „Exil“, sagt sie, „bedeutet, man hat keine andere Wahl. Die Abwesenheit von Möglichkeiten. Ich hingegen besitze sehr viele Möglichkeiten im Vergleich zu meinem Land. Ich bin eine Nomadin. Ich kenne keine Grenzen. Ich kann überall hinreisen und es sind meine Gedanken, meine Ideen, die mir neue Wege weisen.“

Dieser seelische Widerspruch zwischen ihrer Situation in der westlichen Freiheit im Vergleich mit ihren iranischen Schwestern aber ist ihr Antrieb für eine Kunst, die den Zeit-Nerv trifft und zudem für Menschen aller Sprachen und Kulturen verständlich ist. Denn dass die Protestbewegung gegen die Mullahs von iranischen Frauen angeführt wird, das könne, hofft die Künstlerin inständig, möglicherweise sogar die erste weibliche Revolution in der Weltgeschichte sein. (Ingeborg Ruthe)

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