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Sarah Schumann starb im Alter von 85 Jahren.

Nachruf

Sarah Schumann sezierte die Schönheit, um sie sichtbar zu machen

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Sarah Schumann, die Künstlerin gewesen war, bevor sie eine Feministin wurde, blieb es auch, nachdem der Feminismus in die Ecke geschoben wurde. Zum Tod der Malerin Sarah Schumann.

Am vergangenen Mittwoch starb Sarah Schumann im Mittagsschlaf. 1933 war die Malerin in Berlin geboren worden. Ihre Eltern waren Bildhauer. Den Namen Sarah Schumann hatte sie nicht von ihnen, sondern sich selbst gegeben. Schon mit fünfzehn verließ sie das Elternhaus. 1953 hatte sie ihre erste Ausstellung in der Zimmergalerie Franck in Frankfurt. Danach lebte sie in London und in Italien. Seit 1968 wieder in Berlin, unterbrochen von Aufenthalten in Rom, Neu-Delhi, Mumbai und Nairobi.

Als ich sie vergangenes Jahr das letzte Mal traf, sagte sie mir, sie habe aufgehört zu malen. Bis dahin hatte sie jeden Tag an einem Bild gearbeitet. Schon lange nicht mehr die großen, prachtvollen Gemälde, auf denen Porträtfotos mit Malereien zu Traumbildern verschmolzen. Es waren Feste der Schönheit in einem Milieu, das beschlossen hatte, Schönheit sei obsolet. Ihre Savannenbilder aus Kenia schienen noch einmal vor ihrer Vernichtung die Schönheit der Tiere zu beschwören.

Sarah Schumann zeichnete und malte die ruinöse Schönheit Dresdens

Wer genauer hinsah, der konnte erfahren, wie sehr Sarah Schumann die Schönheit sezierte, um sie sichtbar zu machen. So kam sie in den 80ern immer wieder in die DDR. Denn hier hatte der Wiederaufbau noch nicht alles glatt geleckt. Sarah Schumann zeichnete und malte die ruinöse Schönheit Dresdens. Die Parklandschaften von Lenné und Pückler-Muskau. Sie liebte die Spuren der Vernichtung als Spuren des Lebens.

Mitte der 70er gehörte sie zur Frauengruppe „Brot und Rosen“ und organisierte die Schau „Künstlerinnen international 1877–1977“ In einem Interview, das man auf der Website des Städel nachlesen kann, erzählt sie, dass zu Beginn der Vorbereitungen sie noch an die Entdeckung einer eigenen weiblichen Ästhetik geglaubt habe. Aber je mehr Arbeiten sie sah, desto deutlicher wurde, dass sich von den Werken nicht auf das Geschlecht schließen ließ. Die Ausstellung machte damals Epoche. Mit einem Male wurde deutlich, wie viele Künstlerinnen es gegeben hatte, wie viele es gab.

Sarah Schumann, die Künstlerin gewesen war, bevor sie eine Feministin wurde, blieb es auch, nachdem der Feminismus in die Ecke geschoben wurde. Sie verkaufte weniger. Am 25. Oktober 2017 starb ihre 13 Jahre jüngere Freundin, die Autorin Silvia Bovenschen. Jetzt ist auch Sarah Schumann gestorben. Vor ihrer Wiederentdeckung.

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