Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ohne Ironie, mit Erlösungsschweiß: Kathrin Angerer und Trystan Pütter in der Bretterbude voll Sehnsucht und Verwirrung.
+
Ohne Ironie, mit Erlösungsschweiß: Kathrin Angerer und Trystan Pütter in der Bretterbude voll Sehnsucht und Verwirrung.

Volksbühne

Oh du Selige

Von der Religion zur Frömmigkeit: Frank Castorf hat „Die Wirtin“ von Dostojewski an der Volksbühne inszeniert. Zweieinhalb Stunden ohne Pause an einem Abend der Seelenzustände installiert.

Von Dirk Pilz

Einmal fällt Kathrin Angerer vor dem kleinen, mit Kerzen und Ikonen bestückten Bühnenaltar auf die Knie, als sei sie eine der drei Pussy-Riot-Frauen, die wegen ihres Punk-Gebets in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wegen Rowdytums angeklagt und dem Vorwurf der Blasphemie ausgesetzt wurden. Von diesem Verdacht ist Kathrin Angerer an diesem Abend gänzlich frei; sie spielt eine Fromme seltener Reinheit, frei von allem Rowdytum.

Einmal, zum Schluss dieses pausenlosen Zweieinhalbstünders in der Volksbühne, stellt sich Hendrik Arnst an die Rampe und lässt das Publikum im schönsten Hinterhofschnodderton wissen, dass „der Frank ein ehrenwerter, alter Mann“ und keineswegs gefährliches Mitglied einer spitzbübischen, womöglich umstürzlerischen „Bande“ sei.

Ausbrüche in die Wirklichkeit

Frank Castorf hat wieder Fjodor Dostojewski inszeniert, die Erzählung „Ein junges Weib (Die Wirtin)“ diesmal. Derlei handgreifliche Ausbrüche in die Wirklichkeit, hinaus in die große Welt- und kleinere Theaterpolitik, wie Angerers Gebetszitat sind seltene, fast absichtlich eingestaubte Ausnahmen an diesem Abend, eher diffuse Verweise auf ein Früher, als Castorf mit seiner Volksbühne zum König aller umstürzlerischen Ausbruchskünstler wurde, als er das Verwischen der Figuren- und Theatergrenzen betrieb, um der Realität forsch ins Räderwerk zu fassen. Das war einmal. Castorf hat mit der 1847 erschienen „Wirtin“ zwar seinen bereits sechsten Dostojewski herausgebracht, aber die Unterschiede zu den „Dämonen“ (vor zwölf Jahren) oder „Schuld und Sühne“ (vor fünf Jahren) etwa sind enorm.

Damals hat er, als es das unsinnige Schlagwort von der „Rückkehr der Religion“ noch gar nicht gab, gesagt, allein die Rationalität der schnell arbeitenden Computerzeit, das gehe nicht. Nur mit Zynismus zerbreche alles: „Religiosität ist ein Anker.“ Das hat viele, vor allem die religiös Unmusikalischen, verblüfft. Dennoch ließen sich viele von seinen wahrlich hinreißenden Dostojewski-Inszenierungen auf die Reise ins Religiöse mitnehmen, vielleicht auch deshalb, weil der Anker Religion dabei noch gehörig widerständischen Geist verströmte. Jetzt aber, mit der „Wirtin“, geht es Castorf offenbar nicht mehr (nur) um Religion, kaum um Politik oder die Selbstbefragung des eigenen Schaffens: Es geht um Frömmigkeit, die nach Innen gerichtete, eher defensive Suche nach einem Gottesanker.

Experimentelle Frömmigkeit

Man kann auf viele Weisen fromm sein, fromm wie das Lamm oder fromm wie ein Kind zum Beispiel. Die Frömmigkeit dieses Abends ist experimenteller Art: Was hieße es, so fragt er, die Religion nicht nur intellektuell schick und spannend zu finden, sondern mit ihr Ernst zu machen?

