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So betrachtet wie Babyspielzeug: Die Windkämme von Eduardo Chillida.

Eduardo Chillida

Die Sehnsucht nach dem richtigen Zusammenleben

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Ein Besuch im spanischen San Sebastián auf den Spuren des baskischen Künstlers Chillida.

Der Mann: „Das ist ja alles ganz schön hier, aber dass er vor dem Bundeskanzleramt steht, das ist doch ein Skandal. Als hätten wir in Deutschland keine Künstler.“ Die Frau: „Da haben Sie völlig recht. Das sehe ich ganz genau so.“ Die beiden sprechen über die Großplastik – 5,5 Meter hoch und 87,5 Tonnen schwer – des baskischen Künstlers Eduardo Chillida (1924–2002) vor dem Bundeskanzleramt. Sie ist eine Schenkung Münchner Privatsammler an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die Stahlskulptur im Jahre 2000, da regierte noch Bundeskanzler Gerhard Schröder, als Dauerleihgabe vor das Bundeskanzleramt stellte.

Zwei Elemente aus Korten-Stahl stehen nahe bei einander, aber jedes für sich allein. Sie scheinen nacheinander zu greifen, berühren sich aber nicht. Beide sind gleich groß, keines ist dominant. Sie scheinen wie von Rost überzogen. Sie stehen hier als ein Symbol der Wiedervereinigung der beiden Deutschlands.

Diese Stahlträger sind das Markenzeichen Chillidas. Er hat sie fast überall auf der Welt aufgestellt. Aus einem massiven Träger scheinen Arme herauszukommen. Um diesen Eindruck zu erzeugen, muss der Stahl mit Riesenkräften verbogen werden. Man kann sich vorstellen, wie ganze Werkhallen bei diesem Vorgang erschüttert wurden. Der Krach, die Gewalttätigkeit – etwas für richtige Kerle. Man sieht das, man soll es sehen. Das hat immer auch etwas Angeberisch-Komisches. Da es nicht viele Möglichkeiten gibt, den Stahl zu verformen, sehen die Figuren immer gleich aus.

Dennoch haben die beiden pensionierten Studiosus-Reisenden nicht recht. Sie sitzen hier in der Sonne vor dem Chillida-Leku-Museum in Hernani, unweit von San Sebastián im spanischen Baskenland. Leku ist baskisch und bedeutet Ort. Chillida-Leku ist der Skulpturenpark, den Chillida sich noch zu Lebzeiten errichtete: vierzig Skulpturen – aus Stahl, Granit und Beton, in allen möglichen Größen, dazu klein am Rande sein Grab –, auf zwölf Hektar. Bestens gepflegter Rasen, schöne Bäume und ein ehemaliges Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert, das heute als Chillida-Museum dient. Man kann darin Kleinplastik, Entwürfe, aber auch Papiercollagen sehen und Fotos, die ihn und seine Familie zeigen.

Die Augen öffnen in San Sebastián

Ich war dort, weil das Museum Wiesbaden eine Reihe Journalisten zu dieser Reise eingeladen hatte. Im Museum Wiesbaden beginnt am 16. November eine Chillida-Ausstellung mit mehr als 100 Objekten. Uns sollten in San Sebastián die Augen für die Wiesbadener Ausstellung geöffnet werden. Für das, so sagen es die Chillida-Kenner, „künstlerische Wechselspiel zwischen dreidimensionaler Leere und Materie“.

Das hat nicht so ganz geklappt. Mich amüsiert die Kraftmeierei jetzt, da ich sehe, dass ohne sie – fast – nichts ging bei Chillida, eher noch mehr. Sein berühmtestes Werk sind die „Windkämme“ am Strand von San Sebastián. Hier hatte er als Kind gespielt, den Wellen zugeschaut, die gegen die Mole angischten. Es gibt Fotos, die zeigen die gesplitteten und verbogenen Stahlträger als über das Meer herrschende Riesen. Das ist allein das Werk der Fotografen. Vor Ort wirken sie eher klein und auch die Gewalt, die nötig war, sie in die Form zu bringen, in der sie jetzt auf den Felsen stehen, wirkt niedlich im Vergleich zu dem, was der Besucher auf dem Weg zu ihnen sieht.

Da ist nicht nur rechts von ihm der Ozean, sondern links eine nackte Felswand. Die Gesteinsschichten sind deutlich zu erkennen. Und so sieht man auch, dass eine wirkliche Gewalt diese Felsen einst aus der Horizontalen in die Vertikale schob. Daneben wirken Chillidas Stahlskulpturen wie Babyspielsachen. Der Eindruck archaischer Gewalt, den die Fotos vermitteln, geht der Sache selbst ab.

Die Komik wird an Tagen, an denen das Meer ein wenig in Bewegung ist, stark befeuert durch junge und auch ein paar ältere Herren, die sich spritzenden Wellen mit geschwellter Brust und hinter der Deckung einer hohen Mauer entgegenstellen und plötzlich pitschnass geworden verlegen und stolz zugleich sich zu ihren Begleiterinnen wenden, die ihnen einen Kuss geben, aber sie sich gleichzeitig vom Leibe halten.

Der Beobachter, der die Paare betrachtet, geniert sich dabei ein wenig, denn er soll doch jetzt diese Stahlskulpturen analysieren, sich belehren lassen über die spezifischen Eigenschaften von Korten-Stahl, also darüber, dass er unter der eigentlichen Rostschicht eine dichte Sperrschicht aus Sulfaten oder Phosphaten hat, die ihn vor weiterer Korrosion schützt.

