Das Museum Barberini in Potsdam.
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Das Museum Barberini in Potsdam.

Barberini Museum

Die Seerosen-Rebellion

  • vonIngeborg Ruthe
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Glanzvolles Museum für Potsdam: die Eröffnung des wiedererstandenen Palazzo Barberini.

Die Kunstwelt schaut auf Potsdam und reist in die Stadt. Bewunderung dürfte sich einstellen, wenn am heutigen Freitagabend die Glocken der nahen Nikolaikirche für einen Traum läuten, der Wirklichkeit geworden ist, mit 17 Ausstellungssälen auf 2200 Quadratmetern und einem Innenhof, auf dem schon seit vorigem Jahr der politisch so gleichnishafte bronzene „Jahrhundertschritt“ des Leipzigers Wolfgang Mattheuer steht.

Das private Museum Barberini des Kunstsammlers Hasso Plattner eröffnet mit einem Großauftritt flirrenden Lichts, in dem sich Dinge, Figuren, auflösen, Formen nur noch Farben, Farbtupfer sind: mit dem Impressionismus. Vor diesen Bildern sollte man einige Schritte zurücktreten. Dann wird man ein Sehender. Ja, die Maler wollten damals den Akt des Sehens nachempfinden. Sie lösten ihre Farbflächen, die Dinge und deren Schatten in Pinselstriche auf, die sich erst mit Abstand im Auge des Betrachters mischen.

Was heute mitunter nur als spontane Stimmungsmalerei, gar als gefällig empfunden wird, war damals, um 1870, Revolte und daher Skandal. Die Maler stellten sich gegen den Akademismus, gegen die gegenständliche Salonmalerei. Die Impressionisten, die ihre Ateliers verlassen hatten und in der freien Natur oft gemeinsam malten und zeichneten, forderten gleichsam auf, über Wahrnehmung nachzudenken, über Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, über ein Kornfeld, rot durchwachsen mit Klatschmohn, über das Blattwerk einer Pappel oder das Treiben auf den Boulevards. Und das wirklich Revolutionäre: Der Impressionismus verzichtet auf historische, historizierende und ideologische Inhalte. Es geht ums Sein, um die Elemente.

Erstaunlicherweise entstanden dabei viele Motive gleichsam in Variationen oder, wie wir heute mit dem Wissen um die Konzeptkunst sagen würden, in Serien. Espritgeladen sind die Bilder der französischen Impressionisten, die nun die Barberini-Säle füllen, Landschaften zumeist: Häfen, Felsen an der Steilküste der Normandie, Frühlings-Sommer-Herbst- und Winter-Felder, dazu Gärten und Parks. Man nimmt die Jahreszeiten förmlich mit allen Sinnen auf, vermeint sie fast zu riechen.

Etwas preußisch-herber sind die Gemälde von Max Liebermann, denen man im Erdgeschoss begegnet. Das atemberaubende Aufgebot entstammt zum Teil der seit den 1980er Jahren entstandenen Sammlung Plattners selbst oder weiteren internationalen Privatsammlungen und Museen. Sicher wollen die Besucher rasch hin zu den Bildern der Licht- und Luft-Zauberer, den Monets und Manets, den Corots, Sisleys, Pissarros, den Caillebottes und Morisots, den Renoires, Signacs, Morets, zu Rodins „Denker“ auf dem Sockel und zu den Meisterwerken Liebermanns. Oder auch zu den frühen expressiven Bildern von Munch oder Nolde. Dessen „Schwertlilien“ von 1907 leuchten rot auf wie Pop Art.

In Monets „Seerosen“-Raum im zweiten Stock hat das Team schon Tage vor der Eröffnung „aufgetankt“. Vor den vier – wahrhaftig seriellen – „Nymphéas“, gemalt in den Jahren 1904 bis 1917 – das erste Gemälde ist eine Leihgabe aus Denver/USA – erlebt man als Betrachter überraschende Perspektivwechsel. Die Ansicht der Blüten und Blätter wird zur – fast abstrakten – Aufsicht, dieses Stück Natur wirkt raumlos, hat kein Zentrum, keinen Horizont und der Himmel ist nur noch Reflexion auf dem Wasser. Die großformatigen Seerosen aus dem Weltkriegsjahr 1914 sind in ihrer fast blaugrünlila-Stimmung auch eine Art Zeitbild aus Angst und Hoffnung, Schönheit und Tod.

Claude Monet ist der Superstar dieser Barberini-Eröffnung. Allein 41 Bilder des Franzosen breiten Museumsgründer Plattner und Direktorin Ortrud Westheider aus. Das ist der Löwenanteil der insgesamt 92 impressionistischen Werke. Gerade Monet erweist sich als ein früher Meister der Variation, ja, der gezielt angelegten Serien. Sein „Heuhaufen im Sonnenlicht mit Schnee-Effekt“, 1891, ist Impressionismus in Reinkultur: Links und rechts davon gibt es im Saal viermal das gleiche simple Motiv bäuerlicher Heugabelkunst. Nur in immer anderem Licht. Ein atmosphärisches Phänomen ist das zottige Gebilde aus getrocknetem Gras im Morgengrauen, ein anderes in praller Mittagssonne. Und im melancholischen Abendlicht wird es zum Wesen aus einer anderen Welt.

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