Lucian Freud

Schonungslos ehrlich

  • vonIngeborg Ruthe
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Die Ausstellung "Closer" zeigt die meisterhaften Radierungen von Lucian Freud im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Alles, was Lucian Freud malte, auf Kupferplatten ritzte oder auf Papier zeichnete, hätte in den 1920er, 30er Jahren Verismus geheißen. Das ist der Begriff für extreme, schneidend deutliche, kühl-sarkastische Körper-Bilder, wie wir sie von den Zeit-und Großstadt-Analysten Otto Dix und Georges Grosz kennen. Heutzutage wird so viel Über-Realismus gern Vivisektion genannt. Freud, geboren 1922 in Berlin, gestorben 2011 in London, wurde so zu einem der bedeutendsten (Mensch & Tier-)Maler und Radierer des späten 20. Jahrhunderts.

Ein Welt-Künstler, der dem Betrachter schonungslos ehrlich, zugleich obsessiv jede Pore, jedes fleckige Hautpartikel und jedes Haar aufs Auge drückte. Dies jedoch nicht unterkühlt, ohne ein Fünkchen von Zynismus. Freud liebte nämlich jene, die er so tabulos darstellte.

In der UBS Art Collection befinden sich Lucian Freuds Radierungen, Teil des Spätwerks, die gleichfalls jede Lebensspur festhalten. 51 dieser Papierarbeiten, gleichsam Studien der Vergänglichkeit, hängen nun als Leihgaben im Berliner Martin-Gropius-Bau, zusammen mit zwei Öl-Bildern – als Referenz dafür, dass die grafischen Motive immer erst nach den gemalten entstand und somit eigenständig sind.

Die Werke von Lucian Freud sind tabulos

Eines dieser Bezugsbilder ist das in pastosen Farben gemalte Meisterwerk „Doppelporträt“ von 1988/89, dem Bildnis von Freuds Windhund Pluto, zusammen mit seinem Lieblingsmodell Susanna, eine fast männlich herbe, dünne Frau mit müden traurigen Augen, die den Hund des Malers umklammert, als gebe das Tier ihr Halt.
 „Closer“ (Näher), heißt die Ausstellung, die erste dieser Art in Lucian Freuds Geburtsstadt.

Genanntes „Doppelporträt“, diese ganz private und doch zugleich auch universelle Szene, hat eine Parallele. Auf der danach entstandenen Radierung aber sind von der Frau nur wenige Zentimeter sichtbar. Und doch wird das vertraute Nebeneinander von Mensch und ruhendem Tier, diesem Sinnbild von Gelassenheit, deutlich. Nur ist irgendwie in der Grafik alles ein Deut schärfer, noch näher dran, sozusagen. Alles räumliche Zubehör ließ der Zeichner weg – Möbel, die Liegefläche, Decke, Kissen. Da ist nur noch ein System aus Linien, dünne, langgezogene, dicht an dicht, dazu breite, mit Säure geätzt und mit Tinte gedruckt. Und lineare Rundungen, Kurven, Rillen.

Monatelang arbeitete Freud an so einem Motiv, immer langsam, er radierte im Stehen. Ritzen, kratzen, ätzen – Korrekturen sind nicht möglich. Ein echter Zeichner/Radierer kann keine Farbschichten verändern. Er arbeitet wie ein Werfer: Zielen – und Treffen. Grafik ist bei Lucian Freud etwas ganz Eigenes, kein Dienstbote der Malerei. Zeichnen ist, das sehen wir bei Freud überdeutlich: Eine andere Art von Sprache.

Mehr als barock sind die Formen seines Modells Sue Tilley. Ein Körper im Übermaß an Brust, Beine, Po. Aber Lucian Freud lässt den massigen Körper die sich wölbenden Fleischmassen nicht lasten, sondern geradezu im Bild schweben. Und riesig die Fläche der Epidermis, akribisch gezeichnet. Er verpasste dieser modernen Venus von Willendorf ein Tattoo. Urfrauen-Symbol, zelebriert wie Brot und Fleisch bei Manet.

Der Kopf der alten Mutter, die Porträts von Freunden wie dem bulligen Australier Leigh Bowery, einem Künstlerfreund, den Freud bis zu seinem Aids-Tod immer wieder porträtierte, hängen im ersten Saal. Im nächsten dann die Akte, von Frauen, von Männern, atemberaubend präzise, von sexueller Aufladung keine Spur. Das hatte Freud nicht nötig, seine Bilder sind kreatürlich, spröde, existenziell, Erotik würde bloß stören. Er wollte, dass seine Modelle sich bei der Sitzung gut fühlten, sie sollten nicht das Gefühl haben, dem Künstler ausgesetzt zu sein. Er sei an Menschen als animalische Wesen interessiert, nicht als Ideal, sagte er. Und stellte sie darum meist nackt dar.

Und da ist er immer ein Analyst – Freud analysiert in Linien und Farbe immer nur Leute, die ihm menschlich nahe waren. Die knabenhafte Tochter Bella, die Freunde. „Mein Werk ist rein autobiografisch“, betonte er schon in den siebziger Jahren. „Es geht darin um mich und meine Umgebung.“ Die Erfahrungen der Flucht, des Exils schon als Jugendlicher haben wohl nicht zuletzt zu dieser Entscheidung seiner Motivwahl beigetragen. Er suchte die Nähe zu Leuten, nicht die Entfernung. Er wollte über sie „nachdenken“, weil sei ihn interessierten.

Zusammen mit Francis Bacon, R. B. Kitaj, Frank Auerbach und Leon Kossoff zählte Freud nach dem Krieg zur „London School“, für die das Manifest der Perfektion galt. Seither sah er sich außer Stande, das Geschaute zu idealisieren, zu straffen und damit erträglicher zu machen: Falten sind Falten, Fett ist Fett, schlaffe Brüste sind schlaffe Brüste, und Warzen sind Warzen.

So aber löste sein gnadenloser Realismus neben rückhaltloser Bewunderung – der englische Hoch- und Geldadel schätzt ihn als Porträtisten – auch Aggressionen aus. Er male Menschen wie Schinken, so die Kunstkritik. Er sei ein Frauenverachter, so die Feministinnen, Freud schone die Männer. Nun, schlagen die weiblichen Nacktmodelle meist die Augen nieder, um sich einen Rest Privatheit zu bewahren, so kann der entblößte „Mann auf dem Bett“ von 1987 sich nur entziehen, indem er den Kopf ins Laken drückt.

Bis zuletzt erreichte Freud immer, was er wollte: mit seinen Bildern in Erstaunen zu versetzen, zu verstören, zu verführen. Am Eingang hängt ein Foto von 2008. Das schmust der schon von der Krebserkrankung gezeichnete Maler mit einem gezähmten Fuchs. Ein paar Schritte weiter weg stehen wir vor einem Selbstbild, Aquarellfarben, das Gesicht ein flackerndes Farbfeld, der Mann noch in Saft und Kraft. Im letzten Raum dann eine Ätzradierung, sein letztes Selbstporträt, als Metapher der Vergänglichkeit. Düster das Braunschwarz der Farben, dicht die Schraffuren, die das abgezehrte Gesicht markieren. Vom Hals an abwärts wird alles schwarz, so als erobere die unheilbare Krankheit den ganzen Brustkorb. Aber die Augen, die sind wach, sie vollziehen zusammen mit der Zeichnerhand, diese letzte Selbst-Analyse, genau, unsentimental, ehrlich.

Das eigentliche Mysterium der Welt, sagte Freud, sei das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.

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