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Ein Schritt auf neues Terrain

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Von: Arno Widmann

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Die Ausstellung „+ultra“ im Berliner Gropius-Bau zeigt, was ein Museum der Zukunft uns lehren wird.

Es ist die seit langem interessanteste Ausstellung in Berlin. Nichts wie hin. „+ultra“ heißt sie. Die Ausstellungsmacher sind womöglich stolz darauf, diesen Titel gegenüber dem Martin-Gropius-Bau, dort ist sie nämlich zu sehen, durchgesetzt zu haben. Das zeigt aber nur, wie begeistert sie sind von dem ganz und gar Neuen, das sie zeigen. Lassen Sie sich davon nicht abschrecken.

Es ist keine Ausstellung durch die man geht, rechts und links alte Bekannte grüßend, dazwischen mal stehen bleibend und sich über eine Vitrine beugend, um etwas näher zu betrachten. So manche großartige Ausstellung absolviert man in Wahrheit so. „+ultra“ ist völlig anders. Man kennt nichts, und was man kennt, erwartet man nicht in einem Museum. Man muss lesen, man muss auf Knöpfe drücken, Bewegungsabläufe beobachten. Mitarbeit ist erforderlich. Ich war zweimal in der Ausstellung und habe nur Bruchteile gesehen, geschweige denn verstanden.

Wovon redet der?, fragen Sie jetzt. „+ultra Gestaltung schafft Wissen“ ist der komplette Titel. Gestaltung ist also nicht nur Resultat von Wissen um das Darstellungsziel und das zu dessen Erreichung notwendige Material, sondern Gestaltung prägt auch selbst wieder unser Wissen. Wenn es nur das wäre, ich wäre nicht so begeistert. In Wahrheit reißt die Ausstellung ein Gutteil unserer Weltsicht nieder. Die hübsche Einteilung in Kultur und Natur wird hier zu Grabe getragen. Damit auch Marx’ berühmte Bemerkung aus dem ersten Band des „Kapital“: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“ Das ist definitiv falsch. Was man bei Tieren noch nicht beobachtet hat, ist, dass sie sich Entwurfszeichnungen anfertigen, nach denen sie dann arbeiten. Dass sie sich aber die Materialien bereitstellen, bevor sie anfangen, das ist gut belegt.

Nehmen Sie sich Zeit für die Vitrine gleich im ersten Raum, in der Werkzeuge, die Tiere angefertigt haben, neben denen von Menschen liegen. Die von Krähen gebogenen Haken zu betrachten ist der erste Schritt, um aus unserem Wir-sind-einzigartig-Kokon herauszukommen. Natürlich sind wir einzigartig. Aber nicht mehr als alle anderen auch. Manche Werkzeuge wurden nicht von Individuen hergestellt, sondern evolutionär herausgemendelt wie zum Beispiel die Scheren eines Krebses. Man steht davor und denkt daran, dass das deutsche Wort Arme auf Französisch Waffe bedeutet. Schon sieht man den Menschen als Evolutionsprodukt. Das ist er ohnehin. Das wissen wir. Aber wir haben uns daran gewöhnt, seine Evolution als abgeschlossen zu betrachten. Seit einer Million Jahren bringt nur noch Kultur ihn weiter. Kultur aber hat nur er. So lautet eine längst widerlegte Legende. Widerlegt ist freilich auch die Vorstellung, die kulturelle Entwicklung folge ganz anderen Mustern als die evolutionäre. Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie hilfreich es ist, sich nicht herauszunehmen aus der Natur. Der Mensch ist nichts Apartes. Er hat nichts Apartes für sich.

In einem späteren Saal geht es um „Gefühlskartierung“, darum also, Gefühle nicht nur lesen, sondern auch darstellen zu können. Ein großer Teil der Kunstgeschichte hat sich von jeher damit beschäftigt. Inzwischen gibt es Maschinen, die große Mengen nach gesuchten Gesichtern durchsuchen können. Ich fand in der Ausstellung leider keinen Hinweis darauf, dass unsere Haustiere unsere Gemütszustände sehr genau erfassen und auch wir nicht ganz blind sind gegenüber den ihren. Unsere Gefühle und die Art, wie wir sie zeigen, sind nicht nur nicht sonderlich individuell. Sie sind zu einem Gutteil noch nicht einmal artspezifisch.

Man stelle sich vor, unsere Museen machten ernst mit dieser Einsicht. Die Trennung von Natur und Kunst müsste aufgehoben werden. Sonst sind die beiden nicht für einander durchsichtig zu machen. Und ohne das werden wir sie beide nicht verstehen.

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