Stattdessen schaut er den jungen Menschen bei ihren Balzspielen zu. Der Wechsel von Annäherung und Entfernung kommt ihm vor wie ein Tanz. Ein Paar hat den größtmöglichen Abstand, aber sie blicken immer wieder über all die anderen Besucher hinweg einer zum anderen. Als sie wieder aufeinander zugehen, strahlen sie sich an, berühren sich aber nicht. Solche Szenen stellte kaum jemand uns so eindringlich vor Augen wie die 2009 verstorbene Pina Bausch.

Inzwischen geht es nicht mehr um Chillida und den Korten-Stahl, sondern darum, wo wir heute Abend essen gehen werden. So ist das bei Reisenden. Auch bei Journalisten.

Am Tag darauf fahren wir ins Chillida-Leku-Museum. Das ist seit 2010 nur für angemeldete Besucher geöffnet. Allerdings soll es Ende des Jahres wieder für alle Interessierten zugänglich sein. Ich weiß nicht, ob es dann überlaufen sein wird. Die drei, vier Stunden, die wir dort verbrachten, war unsere Gruppe nur ganz am Anfang allein, aber das Gelände ist groß genug. Man kann dort sehr schön allein für sich sitzen und sich Gedanken machen über das, was man sieht, über die Ungerechtigkeit zum Beispiel, dass bei den Skulpturen kleine Erläuterungen stehen, nicht aber bei den Bäumen – eine Kiefer darunter wie aus einem Fellini-Film – und Büschen, für die man sich bald ebenso sehr zu interessieren beginnt wie für die Arbeiten Eduardo Chillidas.

Besessen von Vereinigung und Trennung

Warum haben die beiden Studiosus-Reisenden mit ihrem Einwand nicht recht? Wer durch diesen Skulpturenpark geht, der sieht schnell, dass Chillida besessen ist von Vereinigung und Trennung. Es scheint sein einziges Thema zu sein. Zwei riesige Stahlbleche stehen einander gegenüber. Steine scheinen ineinander gefugt. Einer jener Stahlträger wie bei den „Windkämmen“ wurde gesplittet und ein zweiter Stahlträger ragt in diesen Spalt hinein. Pornografie aus Stahl.

Dann wieder ein Stein, vor dem man steht und nicht weiß, ob er wirklich ein Stein ist, der so tut, als wäre er aus zweien zusammengefügt, oder ob hier nicht wirklich zwei Steine so stark bearbeitet wurden, dass sie wirken, als wären sie einer. Sind einem erst einmal die Augen geöffnet, erkennt man, dass es in diesem ganzen Park keine Skulptur gibt, die nicht das Spiel von Vereinigung und Trennung betreibt.

Selbst diese riesige allein stehende gebogene Stahlplatte „Buscando la Luz I“ kann ich nicht sehen, ohne an die Buddhastatuen von Bamiyan zu denken. Die gebogene Platte wirkt wie eine Nische, die darauf wartet, gefüllt zu werden. Chillida ließ sie 1997 aufstellen. 2001 erst zerstörten die Taliban die Buddhas und ließen in Bamiyan allein die Nischen zurück. Meine Bamiyan-Assoziation ist also wahrscheinlich falsch. Aber Pharaonen standen in ähnlichen Nischen. Und ich sah niemanden, der sich nicht in sie hineingestellt und die darin webenden wirklichen Spinnen betrachtet hätte. Sonst sieht der Besucher bei von Chillida inszenierten Paarungen zu, hier spielt er mit.

Das Trennen und das Wiedervereinigen beginnt schon beim Material. Granit besteht aus Feldspat, Quarz und Glimmer, und Stahl ist eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung. Woher Chillidas Fixierung kommt, weiß ich nicht. Aber es ist ganz klar: Zum Thema Wiedervereinigung hätte man keinen besseren Künstler als den Basken Eduardo Chillida finden können. Die Frage, was zusammengehört, hat ihn sein Leben lang begleitet. Gleich hinter San Sebastián ist die Grenze, die Spanien von Frankreich trennt. Aber das Baskenland geht in Frankreich weiter.

Bei Chillida wächst nichts zusammen, das zusammen gehört. Hier wird zusammengeschlagen, mit Gewalt auseinandergerissen oder zusammengebracht, was ohne Gewalt in ganz anderen Paarungen läge. Einer der Söhne Chillidas erklärte mir die „Windkämme“. Sie streckten die Arme aus, weil sie sich nacheinander sehnten. Denn einst seien all diese Steine ein einziger Fels gewesen, aus dem das Wasser sie Stück um Stück herausgerissen habe. Nein, politisch habe sein Vater das nicht gemeint. Die Felsen stünden nicht für ein auf verschiedene Nationalstaaten verteiltes, zerrissenes Baskenland. Die „Windkämme“ erinnerten aber an die Sehnsucht nach Vereinigung.

Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich erinnere mich nur, dass im Museum eine der späten Arbeiten Chillidas zu sehen ist. Parmenides-Illustrationen für die „Art of this Century“-Kollektion des Guggenheim-Museums. Der griechische Dichter-Philosoph hatte im Kampanien des fünften vorchristlichen Jahrhunderts erklärt: „Das Seiende ist nach allen Seiten hin abgeschlossen, vergleichbar der Masse einer wohlgerundeten Kugel, von der Mitte nach allen Seiten hin gleich stark.“ Wir wissen, alles, vor allem das Nicht-Seiende, zerrt an diesem schönen Ganzen, zerreißt es und fügt es falsch wieder zusammen. Die Sehnsucht nach dem richtigen Zusammenleben bleibt ungestillt und bleibt eben darum.

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