„Die Wirtin“ ist für solche Erforschung der Frömmigkeit hervorragend geeignet. Denn in dieser Erzählung macht man die Bekanntschaft mit dem jungen Möchtegernintellektuellen Ordynoff, der in einer Kirche der frommen Katerina ansichtig wird, „rein wie eine Taube“, jedoch in Begleitung des dunkelumwölkten, betagten Murin. Ordynoff sieht Katerina vor einem Heiligenbild niedersinken – und ist sowohl ihr als auch ihrer Glaubenstiefe so rasch wie rücksichtslos verfallen.

Aber er verliebt sich nicht bloß, es ist, als werde er von einem Gottesblitz, einer Offenbarung, dem vertikalen Durchschlag des Daseins, getroffen. Nachdem er bei Katerina und Murin eingezogen ist, fällt er dieser Offenbarungslogik gemäß in einen Fiebertraum, der sein Bewusstsein in einen anderen Zustand überführt. Sein Herz erfüllt ein „krampfhaftes Entzücken“, seinen Geist meint er, in „Sehnsucht und Verwirrung“ vergehen zu sehen.

Aus diesem Zustand heraus, in dem „das Denken versagt“ und das Dasein „in Unordnung“ gerät, hat Castorf inszeniert. Jede Figur und jedes Bild ist, als suchten die Sehnsucht, die Verwirrung und das krampfhafte Entzücken eine heilige Dreieinigkeit. Die erzählerische Ordnung verdampft, die Szenen selbst scheinen immer wieder zu einzelnen Blitzlichtbildern festzufrieren. Das ist anstrengend anzuschauen, aber konsequent: Frömmigkeit und Ironie vertragen sich nicht.

Altar und Plumpsklo

Eine schwarze Bretterbaracke steht auf der von Bert Neumann entworfenen Drehbühne, davor ein Zugbrunnen, daneben ein Holzstock. Im Vordergrund aber thront eine Leinwand, die grobkörnige, großpixelige Bilder aus dem Barackeninnenleben liefert. Fast alles spielt sich dort zwischen Altar, Plumpsklo und Bettenlager ab. Fast immer sind wir also Leinwandzuschauer, sehen Ordynoff einen Fernseher tragen, auf dem Katerina zu sehen ist, die ihre Lebensgeschichte beichtet. Die atemlos erzählt, wie sie mit Murin, dem Liebhaber ihrer Mutter, aus dem Elternhaus floh und ihm seitdem verfallen ist. Ordynoff hört zu, als säße er dem dreieinigen Gott zu Füßen. Alles geschieht hier, als sei es Fiebertraumausgeburt – und Offenbarungsschau.

Deshalb die sonderbare Spielweise: Immer ist es, als würden die Darsteller sich zu ihren Figuren verhalten wie die Mystiker zur Gotteserkenntnis – als Schauende. Die Schauspieler werden zu Schau-Spielern. Kathrin Angerer als Katerina spricht deshalb, als gelte es, aus Worten einen Hochaltar zu errichten. Trystan Pütter als Ordynoff und Marc Hosemann als Murin rennen, hecheln, grummeln, als trieften ihre Seelen vor Erlösungsschweiß. Ein furioses Trio, das Inbild jener Trinität aus Sehnsucht, Verwirrung und Entzücken, in der alle – Bärbel Bolle, Volker Spengler, Harald Warmbrunn und Hendrik Arnst nicht weniger – nichts wollen als Frömmigkeitswelten zu ergründen. Sie finden: Fromm sein heißt, sich verwirren lassen, in Bilder und Bedingungen geraten, die dem eigenen Wollen und Vermögen entzogen sind.

Dieser Abend installiert deshalb Seelenzustände. Er stürzt sich in den Himmel (oder Abgrund?) der Frömmigkeit, um sie auf ihre Haltbarkeit zu testen. Er stellt sich ins Gewitter der Offenbarung – und inszeniert gleichermaßen Schock- wie Entzückungsbilder.

Frömmigkeit als Überforderung also, als Revolution der Seele? Dieser Abend will offenbar als unerhört unzeitgeistige Herausforderung begriffen werden.

Die Wirtin, 9., 25. 11., Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, K.: 24?06?57?77

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare